Reiten Hilmar Meyer spricht über seine Erlebnisse in Valencia

Hilmar Meyer ist nach dem Herpes-Ausbruch in Valencia seit rund einer Woche zurück in Morsum. Die Bilder von den leidenden Tieren sind bei dem Pferdeliebhaber hängen geblieben.
27.03.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Sina Stahlsmeier

„Ich würde überall wieder auf ein Turnier fahren, aber nicht nach Spanien.“ Das ist das Fazit des Morsumer Stallbetreibers und Ausbilders Hilmar Meyer, nach seiner Rückkehr aus dem spanischen Valencia. Dort brach im vergangenen Monat während des internationalen Springturniers CES Valencia-Tour bei zahlreichen der 550 angereisten Pferde das Equine Herpesvirus 1 (EHV-1) aus. Dass der Erreger auftaucht, ist jedoch keine Seltenheit. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) schreibt auf ihrer Internetseite zum EHV-1: „Ein mit EHV-1 infiziertes Pferd bleibt lebenslang Träger des Virus und so tragen etwa 80 Prozent der Pferde das Virus in sich. Unabhängig vom Ausbruch in Valencia kommt es in den Wintermonaten in Deutschland regelmäßig zu Herpes-Fällen, da das Virus in der Pferdepopulation weit verbreitet ist. In sehr vielen Fällen bricht die Erkrankung mit kaum merklichen Krankheitsanzeichen auf.“

In Valencia sind die infektiösen Pferde allerdings nicht rechtzeitig – wie es notwendig gewesen wäre – von den gesunden Tieren separiert worden. Das hatte schwere Folgen: Die Fédération Equestre Internationale (FEI), die sich um alle internationalen Belange des Pferdesports kümmert, bestätigte in einer Pressemitteilung vom 19. März, dass insgesamt 17 Pferde an den Folgen der Herpeserkrankung gestorben seien, davon waren fünf aus Deutschland angereist. Für Hilmar Meyer steht fest: „Der Veranstalter ist schuld. Die ersten Symptome wurden auf die leichte Schulter genommen und als die Lage eskaliert ist, haben wir überhaupt keine Unterstützung erfahren.“ Die FEI hat nach diesem Vorfall eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die nun untersuchen soll, was bei der CES Valencia-Tour zu der schnellen und flächendeckenden Verbreitung des EHV geführt hat und Schlüsse daraus ziehen.

Um zu verstehen, warum die Lage auf dem internationalen Springturnier so eskaliert ist, ist es sinnvoll, Meyers Schilderungen ab Prüfungsstart Mitte Februar chronologisch zu verfolgen: Die CES Valencia-Tour startet am 28. Januar und soll bis zum 21. Februar mit zahlreichen internationalen Springprüfungen ein großer Auftakt der neuen Saison werden, die durch die coronabedingten Turnierabsagen viele Berufsreiter ins Ausland zieht. Hilmar Meyer verlässt seinen Stall am 30. Januar mit 24 eigenen Pferden, von denen einige Verkaufspferde sind, die im Ausland auf hohem Niveau vorgestellt werden sollen. Dazu reisen noch acht weitere Pferde von Reitschülern mit.

Erste Fälle Anfang Februar

Am 4. Februar habe es in Valencia schon den ersten Fieberfall gegeben. Vier Pferde hätten Symptome einer Herpesinfektion gehabt, die vom Veranstalter „einfach totgeschwiegen worden sind“, schildert Meyer. Wären die Pferde von Anfang an separiert worden und es wäre offen kommuniziert worden, hätte Schlimmeres verhindert werden können, ist er sich sicher. EHV-1 ist in Deutschland nicht anzeige- oder meldepflichtig. Herpes-Ausbrüche lassen sich über Quarantäne- und Hygienemaßnahmen eindämmen und auf einzelne Höfe begrenzen, wenn die erforderlichen Maßnahmen eingehalten würden. Hygiene- und Quarantänemaßnahmen seien entscheidend, um die Weiterverbreitung zu verhindern, heißt es vonseiten der FN.

Die Separation der kranken Tiere sei in Valencia vom Turnierveranstalter verhindert worden, da dieser sich geweigert habe, Pensionspferde aus der Anlage auszustallen, sagt Hilmar Meyer. Er sei daraufhin mit weiteren erfahrenen Pferdebesitzern zum Ministerium in Valencia gegangen, um den Vorfall zu melden. Außerdem habe er sich mit Göran Åckerström, Direktor der FEI-Veterinärabteilung, und Sönke Lauterbach, Generalsekretär der FN, in Verbindung gesetzt und Hilfe angefordert. „Von der FEI und auch der Deutschen Reiterlichen Vereinigung haben wir große Unterstützung erfahren.“

In den nächsten Stunden und Tagen errichten Turnierteilnehmer und Pferdebesitzer eigenständig Quarantäneboxen. Er werden Vorrichtungen für erkrankte Pferde gebaut, die nicht mehr alleine stehen können – aufgrund neurologischer Einschränkungen durch das Virus. Schließlich treffen auch zwei Tierärztinnen aus der Tierklinik in Lüsche ein, die die FN nach Valencia entsandt hatte.

Impfung als Hilfsmittel

Doch wie können Vorfälle wie in Spanien verhindert werden? "Ich denke, eine flächendeckende Impfung aller Pferde, die auf Turnieren eingesetzt werden, wäre sinnvoll“, sagt Hilmar Meyer. Auch wenn keine Garantie bestünde, dass sie sich nicht anstecken, hätte diese Maßnahme vielleicht Schlimmeres verhindert. Die FN schreibt auf ihrer Internetseite zur Herpesimpfung: "Eine Impfung gegen EHV-1 verringert die Virusausscheidung bei infizierten Pferden und kann dadurch das Risiko einer Krankheitsübertragung bei möglichst flächendeckender Impfung im Bestand deutlich senken. Die Krankheitsanzeichen, die Herpes hervorruft, werden durch die Impfung in vielen Fällen abgemildert. Die Impfung kann allerdings den Ausbruch der Erkrankung beim einzelnen Pferd nicht sicher verhindern."

In den Wochen nach dem Bekanntwerden des Herpesausbruchs in Valencia folgen zahlreiche Artikel in den verschiedensten Medien, Interviews und Berichte der Turnierteilnehmer. Hilmar Meyer erlebt die Situation zu diesem Zeitpunkt wie in einem Tunnel. Denn er und weitere Helfer arbeiten im Minutentakt dran, dass den erkrankten Tieren geholfen wird. „Wir sind mit fremden Pferden in die umliegenden Kliniken gefahren, bis diese überfüllt waren. Vor allem auch die Leiterin der Klinik in Valencia und unsere Leute aus Lüsche haben unglaublich viel gearbeitet und dafür gesorgt, dass viele Pferde gerettet werden konnten.“

Am Donnerstag vergangener Woche ist Meyer mit seinem Team und den verbliebenen Pferden wieder in Morsum angekommen. Die Pferde haben in Valencia alle einen PCR-Test durchlaufen müssen, bevor sie mit Genehmigung des Kreisveterinäramtes zurückgebracht worden sind. In einem gerade erst neu gebauten Stall – einige Kilometer vom Hauptstall entfernt – sind die Rückkehrer nun untergebracht und erholen sich langsam. „Die Pferde zeigen kaum noch Symptome und werden zum Teil auch schon wieder geritten“, erzählt Meyer. Die Quarantäne sowie das Besuchs- und Trainingsverbot auf der Anlage seien zwar Auflagen des Veterinäramtes gewesen, er hätte seinen Betrieb aber so oder so für Außenstehende geschlossen und die Pferde entsprechend separiert, sagt der Pferdehändler. 21 Tage nach dem ersten PCR-Test müssen die Pferde in Quarantäne erneut negativ getestet werden, bevor sie wieder in den normalen Bestand zurückgeführt werden dürfen, so kann die Verbreitung des Virus sicher eingedämmt werden.

Auch ein wirtschaftlicher Verlust

Was bei dem Pferdeliebhaber von der Valencia-Reise zurückbleibt, sind die Bilder der leidenden Tiere. Diese Bilder versucht Hilmar Meyer „so weit wie möglich von mir wegzuschieben.“ Neben dem emotionalen Trauma sei ganz klar auch ein wirtschaftlicher Verlust entstanden. „Allein schon dadurch, weil wir Tierärzte bezahlen mussten und uns – gemeinsam mit Axel Milkau von der FN und vielen anderen – darum gekümmert haben, dass genug Futter und Wasser zur Verfügung stand.“ Für einige Reiter seien mit dem Verlust ihres Top-Pferdes und den hohen Kosten Existenzen zerbrochen, vermutet der Betreiber des Ausbildungs- und Verkaufsstalls: „Es ist schlimm zu sehen, wie ein Reiter ohne die finanzielle Hilfe von Sponsoren ein Top-Pferd über Jahre hinweg aufgebaut hat und es wegen Unachtsamkeit und Kommerz verliert.“ Die Konsequenz müsse nun darin bestehen, dass die FEI strenger kontrolliert, ausreichend Quarantäneboxen zur Verfügung stehen und den Veranstalter für künftige Touren zu sperren, findet Hilmar Meyer.

Die FN hat indes angekündigt, nationale Pferdesport- und Zuchtveranstaltungen ab 29. März 2021 wieder zuzulassen – allerdings bis zum 11. April unter der Voraussetzung, dass dabei keine Pferde vor Ort eingestallt werden oder übernachten. Gemeinsam mit den Mitglieds- und Anschlussverbänden ist Anfang März entschieden worden, alle Veranstaltungen bis 28. März abzusagen. Die Aufhebung des Veranstaltungsstopps betrifft jedoch nur nationale Turniere. Der Weltreiterverband FEI hat bereits am 12. März alle internationalen Turniere in mehreren europäischen Ländern bis zum 11. April abgesagt. Darunter auch in Deutschland, wo sich die Lage der Valencia-Rückkehrer laut FN mittlerweile entspannt.

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