Youtuber Fynn Kliemann bastelt für NDR Der König von „Kliemannsland“

Für viele ist Fynn Kliemann längst kein Unbekannter mehr: Der 28-Jährige aus der Nähe von Zeven hat mit seinen Heimwerker-Videos längst eine Fangemeinde auf Youtube. Jetzt hat er sein eigenes Reich gegründet.
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Von Serena Bilanceri

Für viele ist Fynn Kliemann längst kein Unbekannter mehr: Der 28-Jährige aus der Nähe von Zeven hat mit seinen Heimwerker-Videos längst eine Fangemeinde auf Youtube. Jetzt hat er sein eigenes Reich gegründet.

„Willkommen im Kliemannsland“ heißt es auf dem Schild, das an der Wand im frisch gestrichenen Flur hängt. Fertig ist eigentlich noch wenig, das alte Gebäude auf dem Hof in Elsdorf im Landkreis Rotenburg ähnelt eher einer riesigen Baustelle. Fynn Kliemann, der sich dank seinen Handwerker-Videos eine Youtube-Gemeinde von mehr als 270 000 Abonnenten aufgebaut hat und für den Webvideopreis 2016 nominiert wurde, ist der selbst ernannte König dieses „Landes“ in der niedersächsischen Provinz. Auch der NDR ist auf ihn aufmerksam geworden.

„Kliemannsland“ ist derzeit ein Youtube-Kanal, doch in ein paar Monaten soll es auch als Livesendung auf Funk, dem neuen digitalen Content-Netzwerk von ARD und ZDF, ausgestrahlt werden. „Das ist auch ein Teil der Sendung – die Episoden, in denen wir alles aufbauen, vorbereiten und fertigstellen, laden wir auf unserem Kanal schon regelmäßig hoch“, erklärt der Youtube-Star.

Der 28-jährige „Heimwerker-King“ ist eigentlich kein gelernter Handwerker, sondern Mediengestalter: Vor fünf Jahren gründete er eine eigene Werbeagentur. „Ich glaube, das sieht man auch in den Videos“, lacht er, „es macht mir aber Spaß. Ich fange einfach an, besorge mir das Material und lege los – man lernt doch viel.“ Diese Freiheit, einfach das bauen zu dürfen, worauf er Lust habe, gefalle ihm am meisten. Einfach etwas Neues erschaffen, was danach auch funktioniert – etwas, das bleibt.

In seinen Videos baut er nicht nur Gartenmöbel und Grills, sondern vor allem ungewöhnliche Objekte: zum Beispiel ein Gerät, um sich die Haare mit einem Staubsauger und einer Plastikflasche selber zu schneiden. Oder ein „pneumatischer Selfie-Stick“ mit Würstchen-Auslöser. Hauptsache unkonventionell und mit viel Action. Auch für wohltätige Projekte hat Kliemann schon sein Handwerk zur Verfügung gestellt, zum Beispiel mit dem Aufbau eines Kompostklos für Viva con Agua, ein Netzwerk, das sich für den weltweiten Zugang zu sauberem Wasser einsetzt.

Dass Jugendliche sich so sehr fürs Handwerk begeistern, ausgerechnet in Deutschland, wo ein permanenter Mangel an Nachwuchs herrscht, mag paradox erscheinen. „Es hängt alles davon ab, wie man das macht“, sagt Kliemann. Die Vorbereitung oder die Wiederholung bei einer professionellen Tätigkeit wirke vielleicht abschreckend. Hier sei alles sehr spontan und lustig und manchmal nicht ganz ungefährlich. „Jeder muss für sich wissen, was er macht“, sagt er. Der Erfolg mag jedoch auf die Witzigkeit seiner Videos zurückzuführen sein; allzu ernst nimmt sich der König in seinen Online-Auftritten nicht.

Der hochgewachsene junge Mann sitzt in Sweatshirt und dunkler Hose entspannt am Holztisch, jedoch merkt man trotz seiner lockeren, ungezwungenen Art, dass er auch im Umgang mit Medien geübt ist. Immer wieder betont er, was ihm am wichtigsten ist: keine Regeln. Die scheinen ihn tatsächlich zu stören. Dieses Land, eine Art Kommune, solle „eine Bastion gegen die Regeln“ werden, betont er. Etwas scheuer, fast ein wenig verlegen, wirkt der zungenfertige „Heimwerker-King“, wenn es um seinen Erfolg geht. Darüber scheint er ungern zu reden, als „Fans“ will er seine Online-Gemeinde nicht bezeichnen. Die Statistiken über die demografischen Daten seiner Abonnenten (Alter, Geschlecht) schaue er sich auch nicht an, erklärt er und rückt sich die rote Mütze auf den dunkelblonden Haaren zurecht.

Plötzlich steht er auf und läuft zur Wand. „Schön, wer hat es gemalt?“, fragt er die anderen Projektmacher im Raum, der Blick auf eine Handzeichnung gerichtet, die an der Wand hängt. Dann setzt er sich zurück an den Tisch.

Diese Spontaneität scheint bei den Zuschauern gut anzukommen: Er bekomme recht viel Input von der Online-Gemeinde. „Jemand fragt, wieso bastelst du nächstes Mal nicht das, oder sagt, ich kann das und das und würde gern vorbeikommen und mitmachen“, sagt er. „Klar, man muss sich dann irgendwann auch persönlich kennenlernen, und sehen, ob das machbar ist, aber prinzipiell sagen wir nie nein.“ Diese positive Einstellung ist ihm wichtig – in seinem Land dürfe man (fast) alles machen, worauf man Lust habe.

„Kliemannsland ist nicht nur eine Sendung, sondern auch ein Drehort, an dem man sich kreativ beteiligen kann; es sollen auch ein Musikstudio und ein Kunstatelier gebaut werden“, sagt Kliemann. Eben nicht nur ein Bastelplatz, sondern ein Ort für alles, was man mit Kreativität verbinden kann. „Ein Ort ohne Regeln“, wiederholt er. Auf dem Hof befinden sich mehrere ältere Bauernhäuser, manche haben Moos auf dem Dach und Fenster und Möbel aus Holz. Sogar ein Teich ist vorhanden: Der wird für Wakeboarding, eine Art Wasserski auf dem Snowboard, gerade umgerüstet.

Eigentlich scheint der König noch nicht so genau zu wissen, was dieses Renovierungsfieber am Ende aus dem Hof macht – klar ist nur, dass es keine Regeln geben wird. „Nicht so wie bei manchen großen Sendern, wo man eine Absage kriegt, wenn es nicht ins Konzept passt“, sagt er. Aber wie funktioniert ein Land ohne Struktur? „Na ja, die Leute packen an, es gibt schon eine Arbeitseinteilung, aber prinzipiell darf man alles.“ Auf dem von Feldern umgebenen Hof in der Gemeinde Elsdorf gebe es genügend Platz, nicht wie in der Stadt. Er selbst wohne in der Nähe.

Um das Willkommensschild herum hängen die Bilder von jungen Menschen. Die Projektbeteiligten sind alle offenbar nicht älter als 35; das Konzept des Programms an sich ist auch an ein junges, multimediales Publikum gerichtet. Die User sollen von Anfang an mit eingebunden werden. Wie Tim Schröder aus Innsbruck, der mit seinem Bulli auf dem Weg nach Schweden über Kliemanns Projekt gestolpert ist. „Gestern habe ich einen Schrank gebaut, morgen was anderes, wer weiß“, lacht er. Den Bulli hat er auch eigenhändig in einen Mini-Wohnwagen umgewandelt – samt Matratze und Gardinen. Bald wird er weiterreisen; den Winter möchte er doch in Schweden verbringen.

Für die Gäste im Kliemannsland sollen bald auch ein Restaurant und ein Schlafraum errichtet werden. Derzeit stehen dort zwar noch ein ehemaliger Schweinestall mit Stroh auf dem Boden und mehrere Pferdeboxen, aber das lasse sich mit ein paar Ideen und etwas handwerklichem Geschick bestimmt ändern. Der "Heimwerker-König" ist zuversichtlich. Nach Sponsoren suchen sie noch nicht, sagt er, eher nach Leuten, die Lust und Zeit haben, Material und Arbeit in das Projekt zu investieren, um dann auch selbst das Gelände zu nutzen und das Kliemannsland zu bevölkern.

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