Wer sich im Internet Fußballspiele auf dubiosen Seiten anschaut, macht sich unter Umständen strafbar

Sportgenuss mit Nachspiel

Bremen. Es ist Sonnabend, 18.30 Uhr.„Ohne Zweifel legal ist es, wenn ich ein Sky-Abo nutze oder ich einen Stream von einem Spiel schaue, der zum Beispiel gleichzeitig zur Fernsehausstrahlung in der ARD auf der Website des Fernsehsenders ausgestrahlt wird“, sagt Anna Verena Rohner, Rechts- und Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht in Bremen. „Alle anderen Varianten sind mit gewissen rechtlichen Risiken verbunden.
15.12.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Sportgenuss mit Nachspiel
Von Marlo Mintel

Bremen. Es ist Sonnabend, 18.30 Uhr. Martin, 29, lässt sich die Partie seiner Lieblingsmannschaft Werder Bremen bei Hertha BSC nicht entgehen. Normalerweise schaut er sich die Spiele der Grün-Weißen mit seinen Freunden in der Kneipe an. Heute sitzt der Werder-Fan daheim, vor seinem Computer, und verfolgt die Partie live per Video im Internet. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Schließlich bietet Pay-TV-Sender Sky, der alle Bundesliga-Spiele live übertragt, seiner Kundschaft auch im Internet die Spiele via Stream an. Doch Martin ist kein Kunde, er schaut sich die Begegnung über eine ausländische Webseite an – allerdings kostenlos. Damit bewegt er sich in einer rechtlichen Grauzone. Und daher möchte Martin auch nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden.

„Ohne Zweifel legal ist es, wenn ich ein Sky-Abo nutze oder ich einen Stream von einem Spiel schaue, der zum Beispiel gleichzeitig zur Fernsehausstrahlung in der ARD auf der Website des Fernsehsenders ausgestrahlt wird“, sagt Anna Verena Rohner, Rechts- und Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht in Bremen. „Alle anderen Varianten sind mit gewissen rechtlichen Risiken verbunden.“

Eine Variante davon nutzt auch Martin. Der Bremer weiß genau, wo er im Netz fündig wird. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass er ein Fußballspiel kostenlos streamt. „Man hat sich mit der Zeit ein Portfolio an entsprechenden Webseiten aufgebaut“, so der 29-Jährige. Die ausländische Plattform, über die Martin das Spiel verfolgt, bietet eine Auswahl von Links zu Fußballspielen – mit hochauflösender Bildqualität. „Man erkennt teilweise nicht mehr den Unterschied zwischen Sky und dem Stream“, sagt er. Doch wie legal ist diese Streaming-Variante und kann Martin dafür als Nutzer belangt werden?

„Da befinden wir uns in einem Graubereich“, sagt Anwältin Rohner. „Während des Streamingvorgangs findet eine Vervielfältigung der übertragenen Dateien auf dem Endgerät des Nutzers statt. Eine solche darf zunächst nur der Rechteinhaber vornehmen.“ Es gibt zwar Ausnahmeregelungen im Gesetz. Inwieweit diese aber Anwendung finden, ist rechtlich noch nicht abschließend geklärt. Von vielen Juristen als unbedenklich eingestuft wird die Situation, wenn lediglich eine vorübergehende Vervielfältigung der Dateien im Arbeitsspeicher des Computers, dem sogenannten Cache, stattfindet. Anders ist die Situation aber bereits dann, wenn eine Kopie dauerhaft auf dem Rechner lokal gespeichert wird. Hier könnte es zumindest dann rechtliche Probleme geben, wenn für den Nutzer klar erkennbar war, dass es sich um ein illegales Angebot gehandelt hat. „Beide Varianten sind aber rechtlich noch nicht abschließend geklärt“, erklärt Rohner. Eindeutig illegal ist dagegen, dass die Anbieter von Livestream-Seiten die Spiele ohne entsprechende Lizenzen öffentlich zugänglich machen. Das sei nicht erlaubt, unterstreicht die Fachanwältin, und werde auch strafrechtlich verfolgt.

Uneins sind die Juristen auch bei der zweiten Variante. Es gibt offizielle Fußball-Livestreams von ausländischen Free-TV-Anstalten, deren Nutzung hierzulande durch sogenannte IP-Geosperren verhindert werden – eigentlich. Deutsche Nutzer können diese Sperre aber mithilfe virtueller Netzwerke (VPN) oder ausländischer Proxy-Server umgehen. So gelingt es ihnen, bei einem indischen Free-TV-Sender mit der dafür erforderlichen indischen IP-Adresse im Netz zu surfen und somit auf das kostenlose Streaming-Angebot zuzugreifen. „Auch das könnte eine Urheberrechtsverletzung sein“, mutmaßt Rohner. „Aber auch hierzu gibt es noch keine Entscheidung der Gerichte.“ Eine Urheberrechtsverletzung wäre dann der Fall, wenn es sich um eine Umgehung wirksam technischer Schutzmaßnahmen nach Paragraf 95a des Urhebergesetzes handeln würde. „Es gibt Juristen, die die Meinung vertreten, dass IP-Geosperren keine wirksamen technischen Schutzmaßnahmen im Sinne des Urheberrechtsgesetzes seien. Da scheiden sich aber die Geister“, sagt sie. „Ich würde momentan nicht den Standpunkt vertreten, dass die Umgehung der IP-Geosperren eindeutig legal ist.“

Eindeutiger ist der Fall bei der dritten und letzten Variante, der sogenannten Peer-to-Peer (P2P)-Software. Um hier Fußballstreams empfangen zu können, muss sich der Nutzer zuerst eine kleine Software herunterladen. Beim Streamen werden die Dateien nicht nur empfangen, sondern auch an andere Nutzer verbreitet. „Wenn ein gleichzeitiger Upload-Vorgang stattfindet, handelt es sich auf jeden Fall um eine Urheberrechtsverletzung. Dafür kann man eine Abmahnung bekommen“, stellt Rohner klar. Hier sind dann sowohl die Anbieter der Webseiten als auch die Nutzer betroffen.

„Ich bin lieber einer, der nur guckt und gleichzeitig nichts zur Verfügung stellt“, sagt Martin. Anfänglich habe er sich oft die Frage gestellt, ob seine Art des Streamens zulässig sei. „Ich bin keiner, der illegale Machenschaften fördert“, sagt er. Es gebe keine eindeutige Rechtssprechung. „Deswegen kann man sich einer richtigen Schuld nicht bewusst sein.“ Und wenn die Rechtslage auf illegal plädiert? „Dann höre ich definitiv damit auf. Ich bin kein Gesetzesbrecher.“

Gegen diese Gesetzesbrecher geht Sky Deutschland seit Jahren juristisch vor – mit zunehmenden Erfolg. Wegen eines illegalen Livestreaming-Portals verurteilte das Amtsgericht Tauberbischofsheim Ende November zwei Angeklagte. Sie haben das bereits entschlüsselte Sendesignal von Sky Deutschland unerlaubt über das Internet weitergesendet und boten zudem auch sogenannte Premium-Accounts zum Kauf an, heißt es in einer Mitteilung von Sky Deutschland. Fünf Urheberrechtsverletzungen wurden ihnen nachgewiesen. Ein 28-Jähriger aus Baden-Württemberg wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Der zweite Angeklagte, aus Sachsen und ebenfalls 28 Jahre alt, erhielt eine Geldstrafe.

Sky überführte die Täter durch eigene Ermittlungen. Hierfür setzt der Sender eine eigene Anti-Piraterie-Abteilung ein. Sie arbeitet während der Live-Partien der Fußball-Bundesliga und spürt illegale Sky-Übertragungen auf. Wie genau das funktioniert? Diese Piratenjäger verhalten sich laut Sky Deutschland prinzipiell wie Nutzer und suchen nach Streams. Sobald eine Plattform mit einem illegalen Sky-Stream identifiziert wurde, versuche man, diese auf die Urheberrechtsverletzung aufmerksam zu machen. Ziel sei, jedes Sky-Signal zu identifizieren und zurückzuverfolgen, um herauszufinden, wer das Sendesignal ursprünglich weiterverarbeitet hat.

Eine Strafverfolgung wird dadurch erschwert, dass diese Internetseiten meist aus dem Ausland betrieben werden. Unbekannt ist die Zahl der Nutzer sowie die der illegalen Streaminganbieter.

Wer alle Bundesliga-Spiele und völlig legal schauen möchte, muss sich das auch etwas kosten lassen. Das Monats-Abo ist ab 25 Euro zu haben. Wem das zu teuer ist, der kann auch Tagestickets ohne Abonnement erwerben. Dann hat der Nutzer für zehn Euro einen 24-Stunden-Zugang zum Fußball- und Sportpaket des Senders, das Wochenticket kostet für sieben Tage 15 Euro. „Zehn Euro für ein Tagesticket find‘ ich zu happig. Dann kann ich auch ins Stadion gehen“, sagt Martin trotzig. Der 29-Jährige überlege sich dennoch häufiger, Sky dauerhaft anzuschaffen. Auf die Frage, was ihn davon abhält, antwortet er: „Ich sehe dafür keine Not. Spiele wie Ingolstadt gegen Darmstadt brauch‘ ich mir nicht anzugucken. Es gibt zu viele Klubs in der Bundesliga, die mich nicht interessieren.“ Wenn überhaupt, schaue er sich abgesehen von den Werder-Spielen maximal zwei Partien im Monat an.

Und so geht bei Martin das Streamen auch in Zukunft weiter. Völlig legal möchte er sich aber am Sonnabend das Werder-Spiel gegen Köln anschauen. Dann wieder in der Kneipe mit seinen Freunden. Das Spiel gegen Hertha BSC Berlin sei schließlich eine Ausnahme gewesen.

„Da befinden wir uns in einem Graubereich.“ Anna Verena Rohner
„Ich bin kein Gesetzesbrecher.“ Martin
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