Serie "Psyche und Pandemie"

Was hilft in Zeiten psychischer Krisen?

Viele Menschen wurden durch die Corona-Pandemie psychisch außergewöhnlich belastet. Was kann man tun, um psychische Krisen zu bewältigen?
16.06.2021, 00:01
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Was hilft in Zeiten psychischer Krisen?
Von Frieda Ahrens

Triggerwarnung: In dieser Serie werden sensible Inhalte rund um psychische Erkrankungen bis hin zu Suizidgedanken thematisiert.

Während der Corona-Pandemie sind persönliche Kontakte über eine lange Zeit nur in geringem Umfang möglich gewesen. Das bedeutet auch, dass viele Menschen mit Ängsten, Zweifeln und Gedankenspiralen öfter allein klar kommen mussten als zuvor, in der Zeit ohne das Virus. Eine Einschränkung, die sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken kann.

Die Zahl der Anfragen an Psychotherapeutenpraxen steigt. Umfragen zeigen, dass mehr Menschen von Depressionen und Angststörungen betroffen sind als vor der Pandemie. Viele Menschen stehen vor der Frage: Was kann ich tun, um psychische Krisen zu bewältigen?

Psychischen Krisen körperlich gegenwirken

Der Psychotherapeut Christoph Sülz erklärt, dass es zwei Möglichkeiten gibt, um mit starken Emotionen umzugehen: körperlich oder gedanklich. "Das Körperliche wäre so etwas wie Hände unter kaltes laufendes Wasser zu halten, Bauchatmungen zu machen, um sich körperlich zu beruhigen." Auch rauszugehen und rund um Block zu laufen würde helfen. So könne man versuchen, wieder runterzukommen und ins klare Denken reinzukommen. "Das ist die erste Maßnahme, die hilft, gerade wenn man panisch wird."

Ähnliches berichten Betroffene. Maria Sandig leidet unter einer bipolaren Störung und hat sowohl manische als auch depressive Phasen. "In beiden Phasen hilft mir Yoga sehr, ich konzentriere mich auf mich selbst und werde ruhiger", sagt sie. Charlotte Ueckermann, die unter einer Traumafolgeerkrankung leidet, und Wolfgang Schmiedekampf, der regelmäßig depressive Phasen erlebt, empfehlen eine klare Tagesstruktur. "Dabei hilft mir momentan mein Hund sehr", sagt Ueckermann, "er bringt mich dazu, mindestens drei Mal am Tag raus zu gehen, und das sind feste Punkte für mich.

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Mentale Klärung: Was ist wirklich bedrohlich?

Schmiedekampf empfiehlt neben einer Grundstruktur außerdem, sich abends hinzusetzen, einen Zettel nehmen und aufzuschreiben, was an dem Tag gut gelaufen ist. "Ich war immer wieder erstaunt, wie viel dann doch zusammen kommt." Sich zu verbildlichen, was Freude gemacht hat, würde helfen. Auch sich die Strukturen zu verbildlichen helfe, so Ueckermann. Sie schreibe deutlich mehr Listen und plane die Woche vor, sodass sie ihre Termine und damit Zwischenziele vor Augen habe.

Bei akuten Angstattacken helfe es auch, über die Gedanken in eine Klärung zu gehen, so Psychotherapeut Sülz. Man solle sich fragen „Was ist hier gerade bedrohlich?“ und "Was hat sich jetzt gerade verändert im Vergleich zu vor zehn Minuten oder einer halben Stunde?". Damit schaffe man geistig eine Distanz zu dem Bedrohlichen. "Denn das, was bedrohlich ist, sind ganz häufig Ideen oder Vorstellungen in unserem Kopf, und dieses Potenzial kann ich entschärfen", sagt Sülz. Wenn das nicht allein gelinge, helfe es, jemanden anzurufen. Das könne eine Freundin sein, das könne die Telefonseelsorge sein, das könne der Krisendienst sein.

Wie das Umfeld bei psychischen Krisen helfen kann

Was tue ich, wenn es der Freundin oder dem Freund, einem Verwandten oder anderen Bekannten im Umkreis akut nicht gut geht? Dann sollte man auf einen körperlichen Reiz setzen und diese Person aus der Situation rausholen, rät Sülz. "Das Fenster öffnen, gemeinsam atmen, etwas trinken – auf ganz grundlegende körperliche Reize zu setzten, hilft schon." Wenn das nicht helfe, rät der Experte, die Jacke anzuziehen und einmal um den Block zu gehen, räumlich die Situation zu verlassen.

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Was Charlotte Ueckermann und Maria Sandig sich von ihrem Umfeld im Zusammenhang mit der mentalen Krankheit wünschen: Sicherheit. "Dass, egal wie schlecht es mir geht, man einfach da ist", sagt Ueckermann. Wolfgang Schmiedekampf bezeichnet den richtigen Umgang allerdings auch als Gratwanderung: Auf der einen Seite sollte man auf den Betroffenen und seine Bedürfnisse hören, auf der anderen Seite muss man diesen auch mal gegen den eigenen Willen aus einer Situation raus bringen.

Als Positivbeispiel nennt er eine Situation, in der seine Frau die Initiative ergriffen hat: "Sonntagnachmittag. Ich brütete im Wohnzimmer, einerseits unruhig, anderseits eben untätig. Sie holte einfach die Fahrräder aus der Garage und sagte 'Komm, ich habe alles vorbereitet, wir fahren jetzt zum Jürgenshof.' Erst wollte ich nicht, doch sie meinte, wenn es nicht geht, drehen wir auf der Hälfte der Strecke wieder um. Und als wir nach dem Ausfug nach Hause kamen, ging es mir dann meist doch ein bisschen besser."

Zur Sache

Bei Suizidgedanken oder in Krisensituationen finden Sie in Bremen Hilfe bei folgenden Einrichtungen:

Sozialpsychiatrischer Dienst
(Montag bis Freitag 8.30 bis 17 Uhr):

Mitte: Tel.: 0421 800 582 10
Nord: Tel.: 0421 6606 1234
Ost: Tel.: 0421 408 1850
Süd: Tel.: 0421 22 21 30
West: Tel.:0421 22 21 410

Kriseninterventionsdienst
(Montag bis Freitag 17 bis 21 Uhr und am Wochenende 8.30 bis 17 Uhr):
Tel.: 0421 800 582 33

Nächtliche Krisenberatung:
Tel.: 0421 957 00 310

Bundesweit erreichbar, auch anonym, ist die Telefonseelsorge unter der Rufnummer 0800 1110111.

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