Gedanken zu den Corona-Maßnahmen Für soziale Isolation ist der Mensch nicht gemacht

Von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ist der Satz überliefert: „Partys feiern müssen wir nicht, arbeiten und lernen schon.“ Wenn es doch so einfach wäre, meint Marc Hagedorn.
01.11.2020, 05:00
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Für soziale Isolation ist der Mensch nicht gemacht
Von Marc Hagedorn

Vor etwas mehr als einer Woche sagte eine junge Frau namens Ida aus Berlin in die Fernsehkamera des ZDF: „Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern, und davor war ich dreimal die Woche ­irgendwo. Das ist schon traurig, ich ­brauche das nämlich eigentlich, ich bin darauf angewiesen.“ Und etwas später folgte: „Darauf zu verzichten, geht mir schon echt ab.“

Diese Sätze reichten aus, um in den sozialen Medien einen Shitstorm aus­zulösen. Von Erste-Welt-Problemen war die Rede, auch davon, dass dieses Mädchen verwöhnt und egoistisch sei und gar nicht wisse, was Verzicht wirklich bedeute.

Jetzt ist es keine neue Erkenntnis, dass im Netz rasch, gnadenlos und selbstgerecht geurteilt wird. Dass fast niemand, der hier gerichtet hat, den Menschen Ida wirklich kennt, darf man sicher annehmen, und deshalb – oder trotzdem – muss man es einmal betonen: Ida ist ein Mensch. Und der Mensch ist ein soziales Wesen. Um sich geborgen, wohl und sicher zu fühlen, um sich entwickeln zu können und Erfahrungen zu sammeln, braucht er die Gemeinschaft, den unmittelbaren Austausch mit einem Gegenüber. Das war schon in der Steinzeit so, als zum Überleben der Schutz der Gruppe notwendig war.

Die Bundesregierung hat in dieser ­Woche einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Ausbreitung in Deutschland verkündet. Als „Lockdown light“ oder auch „Wellenbrecher-Lockdown“, also als eine Art kurzer, aber ­heftiger Tritt auf die Bremse, wird das jüngste Maßnahmen­paket bezeichnet. Tatsächlich fallen die Einschnitte diesmal nicht so umfassend aus wie im März und April. Die Schulen und Kindergärten sollen diesmal so lange wie möglich geöffnet bleiben, weite Teile der Wirtschaft laufen weiter wie bisher, und sogar Fußball soll in der Bundesliga ohne Unterbrechung gespielt werden.

Es geht hier nicht darum, die Wirksamkeit und die Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen zu bewerten. Das tun seit Tagen Politiker, Experten, Betroffene und Bürger, ohne dass sie sich einig werden. Dieser Text soll stattdessen um einen Gedanken kreisen, der oft zu kurz kommt, weil es meist um die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Krise geht: Was bedeutet die Pandemie für das Sozialwesen Mensch?

Von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ist der Satz überliefert: „Partys feiern müssen wir nicht, arbeiten und lernen schon.“ Wenn es doch so einfach wäre. Dass die nächsten bestenfalls vier Wochen trotz geöffneter Schulen, Werkshallen und Bundesliga-Fußball erträglicher werden, sollte man nicht erwarten.

Dieser heftige, aber kurze Tritt auf die Bremse wird sich für viele Menschen schmerzhafter anfühlen als die ­Maßnahmen im Frühjahr. Wir erinnern uns: Im April und Mai lag das Land und damit auch das Sozialleben wochenlang lahm. Aber es gab damals eine Pers­pektive – die Hoffnung auf den Sommer mit viel Sonne am Baggersee. Die Aussicht auf den Urlaub, den später tatsächlich viele auch noch machen konnten. Die Hoffnung auf einen Impfstoff und die Annahme, dass 2021 schon alles besser wird. Wer mag daran im Moment noch glauben?

Denn die aktuellen Aussichten sind düster. Und das nicht nur, weil im Herbst die Tage kürzer, nasser und dunkler werden. Ein Impfstoff wird noch Monate auf sich warten lassen, und selbst wenn er einmal gefunden ist und in der Breite der Bevölkerung verwendet werden kann, wird es weitere Zeit dauern, bis eine ­Normalität zurückkehrt, wie wir sie kannten. Wenn überhaupt.

Denn bestimmte Clubs werden nie mehr öffnen, einige ­Kinos geschlossen und viele Restau­rantküchen für immer kalt bleiben. Dieser Verlust macht unser Leben ärmer, er wird nicht nur die Betreiber, sondern auch das Publikum und die Gäste hart treffen. Und dabei geht es nicht nur um junge Leute wie Ida aus Berlin, sondern auch um ältere Menschen überall im Land.

Um das Verschwinden von Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung zu bedauern, muss man nicht egozentrisch, verwöhnt oder vergnügungssüchtig sein. Diese Trauer ist zutiefst menschlich. Für soziale Isolation ist der Mensch nicht gemacht. Und das ist das Hinterhältige an dieser Krise: Kein Appell zurzeit, der nicht ohne den Hinweis darauf endet, dass wir es nur gemeinsam schaffen können. Das stimmt. Nur haben wir uns selten so allein gefühlt wie jetzt.

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