Kommentar zur K-Frage bei den Grünen

Vorteil Baerbock

Wenn das Führungsduo der Ökopartei kühl und strategisch entscheidet, wird am Montag kommender Woche Robert Habeck seiner Kollegin Annalena Baerbock den Vortritt lassen, meint Berlin-Korrespondentin Anja Maier.
11.04.2021, 05:00
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Von Anja Maier

Dies sind die Tage, in denen sich beim politischen Personal so etwas wie Klarheit einzustellen beginnt. Endlich. Nach monatelangem Versteckspiel wollen die Grünen am 19. April bekannt geben, wer in ihrem Namen das Kanzleramt erobern soll. Wenn das Führungsduo der Ökopartei einigermaßen bei Trost ist, wird Robert Habeck der Brandenburgerin Annalena Baerbock den Vortritt lassen. Nicht, weil sie eine Frau ist, jedenfalls nicht nur. Sondern weil Baerbock in ihren drei Jahren an der Spitze gezeigt hat, was sie kann.

In seinem Buch „Die Grüne Macht“ beschreibt der Journalist Ulrich Schulte präzise, was die beiden Spitzen-Grünen antreibt. „Habeck und Baerbock“, so der bestens in Partei und Fraktion vernetzte Autor, „formulieren einen Führungsanspruch für das ganze Land. Sie fordern die Union im Kampf um Platz 1 im deutschen Parteiensystem heraus“. Früher wären die Grünen dafür ausgelacht worden. Doch in den zurückliegenden beiden Legislaturperioden habe sich etwas Grundlegendes verändert. Angesichts der schwindenden Bindungskraft der einstigen Volksparteien CDU und SPD stünden „die Grünen, die stets zu apokalyptischen Deutungen neigten, plötzlich für etwas anderes – für Stabilität, Ruhe, Optimismus“.

Mit ihrem Wahlkampf-Motto #AllesIstDrin machen die Ökos eine Art All-inclusive-Angebot: Das Klima schützen und Wohlstand schaffen, Digitalisierung vorantreiben und Gerechtigkeit nicht vernachlässigen, Bildung und Teilhabe sichern, Menschenrechte schützen und eine realistische Außen- und Sicherheitspolitik betreiben. Vieles davon wird in Koalitionsverhandlungen aufweichen und später realpolitisch pulverisiert werden. Die Grünen werden gegebenenfalls viel Mühe haben, ihre manchmal nervige, oft aber erfrischende Radikalität durch mögliche Regierungsjahre zu retten. Eine ungestüme Vizekanzlerin Baerbock kann da nicht schaden.

Um die Repräsentanz von Frauen musste sich die quotierte Partei nie sorgen. Insofern wäre es für die Grünen alles andere als revolutionär, eine Frau nach vorn zu stellen. Doch Annalena Baerbock steht für weit mehr als für weibliche Politik. Als Bundesvorsitzende hat sie sich mit viel Fleiß und Ehrgeiz vom Politprofi Habeck emanzipiert. Sie beackert harte Themen wie die Außen- und Verteidigungspolitik. Anders als manchmal Habeck, argumentiert sie stets faktensicher. Wenn die 40-Jährige in Talkshows oder im Bundestag alten Polit-Haudegen in die Parade fährt, ist zu spüren: Hier meint eine das, was sie sagt.

Natürlich ist es nicht damit getan, dass Grünen-Mitglieder und Stammwähler der Partei Baerbock wählen würden. Um der Union am Wahltag tatsächlich gefährlich werden zu können, muss mehr zur Wahl stehen als eine selbstbewusste Parteichefin. Und dieses Mehr ist am Ende tatsächlich das Geschlecht der Kandidatin. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hat im Februar eine Studie zum Wahlverhalten nach Alter und Geschlecht präsentiert. Diese zeigt, dass Frauen gerne Frauen wählen. Erst recht eine wie Angela Merkel, die sie kennen und der sie vertrauen.

Vor der Bundestagswahl 2017 zum Beispiel brauste der Martin-Schulz-Zug durchs Land. Die von der europäischen Fluchtkrise und internem Streit gebeutelte Union hatte allen Grund, sich vor der Sogwirkung des SPD-Kandidaten zu fürchten. Anfang 2017 waren 48 Prozent der Wählerinnen bereit, ihm ihre Stimme zu geben, hätten sie ihren Kanzler direkt wählen können. Angela Merkel sahen nur 36 Prozent erneut als Kanzlerin. Doch im September, als es darauf ankam, wollten nur noch 20 Prozent der Frauen Schulz im Kanzleramt sehen – Merkel dagegen kam auf eine 60-prozentige Zustimmung.

Am Ende lag der weibliche Stimmenanteil für die CDU mit 29,8 Prozent entscheidende 6,5 Prozentpunkte höher als bei den Männern. Ganz ähnlich verhielt es sich bei den Grünen. Der weibliche Stimmenanteil fiel für die Ökopartei mit 10,2 Prozent deutlich höher aus als der der Männer mit 7,6 Prozent. Vor diesem Erfahrungshintergrund ist es für die Grünen eine simple Strategiefrage, mit Annalena Baerbock in den Wahlkampf zu ziehen.

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