Niedersachsen Landesregierung will durch Nordsee-Gas Abhängigkeit verringern

Ein niederländischer Konzern will Gasfelder vor Borkum ausbeuten und helfen, Deutschland aus der Abhängigkeit von Russland zu befreien. Die Landesregierung befürwortet das Vorhaben, doch Naturschützer warnen.
05.04.2022, 17:27
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Landesregierung will durch Nordsee-Gas Abhängigkeit verringern
Von Peter Mlodoch

Eine niederländische Frauenstimme und deutsche Untertitel sollen alle Sorgen zerstreuen. „Es gibt keine signifikanten Auswirkungen auf die Natur“, verspricht der Fünf-Minuten-Film auf der deutschen Internetseite des niederländischen Konzerns One-dyas. Das Unternehmen will im Grenzgebiet draußen in der Nordsee 60 Milliarden Kubikmeter Gas fördern. Das Erdbeben-Risiko dort sei „vernachlässigbar“. Und auch rein optisch werde die geplante Plattform vor der Emsmündung kein Störfaktor sein. Von den bewohnten Inseln Borkum und Schiermonnikoog sei die 20 Kilometer entfernte Bohrinsel nur zu 30 Prozent der Zeit sichtbar – bei gutem und klarem Wetter. „Dies ist vergleichbar mit anderen Objekten am Horizont, wie zum Beispiel Schiffen.“

Ferien-Inseln sind alarmiert

Vor Ort an der Küste sieht man das allerdings ganz anders. Die Ferien-Eilande in Ost- und Westfriesland fürchten um ihren touristischen Ruf; Naturschützer warnen vor Eingriffen in das benachbarte rund 15 Kilometer entfernte Weltnaturerbe Wattenmeer. „Die geplante Plattform ist einfach zu dicht am Nationalpark“, kritisiert etwa Borkums Bürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos). Bis vor Kurzem noch teilte die niedersächsische Politik diese Ängste. Die SPD/CDU-Landesregierung hatte sich im vergangenen Jahr gegen das Projekt positioniert. Der Landtag in Hannover forderte im Oktober mit den Stimmen von GroKo und Grünen ein klares „keine Erdgasförderung in Niedersachsens Küstengewässern.“

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Doch Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ändert alles. Um sich von den Energie-Importen aus Russland zu lösen, gilt das Gasfeld in der niederländischen Nordsee in Hannover längst als „Teil der Lösung“. Die Landesregierung befinde sich in Gesprächen mit One-dyas, bestätigt Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) im Gespräch mit dem WESER-KURIER. „Um die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern, ist die Erdgasförderung aus heimischen Vorkommen und in unseren Nachbarländern ein Baustein.“ Der Ressortchef verweist auf „den kaum aufzulösenden Widerspruch“, sich einerseits für mehr Importe aus den Niederlanden stark zu machen, anderseits aber gleichzeitig ein Verbot neuer Gas-Förderung in der Nordsee zu fordern.

Neubewertung angesichts die Kriegs

Sein Umwelt-Kollege Olaf Lies (SPD) sieht das genauso. „Wir befinden uns in einer ganz anderen Lage. Deswegen müssen wir solche Förderprojekte neu bewerten.“ Der Minister betont aber, dass eine Förderung im Nationalpark und auch Fracking komplett ausgeschlossen sein müssten. „Wir dürfen wegen des Kriegs nicht alles über Bord werfen.“ Auswirkungen auf Natur und Umwelt müssten genau geprüft werden.

Gespräche mit niederländischer Regierung

Bei den Gesprächen mit der niederländischen Regierung in Den Haag und dem Privatunternehmen mit Sitz in Amsterdam geht es nicht nur um Sicherheitsstandards und Förderzeiträume. Sondern dem Vernehmen nach auch insbesondere darum, ob und wie Niedersachsen direkt von dem geförderten Gas profitieren könne. Hierzu lote man bereits die rechtlichen Möglichkeiten aus. Soweit das Projekt in deutsches Hoheitsgebiet reinragt, braucht der Konzern die Genehmigung des niedersächsischen Landesbergamts.

Unternehmen will alle Auflagen erfüllen

One-dyas-Vorstandschef Chris de Ruyter van Steveninck sieht dafür gute Chancen. Sein Unternehmen, das bereits seit Jahrzehnten in anderen Lagerstätten vor den niederländischen und britischen Küsten aktiv sei, werde alle Auflagen erfüllen. „Die Gasfelder sind weit entfernt von den Trinkwasser-Reservaten“, erklärt der Ingenieur auf Anfrage des WESER-KURIER und verweist auf die Vorteile der heimischen Produktion. „Der ökologische Fußabdruck von unserem Erdgas ist deutlich besser als der von importiertem Flüssiggas.“ LNG verursache nicht nur hohe Transportkosten, sondern verbrauche bei der Verflüssigung und später bei der Regasifizierung Unmengen an Energie. Die geplante Plattform hingegen werde für den Betrieb weitgehend Ökostrom nutzen – mit einer eigens gelegten Leitung von dem einige Kilometer entfernten Windpark Riffgat auf deutscher Seite.

Das Gasfeld wurde 2017 entdeckt

Der Konzern hatte 2017 das Gasfeld N05-A entdeckt. Dieses liegt zum größeren Teil auf holländischem Territorium, die Plattform soll etwa 500 Meter westlich der Grenze entstehen. Von hier aus sollen die Bohrungen senkrecht abgeteuft und dann auch in Richtung Niedersachsen horizontal abgelenkt werden. Die Nordsee ist hier rund 25 Meter tief, das Vorkommen selbst lagert in vier Kilometern Tiefe. Vier weitere potenzielle Gasfelder befinden sich in unmittelbarer Nähe, zum Teil ebenfalls auf deutschem Gebiet. Das Gesamtpotenzial schätzt One-dyas auf 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas.  Es handelt sich um sogenannte kleine Felder – anders etwa als das riesige Vorkommen unterhalb Groningens. Aus diesem Grund schätzen Fachleute hier in der Nordsee auch die Erdbeben-Gefahr geringer als auf dem Festland ein.

Inbetriebnahme 2024

Die Genehmigung des niederländischen Wirtschaftsministeriums für N05-A erwartet das Förderunternehmen für Ende April. Bau der Plattform, Abteufen der Bohrungen und Verlegen einer 13 Kilometer langen Pipeline zur bereits entlang der Küste verlaufenden NGT-Leitung sollen insgesamt zwei Jahre dauern. Noch vor dem Winter 2024, so hofft Vorstand de Ruyter van Steveninck, könne das erste Gas fließen. „Dann müssen aber alle Puzzleteile zusammenpassen.“

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