Manatis aus nächster Nähe beobachten Planschen mit der Kuh

An der Golfküste Floridas hat sich der Bestand der Karibik-Manatis deutlich erholt. Und das, obwohl immer mehr Touristen mit ihnen baden
24.03.2020, 10:50
Lesedauer: 6 Min
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Planschen mit der Kuh
Von Martin Wein

Der Morgenhimmel ist noch grau und die Luft erfreulich frisch, als Anthony Altman an Pete’s Pier im Küstenort Chrystal River den Außenborder an seinem Motorboot in Gang setzt. Die Kleinstadt liegt nur 90 Autominuten westlich der Vergnügungsmetropole Orlando, dem beliebtesten Touristenziel der Vereinigten Staaten. Mehr als 60 Millionen Besucher pilgern dort jährlich in die Themenparks von Micky Maus, Universal & Co. Sie überschlagen sich in heulenden Rollercoastern, baden mitten im Binnenland am künstlichen Strand von „Volcano Bay“ oder besuchen die Wildtiere Afrikas und Asiens im „Animal Kingdom“.

Nach Chrystal River kommt kaum einer von ihnen. Die Kommune ohne nennenswertes Zentrum bietet das denkbar größte Kontrastprogramm. Sie liegt mitten im sumpfigen Citrus County. Es gibt nur eine Handvoll wenig glamouröser Hotels und keinen der blütenweißen Strände, für die Florida so bekannt ist. Dort beginnt der Hinterhof der USA, der Alte Süden – ländlich geprägt und knorrig konservativ. Statt eines Bekleidungsgeschäfts wartet in einem Holzflachbau an der Hauptstraße ein „Army Outlet“ auf Kunden. Und die örtliche CVS-Pharmacy ist der Treffpunkt der kaum mehr als 3000 Einwohner.

Der Schatz im Chrystal River

Doch Menschen wie Anthony Altman haben erkannt, dass Chrystal River einen Schatz birgt. Der vollbärtige Skipper mit der verwaschenen Baseballkappe, der jahrelang als Fischer im Golf von Mexiko unterwegs war, steuert sein Boot keineswegs aufs offene Meer. Bedächtig tuckert er nur wenige hundert Meter auf den Hillsborough River hinaus. Dort, wo der Fluss in einem Gewirr flacher Ströme und mit Wochenendhäuschen bepflanzter Halbinseln in die Kings Bay mündet, sind die auffälligsten Bewohner schon mit dem Frühstück beschäftigt. Altman, den man selbstverständlich gleich duzen muss, stellt den Motor ab, legt den Finger an den Mund und setzt die rot-weiße Taucherflagge. Nur ein paar Möwen kreischen. Die Anwesen am Ufer liegen noch im Dämmerschlaf. Mit Neoprenanzug, Schnorchel und Schwimmnudel schickt der Kapitän seine Gäste in den Fluss. Der ist kaum mehr als 1,5 Meter tief. Untergehen ist unmöglich. Aber im Wasser bewegt man sich trotzdem reichlich ungelenk. Schließlich gilt es, mit den Füßen möglichst keinen Schlick und Algenschleim aufzuwirbeln. Sonst könnte man bei getrübter Sicht glatt übersehen, dass direkt voraus ein hellgrauer Kegel von Länge und Volumen eines SUV bereits unverdrossen Seegras mampft.

Chrystal River nennt sich „Manatee-capital of the world“ – Hauptstadt der Karibik-Manatis. In Europa weiß kaum jemand, dass es diese Tiere überhaupt gibt. Eine durchaus weit gereiste Kollegin schreibt im Internet, man habe sich wohl vertippt und meine einen Manta-Rochen. Im Süden der USA haben die Manatis dagegen einen fast mythischen Ruf. Ihr lateinischer Name Sirenen passt da weitaus besser als die plumpe deutsche Gattungsbezeichnung Seekühe. Irgendwann im Tertiär sind ihre elefantenähnlichen Vorfahren wieder ins Wasser getapst. Sie haben die Hinterbeine abgelegt und den Schwanz zu einem breiten Ruder ausgebildet. Und weil die massigen Tiere in ihren bis zu 60 Lebensjahren weder jagen noch gejagt werden, verkörpern sie eine perfekte Work-Life-Balance – es sei denn, es gilt alle paar Jahre einmal eine Seekuh-Dame in einem Akt gemeinschaftlicher Vergewaltigung zu begatten.

Neugierige Seekühe

8800 Seekühe leben vor den Küsten Floridas. Aber nur in Chrystal River, wo die Manatis sich im Winterhalbjahr an warmen Quellen aufwärmen, können Touristen mit ihnen planschen. Neugierig kommen die kurzsichtigen Tiere mit der auffälligen Schnauze den Schwimmern näher. Es sind stille Minuten, wortlose Begegnungen. Manche Besucher messen ihnen esoterische Bedeutung zu, fast alle empfinden sie als beglückend. Gelegentlich kommt es sogar zum flüchtigen Körperkontakt. Trotzdem achtet Anthony darauf, dass man den grauen Riesen der Meere nicht aktiv zu nah kommt. „Das ist schließlich ihr Zuhause. Wir sind hier nur Gäste“, sagt er und stellt für die ausgekühlten Schwimmer schon mal eine Thermoskanne mit Kaffee bereit.

Doch ist das wirklich eine gute Sache? Kann man mit gutem Gewissen den Einklang mit diesen Tieren suchen, nachdem unsere Art die Meere verschmutzt, das Klima erhitzt und fast alle Naturräume für sich beansprucht hat? Oder nüchterner betrachtet: Schadet das nicht dem natürlichen Verhalten? In einem weißen Pavillon an einer Ausfallstraße soll es Antworten geben. Dort haben die Wildbiologen Joyce Palmer und Jim Valade ihre Büros. In einem nüchternen Besprechungsraum empfangen sie zum Interview. Die Bundesbeamten in den beigen Uniformhemden von US Fish & Wildlife Service sind mit sieben Mitarbeitern zuständig für die fünf bundesstaatlichen Naturschutzgebiete zwischen Chrystal River und Tampa im Süden.

Touristen verhalten sich wie Seekühe

Valade ist eine Berühmtheit unter Naturschützern in Florida. Seit 1978 setzt der 62-Jährige sich für den Schutz der Manatis ein. 2006 wurde ihm der „National Recovery Champion Award“ verliehen. „Er kennt wahrscheinlich mehr Manatis als Menschen“, sagt seine Chefin scherzhaft. Und natürlich kennt er auch die Statistik. „Als ich anfing, gab es 700 bis 800 Seekühe an den Küsten Floridas“, sagt Valade, „inzwischen hat sich der Bestand verzehnfacht. Allein 700 bis 800 leben hier in der Kings Bay“. Dass die Tiere Stress mit den Touristen hätten, glaubt Valade nicht. Sie suchten sich keine anderen Rückzugsräume. Rechtzeitig habe man schließlich auf den wachsenden Tourismus reagiert. Zwei Dutzend Anbieter verkaufen inzwischen Schnorchel-Trips zu den Seekühen. Jeder muss eine Lizenz erwerben und sich an einen Verhaltenskodex halten. Jeder Gast muss wie im Flugzeug ein Video mit Sicherheitshinweisen anschauen. „Verhalten Sie sich am besten selbst wie eine Seekuh“, heißt es darin und dass man die Tiere weder umarmen, verfolgen oder auf ihnen stehen dürfe. 127 Rentner und andere Freiwillige passen an Land und auf dem Wasser auf, dass niemand aus der Reihe tanzt. Uneinsichtigen drohen hohe Strafen. Im Winter, wenn Hunderte Tiere sich an den 70 warmen Quellen rund um Chrystal River wärmen, weisen Palmer und ihre Leute zusätzlich temporäre Schutzgebiete aus. Bootsverkehr und Schwimmen sind dort dann untersagt. „Damit haben wir in der Gegend alle Refugien der Seekühe erfasst“, glaubt Valade. Naturschutz und Öko-Tourismus kooperieren.

Gefahren für Manatis

Doch natürlich gibt es Gefahren. Die Anzahl der Boote in Florida habe sich in den vergangenen vier Jahrzehnten auf eine Million verfünffacht, sagt Palmer. Da sei es fast ein Wunder, dass 2018 nur 100 Seekühe überfahren wurden. „Aber fast jedes Tier hat Striemen und Narben von Schiffsschrauben, an denen wir sie eindeutig erkennen können.“ Mittelfristig betrachtet sei das indessen nicht das Hauptproblem. „Machen wir uns nichts vor“, sagt Valade, „wir leben in einer industrialisierten Landschaft“. Selbst die Öko-Bootstouren durch den Chrystal River Preserve State Park führen nicht nur an Adlerhorsten, Kormoranen und Reihern und einem privaten Inselchen für Wochenend-Robinsonaden in der Mündung der Kings Bay vorbei, sondern in der Ferne auch am großen Kohlekraftwerk mit einem zusätzlichen Kernreaktor. Das haben längst auch die Manatis bemerkt. „Statt im Winter in den Süden zu schwimmen, wärmen sich die meisten heute an den Kühlwasserausläufen der Kraftwerke auf“, berichtet Valade. Vor allem an der Atlantikküste seien inzwischen fast alle Tiere von dieser Wärmequelle abhängig. Wenn aus Kostengründen und zum Klimaschutz die Kohlemeiler in den nächsten Jahren abgeschaltet werden, könnte es den Seekühen paradoxerweise im Winter zu kalt werden. „Wir suchen schon nach Alternativen, die wir ihnen anbieten können“, sagt Valade. Gut möglich, dass es in Chrystal River mit seinen Wärmequellen dann noch voller wird.

Von Frühjahr bis Herbst, wenn nur ein kleiner Teil der Tiere im Fluss bleibt, können auch die Gäste Juwelen wie die Three Sisters Springs besuchen. „Idiot’s Delight“ nennen die Ranger den runden Karsttrichter im Kalksteinboden scherzhaft, weil früher so viele Möchtegern-Kapitäne mit ihren Booten im Ausfluss stecken geblieben sind. Heute versperren zwei Pfähle ihnen den Weg. Durch einen schmalen Kanal dahinter schwimmt oder paddelt man mit dem Glasbodenkajak in das Becken der gleich drei kristallklaren Karstquellen hinein. Von Palmen, Hibiskusbüschen und Lianen umwuchert, speisen die einen natürlichen Pool von wahrhaft unnatürlichem Blau. Kein Themenpark-Ausstatter bekäme das besser hin. Mindestens einmal im Jahr kommt auch Joyce Palmer mit ihrem Kajak dorthin. Sie sagt: „Spätestens dann weiß ich wieder, warum ich meinen Beruf mache.“

Info

Zur Sache

Florida

Anreise: Lufthansa fliegt nonstop von Frankfurt nach Orlando (www.lh.com). Von dort sind es mit dem Auto circa 160 Kilometer auf den Highways 27 und 44 nach Chrystal River.

Reisezeit: Oktober bis Juni. Die Hauptsaison für die Manatis ist von Dezember bis Februar. Dann ist es aber auch am vollsten.

Unterkunft: Best Western Chrystal River Resort, drei Sterne, zentrumsnah mit kleinem Pool; Doppelzimmer ab 115 Euro, www.bestwestern.com; The Plantation, drei Sterne, moderner Südstaaten-Charme, Doppelzimmer ab 140 Euro, www.plantationoncrystalriver.com.

Manati-Touren: Drei Stunden inklusive Ausrüstung mit www.riverventures.com oder www.explorida.com für circa 50 Euro pro Person.

Informationen unter www.crystalriverfl.org; www.visitflorida.com/de.

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