Genügend Intensivbetten vorhanden Krankenhäuser sollen schrittweise in den Regelbetrieb zurückkehren

Ab Mai soll ein Teil der Intensivbetten für Corona-Infizierte freigehalten werden. Gleichzeitig sollen die Krankenhäuser wieder den Normalbetrieb aufnehmen und planbare Operationen und Behandlungen durchführen.
18.04.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Christoph Arens und Hans-Ulrich Brandt

Es war eine Vollbremsung, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 10. März die Kliniken aufforderte, alle planbaren Behandlungen und Operationen aufzuschieben. Am Freitag hat der Minister die Bremsen etwas gelockert: Er sehe Chancen, dass die Krankenhäuser schrittweise zum Normalbetrieb zurückkehren könnten, sagte er vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Ab Anfang Mai sollten 25 bis 30 Prozent der Intensivbetten mit Beatmungsgeräten für Covid-19-Patienten freigehalten werden. Gleichzeitig müsse man aber in einen Regelbetrieb zurückkehren.

„Das Gesundheitssystem war bislang zu keiner Zeit überfordert“, sagte der Minister. „Das macht uns demütig, aber nicht übermütig.“ Die erste Welle des Virus-Ausbruchs sei gut bewältigt worden. Extremsituationen wie in Italien oder Spanien sind den Deutschen bisher erspart geblieben. Dazu hat aus Sicht des Ministers auch beigetragen, dass sechs von sieben Covid-19-Patienten milde Verläufe hätten und ambulant versorgt werden konnten. „Die Krankenhäuser können sich auf schwere Verläufe konzentrieren.“

Genug Intensivpflegeplätze

Dazu kommt, dass die Krankenhäuser ausreichend Intensivpflegeplätze vorhalten. Aktuell sind es knapp 28.000 Intensivbetten, davon sind gut 16.000 von Patienten belegt – 4659 von ihnen sind Corona-Infizierte. „Bis auf wenige Ausnahmen besteht keine Notsituation mehr“, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß. „Wir haben in allen Bundesländern freie Kapazitäten.“

Deshalb fordern jetzt auch Vertreter der Kliniken, den Regelbetrieb schrittweise wieder aufnehmen zu dürfen. Sie führen dafür die Interessen von Patienten und wirtschaftliche Gründe an. Viele Operationen bei Nicht-Corona-Patienten seien nicht beliebig verschiebbar. Viele Krankenhäuser meldeten inzwischen Belegungsrückgänge von 30 Prozent und mehr. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft berichtet von etwa 150 000 freien Krankenhausbetten.

Auch Spahn wies darauf hin, dass viele Menschen seit Wochen auf eine Rücken-, Hüft- oder Krebs-Operation warteten. Das sei mit „seelischem und körperlichen Leid“ verbunden. „Wir haben vor vier Wochen Menschen, die auf eine Rücken-, auf eine Hüftoperation gewartet haben, die einen Termin hatten, gesagt, das wird verschoben“, führte Spahn an. „Deswegen finde ich es wichtig, so wie wir im öffentlichen Leben schrittweise in eine neue Normalität zurückkehren, dass wir ab Anfang Mai auch schrittweise in den Krankenhäusern eine neue Balance finden. Dass wir 25, 30 Prozent der Intensivbeatmungsbetten freihalten für Covid-19-Patienten, Corona-Infizierte. Dass wir gleichzeitig aber auch wieder in einen Regelbetrieb zurückkehren.“ Denn natürlich brauche jeder mit einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt oder einer Knieoperation auch seine Behandlung.

Neues Intensivregister

Sorge bereitet dem Gesundheitsminister zudem, dass Klinik-Einweisungen wegen Verdachts auf Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich zurückgegangen sind. Denkbar sei, dass sich Patienten aus Angst nicht bei Rettungsdiensten, Fachärzten oder Krankenhäusern meldeten, sagte der CDU-Politiker. Erkrankungen könnten so verschleppt und zu spät erkannt werden. Auch Gaß erklärte, die Kliniken würden weiterhin die notwendigen Intensivkapazitäten vorhalten. Sie könnten auf eine Erkrankungswelle viel schneller reagieren als noch vor vier Wochen.

Dazu soll auch das neu eingerichtete Intensivregister der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) beitragen. Seit Donnerstag müssen alle Kliniken mit Intensivstation jeden Tag die Verfügbarkeit von Beatmungsbetten melden, sowie die Anzahl von Patienten mit einer Covid-19-Infektion, die intensivmedizinisch behandelt werden oder die seit dem 1. Januar 2020 aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Mit diesem Instrument sollen Mediziner und Behörden zeitnah erkennen, in welchem Krankenhaus der eigenen Region welche Kapazitäten vorhanden sind. Im DIVI-Intensivregister werden die Plätze auf Intensivstationen tagesaktuell sichtbar. Damit wird eine bundesweite und regionale Steuerung möglich.

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Am Freitag hatten die Kliniken in Bremen und Bremerhaven insgesamt 123 Intensivbettenplätze gemeldet. Davon waren elf Betten mit Corona-Infizierten belegt und 49 Betten mit nicht-infizierten Patienten. Damit standen im Land Bremen noch 63 freie Intensivbetten zur Verfügung, das sind gut 51 Prozent der Gesamtkapazität.

In Niedersachsen sind es mit gut 45 Prozent etwas weniger. Dort meldeten die Krankenhäuser insgesamt 2340 Intensivbettenplätze. Davon waren 156 mit Corona-Patienten belegt und 1116 mit Nicht-Infizierten. Aktuell frei waren in Niedersachsen noch 1068 Intensivbetten.

Rettungsschirm der Regierung soll Krankenhäuser retten

Für die Kliniken ist eine Rückkehr zum Normalbetrieb natürlich auch in finanzieller Hinsicht wichtig, sprich: Es geht auch ums Geld. Jedes ungenutzte Krankenbett und jede verschobene Operation verursacht nämlich Einnahmeausfälle. Die Krankenhausgesellschaft hofft daher, dass der von der Bundesregierung aufgespannte Rettungsschirm die Existenz der Krankenhäuser sichert. Er sieht unter anderem vor, dass die Einrichtungen eine Pauschale von 560 Euro pro ausgebliebenem Patienten und Tag erhalten. Jedes zusätzlich geschaffene Intensivbett wird mit einem Bonus von 50.000 Euro belohnt.

Bund und Länder hatten sich Mitte März darauf verständigt, dass alle planbaren Operationen, Aufnahmen und Eingriffe verschoben werden sollten, um die Krankenhäuser für Coronapatienten freizuhalten. Spahn verwies darauf, dass es damals eine sehr starke Dynamik bei der Zahl der Coronavirus-Infektionen gegeben habe. „Da waren Maßnahmen, die wir ergriffen haben, aus meiner Sicht auch zur Prävention und zur Vermeidung von Situation wie in anderen Ländern richtig und wichtig.“ Jetzt könne man aber langsam zum Regelbetrieb in den Krankenhäusern übergehen.

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Ansteckungsrate sinkt

Gerade erst sind die Corona-Einschränkungen im Wesentlichen bis Anfang Mai verlängert worden, doch die massiven Maßnahmen zeigen Wirkung: Laut dem Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, ist die sogenannte Reproduktionszahl weiter gesunken – auf jetzt 0,7 – was bedeutet, dass die Zahl der täglichen Neuansteckungen zurückgeht. Anfang März hatte der auch als Ansteckungsrate bezeichnete Wert noch bei drei, vor einer Woche bei 1,3 gelegen.

Wieler sprach von einem „wirklich guten Zwischenergebnis“. Auch wenn Deutschland immer noch am Anfang dieser Pandemie sei, zeige sich, dass die aufgebaute Bekämpfungsstrategie Erfolge zeige. Die Rate von 0,7 bedeute, „dass inzwischen im Durchschnitt aktuell nicht mehr jede Person, die infiziert ist, eine andere Person ansteckt“, sagte der RKI-Präsident am Freitag in Berlin auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn. Oder anders ausgedrückt: Zehn Infizierte stecken inzwischen nur sieben weitere Menschen an.

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Die Reproduktionsrate gilt als eine wichtige Marke, um den Verlauf der Ansteckungswelle in Deutschland beurteilen zu können. Auch politische Entscheider blicken unter anderem auf diese Zahl. RKI-Chef Wieler hatte stets betont, dass man diesen Wert auf eins und möglichst darunter drücken müsse. Nur dann sei sicherzustellen, dass die Krankenhäuser in Deutschland nicht überlastet würden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in ihrer Pressekonferenz am Mittwoch betont, diese Marke sei mit Blick auf Lockerungen der Corona-Auflagen für die Politik ein wichtiges Kriterium.

Um Entwarnung zu geben, sei es aber immer noch zu früh. Es seit weiterhin sehr wichtig, die Abstands- und Hygieneregeln streng einzuhalten. RKI-Präsident Wieler appellierte an die öffentlichen Verkehrsbetriebe, den Takt für Busse und Bahnen eher noch zu erhöhen und mit mehr Waggons zu fahren. Es liege aber auch an den Passagieren selbst: Sie sollten sich so gut es geht verteilen und nicht bevorzugt in die vorderen oder hinteren Waggons einsteigen. Insgesamt sei die Entwicklung aber positiv. In einigen Städten sei die Mobilität der Bevölkerung um bis zu 50 Prozent zurückge­gangen.

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