Post von Wolfgang Schäuble

Meine Tochter hat Post bekommen. Sie war noch keinen Monat alt, da kam der Brief, an sie adressiert, der Absender: das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn.
20.08.2017, 00:00
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Post von Wolfgang Schäuble
Von Kathrin Aldenhoff

Meine Tochter hat Post bekommen. Sie war noch keinen Monat alt, da kam der Brief, an sie adressiert, der Absender: das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn. Angesprochen wird sie mit „sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr“, obwohl dem Amt durchaus bekannt ist, dass sie weiblich ist, das steht ein paar Zeilen weiter. Ihr wird mitgeteilt, dass das Bundeszentralamt für Steuern ihr eine Identifikationsnummer zugeteilt hat und wie die lautet. Meine Tochter wird gebeten, das Schreiben aufzubewahren, denn: Die Nummer ist lebenslang gültig.

Lebenslang, ein großes Wort für ein Neugeborenes. Noch so klein, und schon beim Finanzamt gelistet, ohne ein freundliches „Willkommen auf der Welt“ oder zumindest ein höfliches „Willkommen im Steuersystem der Bundesrepublik Deutschland“. Auf der Rückseite des Schreibens steht, dass meine Tochter bereits mit der Geburt einkommensteuerpflichtig ist. Könnte ja sein, dass sie etwas erbt und dafür Kapitalerträge erhält.

Zunächst einmal ermöglicht diese Identifikationsnummer, dass wir Kindergeld für sie bekommen. Die Nummer ist ein Pflichtfeld auf dem Formular der Familienkasse, und das ist nur eines von vielen: Die Krankenkasse braucht eine Geburtsurkunde im Original, um eine Bestätigung für die Elterngeldstelle und den Arbeitgeber auszustellen, die Elterngeldstelle eine Bestätigung des Arbeitgebers über die Elternzeit, Angaben zur Krankenkasse – obwohl eine Bestätigung doch beigefügt ist – und natürlich eine Geburtsurkunde im Original. Die wiederum bekommt nur, wer alle Formulare des Standesamtes korrekt ausfüllt, und zwar gibt es da eines für den Vornamen und eines für den Nachnamen, obwohl auf beiden Formularen sowohl Vor- als auch Nachname einzutragen sind. Und, na klar, ohne Meldung beim Standesamt gibt es keine Steueridentifikationsnummer.

Die Bürokratie in Deutschland ist sprichwörtlich, aber dass sie nach dem natürlichsten Ereignis der Welt – zwei Menschen, die sich lieben, bekommen ein Kind – so vollumfänglich zuschlägt, überrascht mich zwar nicht, erschreckt mich aber doch. Ich bin froh, dass der Brief aus Bonn nicht der erste im Leben meiner Tochter war. Eine Freundin war mit ihren Glückwünschen schneller als Schäubles Amt mit seiner Steueridentifikationsnummer.

Kathrin Aldenhoff ist Redakteurin der ­Lokalredaktion des WESER-KURIER. Im Sommer hat sie ihr erstes Kind bekommen. Jeden Sonntag schreibt sie an dieser Stelle über ihre Erlebnisse als Mutter.

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