Rettungsmedizin Wie Drohnen Leben retten sollen

In Deutschland erleiden mehr als 50.000 Menschen im Jahr einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Nur zehn Prozent davon überleben. Die Universität Greifswald testet Drohnen, die Defibrillatoren zum Patienten fliegen.
22.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie Drohnen Leben retten sollen
Von Katharina Elsner

Es ist Donnerstagmorgen, und Arne liegt bewusstlos auf dem Boden einer Wohnung. Herzstillstand. Mina Baumgarten kniet neben Arne, knöpft seinen Brustkorb aus Kunststoff auf. Unter Arnes Haut verlaufen Schläuche statt Blutbahnen und spannen Federn statt Muskeln. Arne ist nur eine Reanimationspuppe, aber das Szenario ist durchaus realistisch.

Laut Deutschem Reanimationsregister treten 62 Prozent aller Herz-Kreislauf-Stillstände zu Hause auf. Es sind vor allem Männer im frühen Rentenalter, bei denen das Herz nicht mehr richtig schlägt und die wiederbelebt werden müssen. Und das sollte schnell passieren. Jede Minute, die ohne Wiederbelebungsmaßnahme verstreicht, sinkt die Chance jeweils um zehn Prozent, dass der Patient überlebt oder ohne bleibende Gehirnschäden weiterlebt. Pumpt das Herz kein Blut mehr durch den Körper, kommt auch kein Sauerstoff im Kopf an. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) schreibt, dass das Gehirn nach drei bis fünf Minuten, in denen es nicht versorgt wird, abzusterben beginnt. Unwiederbringlich. Arne hat also nur ein kurzes Zeitfenster. Das ist ein Problem.

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In der Stadt Bremen kam der Rettungswagen 2019 in etwa 90 Prozent der Fälle innerhalb von zehn Minuten, in Bremerhaven waren es sogar 94 Prozent. Zehn Minuten: Das ist die vorgeschriebene Hilfsfrist, also der Zeitraum, innerhalb dessen der Rettungsdienst am Unglücksort eintreffen sollte. Schlechter sieht es in Neuenkirchen in Vorpommern-Greifswald aus, wo Arne am Boden liegt: Dort kam jeder dritte Rettungswagen 2018 zu spät. Die Hilfsfrist beträgt in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls zehn Minuten, aber jedes Bundesland regelt selbstständig, wie schnell Rettungskräfte den Unfallort erreichen müssen. Fakt ist: Es gibt Unterschiede.

Mina Baumgarten will das ändern. Sie leitet an der Universitätsmedizin Greifswald den Bereich Strategische Unternehmensentwicklung und sagt: „Ich will, dass Menschen in allen Regionen die gleiche Chance haben, zu überleben.“ Dafür schickt ihr Team in einem Pilotprojekt Drohnen in die Luft, die Defibrillatoren tragen und zu einem simulierten Notfall fliegen sollen – an diesem Vormittag dahin, wo Arne liegt, im ersten Stock des Gebäudes der Freiwilligen Feuerwehr Neuenkirchen, sechs Kilometer Autofahrt von der Rettungsstelle in Greifswald entfernt.

Förderung mit 400.000 Euro

Das Bundesgesundheitsministerium fördert mit etwa 400.000 Euro das Projekt. Es soll zeigen, ob Rettungsdienste nach einem Notruf die Drohne in die Rettungskette eingliedern können, ob die Drohne sicher fliegen und landen kann, ob Ersthelfer den Defibrillator – diesen kleinen Elektroschocker, der das Herz wieder in den richtigen Takt bringen soll – problemlos entnehmen können.

Die Ersthelferinnen, meist medizinisch Qualifizierte, sind ebenfalls ein Baustein in dieser Kette. Ginge im Echtfall in der Leitstelle ein Notruf ein, würde ein Ersthelfer über sein Smartphone parallel zum Rettungsdienst und zum Drohnenstart alarmiert. In Deutschland gibt es mehrere solcher auf dem Smartphone basierenden Alarmsysteme, bei denen sich medizinisch vorgebildete Retter anmelden können — befinden die sich zufällig in der Nähe eines Notfalls, können sie zum Patienten eilen. Im besten Fall landet die Drohne genau dann in den Händen des Ersthelfers, wenn er gerade am Unfallort ankommt. Das ist die Überlegung von Mina Baumgarten.

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Eine Studie mehrerer Kliniken aus Hamm, Berlin und Hamburg zeigt, dass Ersthelfer in mehr als der Hälfte der Fälle vor dem Rettungsdienst am Einsatzort ankommen, im Schnitt vier bis fünf Minuten früher. Die Universitätsklinik Göteborg in Schweden hat im Jahr 2005 herausgefunden, dass sich die Chance, einen Herzstillstand zu überleben, um fünf Prozent erhöht, wenn Laien reanimieren — und um neun Prozent, wenn es geschulte Ersthelfer und Profis tun. In Mecklenburg-Vorpommern kommunizieren Leitstellen über die Landretter-App, mehr als 300 Ersthelfer haben sich dort registriert. Der Landkreis bräuchte aber mehr als 2000, sagt ein Sprecher.

In der Feuerwache in Neuenkirchen sind sechs Minuten vergangen, seit die Leitstelle die Drohne losgeschickt hat. Sie surrt heran, der Wind bläst bei 30 Kilometern pro Stunde. Erst als die vier Füße der Drohne auf dem Hof der Feuerwehr landen, lassen die Greifarme am Bauch der Drohne das rote Päckchen los. Der Ersthelfer schnappt sich das Defibrillatorpaket, nicht größer als ein Taschenbuch, rennt damit hoch zu Arne in die Wohnung, schnürt das Päckchen auf, klebt die Elektroden auf Schulter und Brustkorb der Puppe und setzt den Elektroschock ab.

Nur zehn Prozent überleben

Arne ist gerettet. Bei vielen echten Patienten sieht das anders aus. In Deutschland erleiden mehr als 50.000 Menschen im Jahr einen Herz-­Kreislauf-Stillstand. Nur zehn Prozent überleben. Oft beobachten Familienangehörige oder Bekannte den Stillstand, aber nur 39 Prozent der Laien beginnen laut Reanimationsregister die Wiederbelebung, bevor Rettungskräfte eintreffen. Die BZGA schreibt, wenn sofort mit einer Herzdruckmassage begonnen würde, verdoppelte sich die Überlebenschance — jedes Jahr könnten so in Deutschland 10.000 Leben gerettet werden.

Das Problem ist, dass es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wenige Laien­reanimateure gibt. In den Niederlanden helfen bei einem Herzstillstand mehr als 70 Prozent der Laien. Dänemark verpflichtet seit 2005 Grundschulen, mit ihren Schülern Wiederbelebung zu üben, außerdem erhöhte das Land die Zahl der registrierten Defibrillatoren innerhalb von fünf Jahren von 141 auf 7800.

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Bernd Böttiger steht den Greifswalder Drohnen kritisch gegenüber, er ist Direktor des Universitätsklinikums Köln und Vorstandsvorsitzender des Rates für Wiederbelebung. „Man darf nicht zu sehr in diese Technikgläubigkeit verfallen. Alles, was man braucht, um Leben zu retten, sind zwei Hände“, sagt der Mediziner. „Die wichtigste lebensrettende Maßnahme, egal bei welchem Herzrhythmus, ist die Herzdruckmassage, die darf nicht länger als zehn Sekunden unterbrochen werden“, sagt Böttiger.

Für Mina Baumgarten in Greifswald aber geht es darum, zu überlegen, wie es gelingt, Drohnen und Defibrillatoren so zu positionieren, dass sie die Hilfsfristen der Rettungskräfte verkürzen. „Was ist, wenn ich als Ersthelfer weiß, dass der nächste Defi in der Musikschule hängt, aber es ist nachts um drei Uhr, und die Schule ist geschlossen?“, fragt sie.

Die Drohne braucht ein stabiles Mobilfunknetz

Mina Baumgarten forscht weiter, ob und wie sie die Drohnen in echten Notfällen einsetzen könnte. Die Drohne braucht ein stabiles Mobilfunknetz, sie muss das ganze Jahr bei Regen, Sturm, bei Hitze fliegen — und die Drohne soll schneller sein als ein Rettungswagen. In Vorpommern-Greifswald war der Rettungswagen 2018 im Schnitt nach 8.55 Minuten vor Ort — die Drohne in den Tests in Neuenkirchen nach sieben Minuten. Ein direkter Vergleich steht aber noch aus.

Das Team von Mina Baumgarten hat keinen Wagen mit Blaulicht und keinen Helikopter zu Arne geschickt. Ob überhaupt aus dem Greifswalder Projekt eine Dauerfinanzierung wird, ist fraglich. Es ist noch nicht klar, wie viele Drohnen es geben könnte, wo die überhaupt stationiert würden und ob die Krankenkassen das alles bezahlen wollen.

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