Winter in Kanada Rutschpartie in den Rockies

Der kanadische Winter ist eisig kalt - aber dafür wunderschön. Wer mal wieder richtige Schneelandschaften sehen möchte, ist in den Rocky Mountains genau richtig.
02.01.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Rutschpartie in den Rockies
Von Martin Wein

Edmonton. Das Ankommen im kanadischen Winter hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Beladen mit Koffern und Taschen und in dicken Winterjacken steht man mitten in einem riesigen Parkhaus unter dem neuen ICE-Distrikt von Edmonton und weiß weder ein noch aus. Frieren muss dort niemand. Der Betreiber wirbt mit wohligen Temperaturen. So könne man auch im Winter ohne Parka in einen der Bürotürme, ins neue Hotel oder ins Eishockey-Stadion der Edmonton Oilers gelangen. Wenn man denn den Ausweg aus dem unterirdischen Labyrinth findet.

Endlich draußen angekommen wird einem aber schlagartig klar, warum ein beheiztes Parkhaus im Winter in Edmonton tatsächlich ein Luxus ist. Mit eisiger Gewalt fegt der Nordwind durch die Straßenschluchten des hypermodernen Hochhausviertels und wer kann, der flüchtet sich ins Warme. Ist eine Winterreise in Kanadas Westen, den viele Deutsche sonst vor allem von sommerlichen Wohnmobil-Ferien auf überfüllten Highways kennen, also überhaupt eine gute Idee? Unbedingt, denn die Rocky Mountains präsentieren sich nicht nur Skifahrern, sondern auch anderen Besuchern im Winter viel entspannter als im Sommer – und völlig verändert.

Als guter Startpunkt empfiehlt sich Edmonton, Hauptstadt der Provinz Alberta, aber in Europa noch wesentlich unbekannter als das südlicher gelegene Calgary. Die Fast-Millionen-Stadt lebt gut von Öl und Gas und Technologie-Riesen wie IBM, Telus oder Stantec. Das kann man sehen: In der West Edmonton Mall, der größten des Landes, drehen sich unter Glas rasante Achterbahnen in einem quietschbunten Vergnügungspark. In einem Pool nebenan schwimmen kalifornische Seelöwen vor einem Nachbau von Columbus’ Segelschiff „Santa Maria“, in einem anderen schaukeln die Edmontonians in zwei Meter hohen Wellen. 200 Millionen Dollar hat man sich den Umbau des Royal
Alberta Museums mit seinen riesigen Skeletten eiszeitlicher Mega-Fauna vom Wollmammut bis zum Riesenfaultier kosten lassen. Draußen führt eine neue gläserne Standseilbahn kostenlos vom City Center hinab ans verschneite Ufer des North Saskatchewan River mit seinen ruhigen Jogging- und Spazierwegen, wo jeden Winter künstliche Eislandschaften mit Höhlen, Rutschen und Eisbar entstehen. Auch die Küche in der Stadt ist teilweise so ambitioniert, dass der staunende Gast beispielsweise im libanesisch inspirierten Restaurant „Bundok“ einzelne Brokkoliröschen oder einen Klecks Kartoffelgratin für 15 Dollar als separaten Gang serviert bekommt.

Wenn es zeitlich passt, sollte man sich ein Heimspiel der „Oilers“ rund um den deutschen Ausnahmespieler Leon Draisaitl im Rogers Place auf keinen Fall entgehen lassen. Das ist unvergessliches Entertainment selbst für Sportmuffel, denn ein Feuerwerk rasanter digitaler Effekte, Bombast-Musik und nationales Pathos bei der Nationalhymne „Oh Canada“ sorgen für Stimmung. Und für Hungrige schweben in der Pause Pizzakartons eines Sponsors an Fallschirmen von der Hallendecke.

Dann aber raus in den Winter. Zunächst testweise ostwärts. Man fährt auf dem gut geräumten Yellowhead-Highway 48. Dort liegt, ein knappes Stündchen entfernt am Rand der großen Prärien, der Elk Island Nationalpark in den Beaver Hills. Als erstes Großtierschutzgebiet Kanadas zum Erhalt der Wapiti-Hirsche (Elk) gegründet, ist der Park heute vor allem für seine Zucht der Steppen- und Wald-Bisons bekannt, erfährt man im Informationszentrum am Eingang. Abgesehen von der Serengeti gebe es nirgends mehr grasfressende Säugetiere auf vergleichbarer Fläche. Die Chancen stehen also gut, auf der Parkstraße oder einem der zwölf markierten Wanderwege Tiere zu sehen. Und tatsächlich stehen sie da: Am Ufer des Lake Astolin wühlen gleich fünf massige Steppenbisons im Tiefschnee nach Gras und Kräutern, das dichte Fell mit aufgewirbeltem Schnee besprenkelt. Nur das Scharren der Hufen ist zu hören. Und ein Rabe krächzt von einem kahlen Ast. Nach Westen in die andere Richtung, nämlich zu den Rocky Mountains braucht man länger. Also volltanken, eines der üppig belegten Brote bei Farrow Sandwiches in der 76. Avenue Nordwest einsammeln und ab auf dem Highway 16 nach Jasper. Das Dorf im gleichnamigen Nationalpark eignet sich ideal für Ausflüge in alle Richtungen. Im Umkreis von 80 Kilometern gibt es auch gar kein anderes Dorf. Mit Marmot Basin liegt ein familienfreundliches Skigebiet gleich vor den Toren. Die Natur sieht man bereits im Ort: Dickhornschafe und Wapitis lecken Salz von der Hauptstraße. Zur Schneeschmelze kommen auch schon mal verschlafene Bären. Vor dem Planetarium in der Fairmont Lodge zeigen Experten abends mit großen Teleskopen Sterne und Planeten am lichtlosen Himmel und bei Wolken eine eindrucksvolle animierte Reise durch Raum und Zeit im Kuppelzelt und ein paar Steine vom Mond zum Anfassen.

Der Klassiker im Ausflugsprogramm ist eine geführte Wanderung auf Schneeketten durch die gewundene Karstschlucht des
Maligne-Canyons. Eiszapfen in allen Größen hängen von seinen Steilwänden. Windschiefe Lärchen und Dreh-Kiefern am Rand der Schlucht tragen schwer an ihrem Schneekleid. Unter dem nicht immer so dicken Eis gurgelt der eiskalte Fluss und sorgt für ein wenig Nervenkitzel.

Findet man dort oder am tief verschneiten Pyramid-Lake mit seinem grandiosen Bergpanorama ringsum noch den einen oder anderen Ausflügler, so wird es auf dem Icefields Parkway in Richtung Süden zusehends leerer. Decken und Thermoskanne sollte man auf die Fahrt schon mitnehmen und früh aufbrechen, rät die resolute Dame im Touristenbüro neben dem Feuerwehrhaus. Aber zunächst lugt die Sonne immer wieder hinter hohen Wolken hervor. Die mächtigen Athabasca-Falls sind teilweise gefroren. An vereisten Felswänden versuchen sich angeseilte Eiskletterer. Die weißen Schneeziegen staksen ohne Seil durch die Steilhänge. Besonders eindrucksvoll aber ist die Auffahrt zum Columbia Icefield. Wo sich im Sommer oft hunderte Reisebusse auf den weitläufigen Parkplätzen drängeln, treibt eisiger Sturm die wenigen Besucher schnell wieder in ihre geheizten SUVs. Das Besucherzentrum ist verwaist. Dunkle Wolken rauschen im Minutentakt an der Sonne vorbei. Dann setzt dichtes Schneetreiben ein.

Auf dem Rückweg ist ein Räumfahrzeug im Straßengraben gelandet. „Hilfe aus Jasper ist unterwegs“, ruft der Fahrer gelassen aus dem Fenster des Führerhauses. Ja, und mit Allradantrieb werde man es auch ohne Räumhilfe die 100 Kilometer zurück nach Jasper schaffen. „Sonst habt ihr ja Decken und Thermoskannen dabei?!“ Als der Sturm weiter unten wieder nachlässt, rieselt der Schnee leise und romantisch wie im Weihnachtslied und taucht den Bergwald in frische Zuckerwatte. Mit Tempo 30 gleitet man hindurch wie durch einen Kindertraum.

Die Reise wurde unterstützt von Explore
Edmonton.

Info

Zur Sache

Die Rocky Mountains

Anreise: KLM fliegt donnerstags und sonnabends von Amsterdam über Calgary nach Edmonton und nonstop zurück (www.klm.com). In Edmonton kommt ein dort entwickelter automatisierter Covid-Schnelltest zum Einsatz, der binnen 60 Sekunden ein Ergebnis liefern soll. Touristen sind derzeit aber noch nicht willkommen. Aktuelle Einreise-Informationen unter www.canada.ca/en/public-health/

Unterkunft: JW Marriott Edmonton ICE District, zentral direkt neben dem Roger’s Place Stadion, Doppelzimmer ab 140 Euro (www.jwmarriottedmonton.com); Pyramid Lake
Resort Jasper, abseits des Trubels am See, Doppelzimmer ab 130 Euro (mpljasper.com/hotels/pyramid-lake-resort); Sawridge Inn Hotel Jasper, zentrumsnah mit Innenpool, Doppelzimmer ab 85 Euro, www.sawridge.com

Rumkommen: Die Hauptstraßen im Elk Island und Jasper Nationalpark werden morgens ab
sieben Uhr geräumt. Einige Nebenstraßen bleiben im Winter geschlossen. Aktuelle Infos zum Straßenzustand im Internet unter https://511.Alberta.ca.

Informationen unter exploreedmonton.com und www.jasper.travel.

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