Serie "Psyche und Pandemie"

"Durch die Pandemie wurde der Klinikaufenthalt notwendig"

Die Corona-Pandemie hat viele Menschen psychisch stark belastet. Hier berichten fünf psychisch vorerkrankte Bremerinnen und Bremer, wie sie den veränderten Alltag erlebt haben.
16.06.2021, 09:20
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Von Frieda Ahrens

Triggerwarnung: In dieser Serie werden sensible Inhalte rund um psychische Erkrankungen bis hin zu Suizidgedanken thematisiert.

Psychisch Vorerkrankte haben mit den neuen Regeln und den Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders zu kämpfen – so berichten Therapeuten, Erkrankte, mittlerweile auch eine ganze Reihe von Studien. Doch wie genau wirkt sich der Einfluss der Pandemie auf eine mentale Krankheit aus? Fünf Betroffene berichten.

Wolfgang Schmiedekampf

ist 72 Jahre alt und ist seit Jugendzeiten an Depressionen erkrankt. Seitdem durchlebte er sechs depressive Phasen, die letzte zwischen Dezember 2019 und Dezember 2020. Er begab sich von Februar bis März 2020 im Klinikum Bremen-Ost in stationäre Behandlung, besuchte später die Tagesklinik in Bremen-Ost.

Psychische Gesundheit und Covid-19

Wolfgang Schmiedekampf.

Foto: Florian Sulzer

Nach zwei Tagen dort, an einem Montag im März, warnte ein italienischer Bürgermeister im Fernsehen eindringlich vor der Pandemie. "Das war für mich der Punkt, wo es mir zu heikel wurde. Ich habe denen gesagt, dass ich das unter den Umständen – jeden Morgen 20 Menschen plus Personal rein und abends wieder raus – nicht mehr mitmachen möchte", sagt Schmiedekampf. Dafür habe er in Kauf genommen, sich ohne professionelle Hilfe in der schlimmen Phase der Depression von Tag zu Tag zu hangeln.

Nachbarn und die Familie halfen, so konnte er die Zeit überstehen. "Wobei überstehen in der Depression heißt, dass man abends erleichtert feststellt: Du hast wieder einen Tag geschafft."

Ab Oktober konnte er sich auch wieder mit seiner Selbsthilfegruppe treffen – unter Einhaltung strenger Hygieneregeln. "Wenn die Selbsthilfegruppe ganz weggefallen wäre, das hätte mir schon sehr was ausgemacht", sagt Schmiedekampf. Sonst habe er den Einfluss der Pandemie nicht großartig gespürt. "Die Depressionen fand ich auch in den Phasen davor, als Corona nicht Thema war, sehr belastend."

Charlotte Ueckermann

ist 21 Jahre alt und leidet unter einer Traumafolgeerkrankung. Das habe sich erstmals mit Beginn der Pubertät geäußert, als sie eine Essstörung entwickelte. Später, als sie von Zuhause ausgezogen war und ein paar Jahre allein und auch in einer WG gewohnt hatte, führte ihre Erkrankung zu depressiven Phasen – der Punkt, an dem sie erkannte, dass sie Hilfe braucht.

"Ich habe es damals nicht allein geschafft, mir einen Therapieplatz zu suchen", sagt Ueckermann. "Mir ging es damals so schlecht, dass ich nur mit der Hilfe einer Freundin einen Termin bei der kassenärztlichen Vereinigung für ein Erstgespräch machen konnte." Das Problem haben laut Ueckermann viele Menschen: Dass man sich erst Hilfe sucht, wenn es so schlimm ist, dass es nicht mehr alleine geht.

Psychische Gesundheit und Covid-19

Charlotte Ueckermann.

Foto: Florian Sulzer

Inzwischen wird sie therapiert, auch während der Pandemie. Im ersten Lockdown vor einem Jahr fanden vier der Therapiesitzungen per Telefon statt, danach wieder in Präsenz. Das spielt für Ueckermann eine große Rolle: "Allein der Rahmen, den es in der Paxis gibt, also dass es einen geschützten Raum gibt, nicht nur innerlich, sondern ganz konkret räumlich, ist wichtig."

Die Pandemie habe für sie Vor- und Nachteile im Umgang mit ihrer Krankheit geschaffen: Auf der einen Seite habe sich der erste Lockdown erst einmal entlastend angefühlt, da der soziale Druck abgenommen habe. "Doch auf Dauer war durch dieses viele Zuhause sein viel mehr Raum da, mich in den Gedankenstrukturen festzusetzen, die ich sonst ganz gut ausgleichen konnte." Strukturen seien weggebrochen: zur Uni gehen, Freunde sehen oder Hobbys nachgehen, so hätten ihr Stützpunkte gefehlt, die den Umgang mit ihrer Erkrankung erleichtern können. Im Endeffekt habe das dazu geführt, dass ein Klinikaufenthalt notwendig wurde.

Außerdem erlebe sie durch die Pandemie und deren Auswirkungen Emotionen, die mit ihrem Trauma verbunden seien. Beispielsweise das Schuldgefühl. Wenn sie sich Gedanken mache, ob sie zu viele Menschen gesehen habe, und deswegen ein schlechtes Gewissen bekomme, reagiere ihr Körper reflexartig mit Gefühlen, die sie von früher kenne. Eine Art "Retraumatisierung", wie sie es nennt. Für Charlotte Ueckermann zeigt das, wie schwer es die Pandemie Menschen mit psychischen Vorerkrankungen machen kann.

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Theoman Ehlerding

ist 23 Jahre alt und leidet an Depressionen und einer erweiterten Ich-Störung. Den ersten Zusammenbruch hatte Ehlerding im Alter von 15 Jahren, was zu seinem ersten Aufenthalt im Klinikum Bremen-Ost geführt hat. Zu dieser Zeit hätten ihn Suizidgedanken geplagt. "Ich war sehr theatralisch, ich wollte es vor den Augen aller machen. Ich war ein Teenager, ich wusste es nicht besser, ich war der Meinung, die anderen seien schuld. Was natürlich nicht der Fall ist." Er habe schon ein Messer in der Tasche gehabt, erzählt er, aber als er es haben rausholen wollen, habe sein Körper nicht mitgespielt. Er sei in Ohnmacht gefallen und erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. Seine Eltern hätten damals nicht viel Verständnis gezeigt.

Psychische Gesundheit und Covid-19

Theoman Ehlerding.

Foto: Florian Sulzer

Ehlerding sagt, er habe schon recht früh in seinem Leben das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmt, habe sich lang nicht zugehörig gefühlt, ein problematisches Verhältnis zu seinen Eltern gehabt. "Ich hab' mich in meinem Zimmer verschanzt, es hat wie in einem Pumakäfig gestunken, ich hatte nicht die Energie aufzuräumen – es kam zu viel Streit."

Nach traumatischen Erfahrungen sei er schon als Kind an den Alkoholschrank der Eltern gegangen, später habe er sich in seiner ersten Beziehung sehr toxisch verhalten. Dazu kam ein Umzug, 20 Kilometer weit weg in einen anderen Stadtteil, die Freunde kamen selten zu Besuch. "Besonders als jemand, der es hätte gebrauchen können, dass man ihn mal rausholt, war das schlimm für mich."

Inzwischen habe sich viel geändert, vor allem auch das Verhältnis zu seinen Eltern. "Ich halte sehr viel von ihnen, weil die eine sehr große Entwicklung durchgemacht haben", sagt Ehlerding. Während des ersten Lockdowns habe er auch wieder zeitweise bei ihnen gewohnt. Inzwischen sei er wieder ausgezogen, weil er einen Job gefunden habe, bei dem ihm seine Krankheit nicht im Weg stehe, der ihm guttue. Trotzdem habe die Pandemie ihre Spuren hinterlassen. "Ich brauche zwischendurch Ablenkung von meiner Krankheit", sagt Ehlerding, "Freunde sehen, etwas unternehmen, in ein Restaurant gehen." Das habe die Pandemie wochenlang unmöglich gemacht.

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Maria Sandig

ist 30 Jahre alt und leidet unter einer bipolaren Störung. Sie durchlebt extreme Stimmungswechsel, man könne sagen, "von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt". Vor etwa fünf Jahren hätten ihr damaliger Freund und ihre Familie Alarmsignale gesendet. "Ich war total verändert", sagt sie. Denn eine manische Episode, in der sie viel Energie verspüre, bedeute nicht nur, "Maria ist gut drauf". Sie sei leicht reizbar, rede unglaublich viel, lebe ein wenig wie in einer anderen Welt, als hätte sie Drogen genommen.

Psychische Gesundheit und Covid-19

Maria Sandig.

Foto: Florian Sulzer

Seitdem ist sie in Therapie, aktuell in ihrer dritten. Bei den ersten beiden habe es mit der Suche nach einem Therapieplatz recht schnell geklappt, auf die aktuelle aber habe sie eineinhalb Jahre warten müssen, obwohl sie sich sogar auf zwei Wartelisten eingetragen habe. "Damit sollte es schneller gehen. Als ich mich da angemeldet habe, hieß es: sieben Monate warten. Im Endeffekt waren es eineinhalb Jahre, das fand ich schon echt heftig."

Zu Beginn der Pandemie habe Sandig monatlich wechselnde Phasen durchlebt. In den manischen habe sie es sehr genossen, nicht so viele Menschen sehen zu müssen. Sie habe sich kreativ ausleben können und habe die strengen Beschränkungen als Entschleunigung erlebt. "Dieser Gedanke, was verpassen zu können, war weg, das hat mir sehr gutgetan." In den depressiven Phasen wäre es jedoch besser gewesen, hätte sie mehr Menschen sehen können, sagt sie.

Herbert Gärtner

ist 69 Jahre alt und Alkoholiker. Seit 19 Jahren ist er trocken, seit mehr als 15 Jahren engagiert er sich in der Präventionsarbeit beim Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe. Und er ist wütend. "Alles hat sich durch die Pandemie nur zum Nachteil verändert", findet Gärtner. Vor allem Hilfestellungen für Suchterkrankte wären nicht berücksichtigt werden. Viele Selbsthilfegruppen treffen sich zwar regelmäßig digital, aber das sei nicht dasselbe. "Gerade Süchtige, die gerade erst trocken sind, brauchen den persönlichen Kontakt – die fallen gerade hinten runter." Während er in Zeiten vor Corona von Süchtigen etwa einmal im Monat angerufen worden sei, habe es während der Pandemie eher zwei Anrufe pro Woche gegeben. Auch während des Gesprächs mit unserer Redaktion klingelt das Telefon mehrfach. "Das ist das Schlimmste im Suchtbereich: die Einsamkeit."

Psychische Gesundheit und Covid-19

Herbert Gärtner.

Foto: Florian Sulzer

Er habe alles versucht, habe Hygienekonzepte erstellt, viele Orte abgefragt, ob dort Meetings stattfinden könnten – monatelang konnte sich seine Gruppe nicht treffen. "Ich möchte Menschen helfen, aber ich darf nicht – ich kann das nicht nachvollziehen."

Auf Anfrage des WESER-KURIERS an die Gesundheitsbehörde bezüglich der Präsenztreffen der Selbsthilfegruppen sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts: "Treffen von Selbsthilfegruppen von Menschen mit psychischen Erkrankungen und/oder Suchtgefährdeten sind medizinisch indiziert und somit auch notwendigerweise durchzuführen, damit es nicht zu Folgeschäden wie einem Rückfall kommt." Es seien entsprechende Hygienekonzepte zu erstellen, damit die Gefährdung möglichst geringgehalten wird. "Unter Einhaltung dieser Voraussetzung sind Präsenztreffen erlaubt, dieses gilt auch schon seit vielen Monaten", so Fuhrmann.

Gärtner sagt, es scheitere momentan an den Preisen für Räumlichkeiten: "Das können wir uns nicht leisten, auch nicht mit Fördergeldern." Diese gebe es laut Fuhrmann momentan gerade auch bei Mieterhöhung: "Erhöhte Mietausgaben zur Anmietung größerer Räumlichkeiten wurden und werden anerkannt."

Zur Sache

Bei Suizidgedanken oder in Krisensituationen finden Sie in Bremen Hilfe bei folgenden Einrichtungen:

Sozialpsychiatrischer Dienst
(Montag bis Freitag 8.30 bis 17 Uhr):

Mitte: Tel.: 0421 800 582 10
Nord: Tel.: 0421 6606 1234
Ost: Tel.: 0421 408 1850
Süd: Tel.: 0421 22 21 30
West: Tel.:0421 22 21 410

Kriseninterventionsdienst
(Montag bis Freitag 17 bis 21 Uhr und am Wochenende 8.30 bis 17 Uhr):
Tel.: 0421 800 582 33

Nächtliche Krisenberatung:
Tel.: 0421 957 00 310

Bundesweit erreichbar, auch anonym, ist die Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 1110111.

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