Kommentar über 70 Jahre Volksrepublik

Gucci und Prada unter Hammer und Sichel

Chinas imponierende Wachstumsperiode wird irgendwann im kommenden Jahrzehnt ins Stocken geraten. Dann muss sich die Führung des Landes wieder neu erfinden, meint unser Korrespondent Felix Lee.
30.09.2019, 18:09
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Gucci und Prada unter Hammer und Sichel
Von Felix Lee
Gucci und Prada unter Hammer und Sichel

Wirtschaftlicher Wandel, politischer Stillstand. In China sind die Rituale des Volkskongresses so wie zu Maos Zeiten.

Michael Reynolds/DPA

In der Großen Halle des Volkes sieht es so aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Hinter der Tribüne prangt haushoch das Staatswappen der Volksrepublik. Ein prächtiger roter Stern dient als Lichtquelle. Alles ist so choreographiert wie zu Zeiten Mao Tsetungs. Doch der ist seit 43 Jahren tot. Die Volksrepublik China gibt es länger mit Kapitalismus als ohne. Trotzdem wird jedes Jahr im Frühjahr, wenn der Nationale Volkskongresses zusammentritt, an den kommunistischen Ritualen festgehalten, als würde es das moderne China mit den glitzernden Wolkenkratzern ein paar Hundert Meter weiter nicht geben.

Doch genau das ist es, was die Führung ihren Bürgern vermitteln will, wenn sie am 1. Oktober den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik mit Rede von Staatschef Xi Jinping und großer Militärparade begeht: Stabilität und der alleinige Machtanspruch. Die Botschaft: Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein neues China. „Glorreiche 70 Jahre, Kampf der neuen Ära“ lautet das Motto.

Politisch starr, wirtschaftlich wandlungsfähig – das ist es, was China heute auszeichnet. Das war nicht immer so. Als 1949 Mao an die Macht kam, wollte er nichts geringeres als den wahren Kommunismus auf Erden. Was die Chinesen in den folgenden Jahrzehnten erleben sollten, waren ideologisch aufgeladene Kampagnen der grausamsten Art. Die Bilanz seiner fast 30-jährigen Diktatur: mindestens 38 Millionen Tote und ein völlig traumatisiertes Volk. Erst mit dem Tod Maos endeten diese schrecklichen Experimente. Sein Nachfolger Deng Xiaoping öffnete das Land ließ freie Märkte zu. „Ausprobieren“, lautete sein Motto. Was sich bewährte, sollte fortgesetzt werden. Ging etwas schief, wurde es verworfen. Mit ideologischen Scheuklappen räumte er auf. An der KP-Herrschaft hielt aber auch er fest.

Mit dieser Politik setzte Deng den größten Wohlstandsgewinn in Gang, den es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Lebten zu Beginn seiner Reformpolitik 90 Prozent der rund eine Milliarde Chinesen unter der Armutsgrenze, ist absolute Armut heute in der Volksrepublik passé. Ein Drittel der Bevölkerung weist einen Wohlstand auf, der vergleichbar ist mit dem westlicher Industriestaaten. China entwickelte sich zur größten Handelsmacht und zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt. Deng war der Architekt eines Systems, in dem freie Märkte erfolgreich in einem politisch unfreien Rahmen funktionieren. Gucci und Prada unter Hammer und Sichel.

Diese Politik hat China weit gebracht. Problem ist aber zugleich die völlige Entideologisierung. Mao hatte China unter seiner Herrschaft durch und durch ideologisiert. Unter Deng wurde der Kommunismus allerdings beliebig. Was zählt ist allein das eigene Fortkommen. Nachbarschaftskomitees propagiert die KP zwar noch. Und mit 90 Millionen Mitgliedern ist sie so groß wie nie. Doch die meisten treten ihr heute aus Karrieregründen bei.

Bleibt der Nationalismus. Den setzt die Führung zuweilen ein. Wenn die Partei selbst aber nicht den Erwartungen gerecht wird, setzt der Nationalismus die Partei allerdings auch unter Druck. Das zeigt sich im Handelsstreit mit den USA. Um einen zu großen wirtschaftlichen Schaden abzuwenden, ist die Führung an einer Lösung mit Washington interessiert. Macht sie allerdings zu große Zugeständnisse, könnte ihr das als Schwäche ausgelegt werden. Doch auch gesellschaftlich wird es für die Führung schwieriger. Die wachsende Mittelschicht fordert eine nachhaltigere und sozialere Entwicklung. Rufe nach mehr Demokratie werden zwar nur in Hongkong laut. Doch auch auf dem chinesischen Festland sind immer mehr Menschen gut ausgebildet und wollen mitreden.

Vor allem aber ökonomisch wird es für die KP-Führung schwer. Beim Wachstum zehrt Chinas Führung noch vom Nachholbedarf derjenigen Chinesen, die bislang vom Wohlstand noch nicht allzu viel abbekommen haben. Ein Drittel der Bevölkerung lebt nach wie vor von wenig mehr als dem Anbau auf den ihnen zugeteilten Parzellen. Die Kalkulation der Führung: Sollen alle Chinesen am Wohlstand teilhaben, kann sich das Land nur eine Landbevölkerung von unter zehn Prozent leisten. Für alle anderen müssen Jobs im Dienstleistungssektor oder der Industrie geschaffen werden. Momentan holt der Staat jährlich zwischen zehn und 20 Millionen Menschen vom Land in die Städte und versorgt sie mit Wohnungen und Arbeitsplätzen. Das schafft Wachstum und befriedet die Bevölkerung. Irgendwann im Laufe des nächsten Jahrzehnts wird diese Entwicklung aber zu Ende gehen. Spätestens dann wird sich Chinas Führung wieder neu erfinden müssen.

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