Annäherung der Türkei an Ägypten Die Türkei wirbt um eine verlorene Braut

Nach sieben Jahren Eiszeit zwischen den Ländern wirbt die Türkei um Ägypten. Ob das Land am Nil dem Werben nachgibt, ist mehr als fraglich, meint Birgit Svensson.
25.04.2021, 05:00
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Die Türkei wirbt um eine verlorene Braut
Von Birgit Svensson

Sieben Jahre lang herrschte Eiszeit zwischen Ankara und Kairo. Und nicht nur das: Die Staatspräsidenten Recep Tayyeb Erdogan und Abdel Fattah al-Sisi verband eine tiefe Feindschaft. Doch jetzt herrscht Tauwetter. Der türkische Parlamentspräsident sprach seinem Kollegen in Ägypten sein tiefstes Beileid nach dem Zugunglück mit mehreren Toten Ende März aus, Außenminister Mevlüt Çavu?o?lu telefonierte mit Sameh Shoukri, dem Außenminister in Kairo, und gratulierte ihm zum Beginn des Ramadan. Beide bestellten besondere Grüße von Erdogan. Wie ein Bräutigam wirbt dieser um die Braut am Nil.


Die Eiszeit zwischen der Türkei und Ägypten begann, als Ankara den früheren ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi unterstützte, der 2012 in den bislang einzigen freien Wahlen im Nilland zum Staatsoberhaupt gewählt wurde. Er stand den Muslimbrüdern nah, mit denen auch Erdogan sympathisiert. Nur ein Jahr im Amt, wurde Mursi vom Militär gestürzt, nachdem Massendemonstrationen seinen Rücktritt forderten. Mursis damaliger Verteidigungsminister, Generalfeldmarschall al-Sisi, wurde 2014 sein Nachfolger. Seitdem sprechen die beiden Länder nicht mehr miteinander.

Die Türkei hat inzwischen Hunderte von Muslimbrüdern aus Ägypten aufgenommen, die al-Sisi gnadenlos verfolgt. Erdogan indes verfolgt deren Ziele und setzt Schritt für Schritt ihre Ideologie um, die zu einer Islamisierung der Türkei führt. Daher kommt die Kehrtwende des „türkischen Muslimbruders“, wie ihn seine Kritiker nennen, für viele überraschend. Die Aufwärmung der Beziehungen sei zwar noch nicht auf höchstem Niveau, aber nur eine Einkerbung darunter, meinte Erdogan bei einer Pressekonferenz diese Woche. Soll heißen, al-Sisi und er haben das Ende der Eiszeit noch nicht offiziell besiegelt.


Beim Werben um Normalität geht Erdogan schon mal in Vorleistung. Brautgabe ist die Suspendierung eines geflüchteten Muslimbruders, der eine TV-Sendung moderierte. In einem Interview mit der ägyptischen Zeitung al-Masry al-Youm sagte Moataz Mattar, er sei in einem „unbefristeten Urlaub“. Er wolle der Türkei nicht länger zur Last fallen. Mohammed Naser, ein weiterer Anhänger der Muslimbrüder und ebenfalls Ägypter, ist auch in den Urlaub geschickt worden. Der Moderator des TV-Senders Mekameleen hofft, dass er nach Ende des Ramadan wieder auf Sendung gehen kann.

Erdogan sitzt in der Klemme. Die Corona-Neuinfektionen in der Türkei explodieren, und die Wirtschaftskrise führt zu immer mehr Armut in der Bevölkerung. In Istanbul bilden sich an Wochentagen lange Schlangen vor den Bäckereien. Dort verteilt die Stadt Brot für die Hälfte des Supermarktpreises. Immer mehr Menschen sind auf diese Hilfe angewiesen. Im Vergleich zur Türkei steht Ägypten gut da. Das Nilland ist eines der wenigen Länder, die im vergangenen Jahr einen Wirtschaftszuwachs verzeichnen konnten. Der Internationale Währungsfonds attestiert Kairo ein „vernünftiges Verhalten“. Auch die Pandemie hat das Land nicht so hart getroffen wie andere, bei aller Vorsicht im Umgang mit den offiziellen Zahlen. Und Ägypten ist mit seinen mehr als 100 Millionen Einwohnern der größte Markt im Nahen Osten. Da das Land sich nicht selbst ernähren kann, ist es auf Einfuhren angewiesen. Eine Riesenchance für die türkische Wirtschaft, die vor allem Lebensmittel und Textilien exportieren möchte.

Ob allerdings die Braut am Nil dem Werber vom Bosporus nachgibt, bleibt mehr als fraglich. Denn im vergangenen Oktober rief al-Sisi eine Allianz gegen Erdogan ins Leben, als Reaktion auf dessen Treiben im Nahen Osten. Zwar waren zum Treffen in der jordanischen Hauptstadt Amman nur die Regierungschefs Ägyptens, Iraks und Jordaniens eingeladen, doch die Botschaft war eindeutig. Die Türkei verhalte sich „rücksichtslos gegen die Grundsätze der guten Nachbarschaft“, hieß es aus Delegationskreisen. Gemeint war die Gier Ankaras nach Rohstoffen in Libyen und im Mittelmeer, die Kontrolle über Teile Syriens und Iraks. Ein zweites Osmanisches Reich mit einem Sultan Erdogan solle es auf keinen Fall geben. Die Braut am Nil wird sich also noch lange bitten lassen.

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