Hannover

Von wegen Spatzenhirn

Bei der vom Naturschutzbund Deutschland initiierten Vogelzählung ist zuletzt kein Vogel so oft in Bremer Gärten gesichtet worden wie der Haussperling, kurz Spatz genannt. Am zweit- und dritthäufigsten waren Amseln und Kohlmeisen – sowohl in Bremen als auch bundesweit.
17.06.2016, 00:00
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Von wegen Spatzenhirn
Von Jürgen Wendler

Bei der vom Naturschutzbund Deutschland initiierten Vogelzählung ist zuletzt kein Vogel so oft in Bremer Gärten gesichtet worden wie der Haussperling, kurz Spatz genannt. Am zweit- und dritthäufigsten waren Amseln und Kohlmeisen – sowohl in Bremen als auch bundesweit. Davon, dass Spatzen keineswegs den besten Ruf genießen, zeugen Ausdrücke wie Dreckspatz oder Spatzenhirn. Das Spatzenhirn gilt als gleichbedeutend mit mangelndem Denkvermögen und schwachem Gedächtnis. Fragt sich nur, ob diese Vorstellung den Vögeln wirklich gerecht wird. Wie steht es um ihre kognitiven Fähigkeiten?

Antwort: Wenn jemandem bescheinigt wird, er habe ein Spatzenhirn, kann er dies Erkenntnissen von Wissenschaftlern zufolge durchaus auch als Kompliment verstehen. Eine Gruppe von Forschern aus Tschechien, Öster­reich und Brasilien hat jetzt im Fachjournal „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Nervenzellen (Neuronen) in den Gehirnen von Singvögeln und Papageien in einer sehr viel größeren Dichte vorkommen als in den Gehirnen von Säugetieren. In den vergangenen Jahren hat sich herausgestellt, dass manche Vögel über kognitive Fähigkeiten verfügen, die mit denen von Primaten vergleichbar sind. Unter dem Begriff Primaten fassen Biologen Affen und Menschen zusammen. Die Fähigkeiten der Vögel erscheinen auf den ersten Blick unverständlich, weil die Gehirne dieser Tiere wesentlich kleiner sind als die von Primaten. Eine mögliche Erklärung liefert die nun veröffentlichte Studie, indem sie den Blick auf die besondere Hirnarchitektur der Vögel lenkt.

Beispiele dafür, dass Vögel alles andere als dumm sind, gibt es viele. So führt die Wahrnehmung, dass sie beim Verstecken von Futter beobachtet wurden, bei Rabenvögeln und Eichelhähern dazu, dass sie ein neues Versteck suchen, wenn der Beobachter verschwunden ist. Elstern können ihr eigenes Spiegelbild erkennen, und Papageien sind in der Lage, ohne Training zu einem Takt zu tanzen. Von Graupapageien ist bekannt, dass sie Hunderte Wörter erlernen und sinnvoll einsetzen können, von Neukaledonischen Krähen, dass sie sogar vergleichsweise komplizierte Werkzeuge herstellen und verwenden. Die Krähen formen zum Beispiel aus Blättern, Blattstielen und Zweigen Werkzeuge, um an Käferlarven zu gelangen, die tief in alten Holzstümpfen verborgen sind.

Im menschlichen Gehirn, das im Durchschnitt etwa 1350 Gramm wiegt, befinden sich nach Schätzungen von Wissenschaftlern etwa 86 Milliarden Nervenzellen. Mit Kognition verbinden Fachleute das, was in der Alltagssprache oft unter dem Begriff Geist zusammengefasst wird, nämlich das Wahrnehmen, Vorstellen, Denken und Erinnern. Die Grundlage hierfür liefern die Nervenzellen, von denen jede über Kontaktstellen, das heißt Sy­napsen, mit einer Vielzahl von anderen verknüpft ist. Gedanken, innere Bilder und Gefühle entstehen nach herrschender Auffassung aus dem Zusammenspiel solcher Zellen. Diese bilden ein komplexes Netzwerk, das sich laufend an veränderte Bedingungen anpasst.

Wie der an der neuen Studie beteiligte Evolutions- und Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch von der Universität Wien erklärt, sind die Nervenzellen in den Gehirnen von Vögeln effizienter eingelagert als in denen von Menschen, wo die Verbindungen zwischen den Zellen viel Platz einnehmen. Der Wissenschaftler vergleicht den Aufbau des Vogelhirns mit einem neuartigen Computerchip, bei dem mehr Transistoren auf einer kleineren Unterlage untergebracht sind. Transistoren sind winzige Schalter, die aufwendige mechanische Schalter überflüssig machen.

Um gut fliegen zu können, müssen Vögel leicht sein. Vogelknochen sind deshalb im Innern in der Art von Waben aufgebaut. Dadurch sind sie nicht nur fest, sondern auch leicht. Die kleinen Zaunkönige werden nicht schwerer als rund zehn Gramm, und selbst das Skelett eines Fregattvogels mit einer Flügelspannweite von mehr als zwei Metern wiegt nur etwa 110 Gramm. Laut Tecumseh Fitch ist davon auszugehen, dass auch der besondere Aufbau des Vogelgehirns vor dem Hintergrund der besonderen Anforderungen des Fliegens entstanden ist. Das Gehirn der Tiere sei kompakt, effizient und leicht.

Zu den Erkenntnissen der Forscher gehört auch, dass sich bei Papageien und Singvögeln im Vergleich zu Primaten, anderen Säugetieren und anderen Vögeln ein wesentlich höherer Anteil an Nervenzellen im Vorderhirn befindet, das für die Kognition wichtig ist. Nach Ansicht der Wissenschaftler liefern die dort in hoher Zahl und großer Dichte konzentrierten Zellen eine Grundlage für die Intelligenz der Tiere.

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