Das schlimmste Spiel meines Lebens So sollte es sein

Bastian Reiners, Fußballer des TSV Etelsen, erinnert sich an sein schlimmstes Spiel in seiner bisherigen sportlichen Laufbahn.
20.05.2020, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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So sollte es sein
Von Patrick Hilmes

Fußballer spielen so einige Spiele in ihrer Laufbahn. Meisterschaften, Pokalrunden, Freundschaftsspiele – da kommt schnell eine gehörige Anzahl zusammen. Entsprechend schwierig könnte es sein, sich direkt an sein schlimmstes Spiel zu erinnern. Doch bei Bastian Reiners ist das anders, wie aus der Pistole geschossen, ohne auch nur eine Sekunde Bedenkzeit kommt: „TSV Blender gegen MTV Riede am 3. April 2010.“ Dieses Datum hat sich in Reiners Gehirn gebrannt wie kaum ein anderes – und das aus gleich mehreren Gründen. Blender gegen Riede, das bedeutet Gemeindederby. Dem Nachbarn ein Schnippchen zu schlagen, das will jeder Fußballer gerne. Reiners lief damals noch für den TSV Blender auf, der Außenseiter gegen Riede war. Dem Favoriten ein Bein stellen, das war ein weiterer Anreiz. Doch es sollte alles nicht so kommen, wie sich Bastian Reiners das erhofft hatte – und noch viel schlimmer.

Hagen Röpke erzielte in Minute 17 das 1:0 für den MTV Riede. Kurz vor der Pause bot sich Reiners die Riesenchance zum Ausgleich. „Der Ball knallte unter die Latte und aus meiner Sicht danach hinter die Linie. Der Schiedsrichter sah das aber anders und somit blieb es beim 0:1“, erinnert sich Reiners, als wäre diese Partie erst gestern gewesen. „Entsprechend schlecht gelaunt ging es schon in die Kabine.“ Kurz nach Wiederbeginn wurde Reiners dann per Steilpass von seinem Mitspieler Yannick Braatz geschickt. Der damalige sowie heutige MTV-Keeper Marcel Bremer versuchte, diesen Angriff zu unterbinden, konnte Reiners jedoch nur noch per Foulspiel stoppen. „Ich konnte den Ball noch an ihm vorbeispitzeln, doch er traf mich auf Kniehöhe. Ich wurde vom Platz getragen und dachte nur: Ich will schießen, ich will den Elfer schießen, ich will wieder auf den Platz. Dann sah ich runter auf mein Knie“, schildert Reiners die Szenerie.

Was der heute 29-Jährige damals sah, zerstörte seine Hoffnungen mit sofortiger Wirkung. „Da war ein riesiger Ballon auf meinem rechten Knie. Ich dachte sofort: Okay, ich komme wohl nicht wieder rein.“ Den Strafstoß verwandelte zwar Reiners damaliger Kapitän Lars Hustedt zum zwischenzeitlichen 1:1, doch am Ende ging die Partie dennoch mit 1:2 aus TSV-Sicht verloren. Hagen Röpke schlug in Minute 55. ein zweites Mal für Riede zu. Blender verlor das Derby, Riede stieg am Saisonende auf und Reiners sollte noch lange die Nachwirkungen dieser Partie spüren.

Der Stürmer wurde ins Krankenhaus gebracht. „Ich hatte natürlich Angst vor einer schweren Verletzung und ich war angefressen, weil wir das Spiel verloren haben. Am selben Tag hatte auch mein Opa seinen 80. Geburtstag gefeiert und ich dachte nur: Wäre ich doch auf diesem Geburtstag gewesen. Die Schwere der Verletzung kam erst zwei Wochen später ans Licht.“ Die Schwellung am Knie war zurückgegangen, die Kniescheibe herausgesprungen und es stand eine Operation an. „18 Monate war ich komplett raus. Die erste Zeit danach musste ich eine passive Prothese tragen. Ich durfte meine Muskeln und mein Knie nicht belasten. Die Prothese hat von alleine mein Bein gebeugt und gestreckt. Das musste ich jeden Tag fünf Stunden machen, eine Stunde bereits vor der Schule und die restlichen danach“, erinnert sich Reiners.

Doch das waren noch nicht alle Konsequenzen. Reiners Plan war es, nach dem Abitur nach Köln zu gehen und dort Sport zu studieren. Doch aufgrund seiner Verletzung konnte er den nötigen Eignungstest nicht absolvieren. „Zudem habe ich in der Zeit erst gemerkt, wie wichtig mir Fußball ist. Man kann gut auf dem Platz abschalten. Das ging nicht und so mussten meine Eltern ein paar Abende mit einem sehr schlecht gelaunten Bastian verbringen“, erinnert er sich schmunzelnd, „aber ich konnte mich dennoch auf meine Familie und meine Freunde verlassen“.

„Die Zeit danach war einfach scheiße“, sagt Reiners geradeaus. 18 Monate war an Fußball nicht zu denken, insgesamt hatte er dreieinhalb Jahre mit den Folgen der Verletzung zu kämpfen. „Nach jedem Spiel musste ich direkt aufs Sofa, weil gar nichts mehr ging. Seit ein paar Jahren ist mit Krafttraining soweit wieder alles gut. Aber seitdem spiele ich keine Hallenturniere mehr und manche Übungen im Training mache ich nicht mit.“

Doch genug der negativen Auswirkungen, Bastian Reiners kann im Nachhinein seiner Verletzung gar einige positive Dinge abgewinnen. „Es ärgert einen immer noch, aber das war meine erste und bisher einzige große Verletzung. Man lernt in solch einer Zeit, auf seinen Körper zu hören. Zudem bin ich in dieser Zeit Trainer geworden.“ Reiners hatte Zeit, seinen ersten Trainerschein zu machen. Und den machte er unter anderem zusammen mit einem gewissen Nils Goerdel, heutiger Trainer des TSV Etelsen. „Er kannte mich noch aus Jugendzeiten. Kurz danach kam der Anruf von ihm, ob ich nicht nach Etelsen kommen will. Nach der Sache mit dem Knie hatte ich mich eh gefragt, warum ich es nicht versucht habe, höher zu spielen.“

Heute studiert Bastian Reiners in Hannover Sportwissenschaften und Lehramt Sport und Geschichte, spielt für den Bezirksliga-Tabellenführer TSV Etelsen und hat nur noch wenige Probleme mit seinem Knie. „Wer weiß, wie das sonst alles gekommen wäre. So ist alles gut.“ So sollte es wohl sein.

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