Geschäftsbericht 365 Tage im Jahr Weihnachten

Es ist der Traum vieler Kinder: ein nicht endendes Weihnachtsfest. Bei Gerhard Paepke wird das wahr. In einer kleinen Stube seines Hauses verkauft er das ganze Jahr über erzgebirgischen Weihnachtsschmuck.
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Von Ivonne Wüsthof

„Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen“, schrieb der Schriftsteller Theodor Fontane einst. Und worauf trifft diese Beschreibung wohl besser zu als auf ein kleines Häuschen in der Marienstraße? Denn hier bei Gerhard Paepke herrscht das ganze Jahr über Weihnachten.

Egal wohin der Blick sich wendet, alles ist auf das Fest der Liebe ausgerichtet. Aus den Schaufenstern blicken kleine Holzfigürchen aus ihrem Winterwunderland heraus den vorbeigehenden Passanten entgegen. Über ihnen hängen große und kleine Glaskugeln, mit weihnachtlichen Motiven filigran bemalt. Direkt gegenüber der Schaufenster haben es sich die unzähligen Räuchermännchen gemütlich gemacht. Ob Zimmermann, Postbote oder Lehrer Lämpel – jedes von ihnen ist ein Unikat. Gerhard Paepkes Lieblingsobjekt ist allerdings ein kleiner, dicklicher Weihnachtsmann, der auf Knopfdruck Weihnachtslieder trällert und dazu eifrig die Hüften schwingt. „Den habe ich auf einem Flohmarkt gesehen und musste ihn haben“, erinnert sich Paepke, „der wird auch nicht verkauft.“

Seit fast 20 Jahren betreibt der pensionierte Justizarchivar nun schon das kleine Weihnachtsland in den heimischen Räumlichkeiten. Den Gedanken, in die Innenstadt zu ziehen, hatte er gehabt, jedoch bald wieder verworfen. „Warum soll ich Miete zahlen, wenn ich doch hier Platz habe?“, fragt er. Daher öffnet er von Montag bis Donnerstag jeweils zwischen 17 und 19 Uhr seine Türen in der Marienstraße 24. Für ihn und seine Frau sei es eine spontane Idee gewesen, das Geschäft zu eröffnen. „Uns ist damals aufgefallen, dass es kaum Weihnachtskugeln auf unserem Weihnachtsmarkt gab“, erinnert sich Paepke. Das wollten sie ändern und fingen somit an, die ersten Weihnachtsdekorationen aus Thüringen und dem Erzgebirge zu importieren. In der Anfangszeit umfasste das Sortiment nur wenige Figuren und Formen. Von Jahr zu Jahr wuchs das Angebot jedoch kontinuierlich an: Thüringer Christbaumschmuck, Seiffener Räuchermänner, Nussknacker, Weihnachtspyramiden oder Schwibbögen sind nur ein Teil dessen, was Paepke mittlerweile anbietet. Aus dem Stegreif kann er die Größe seines derzeitigen Sortiments nicht beziffern. Das Nachzählen per Hand wäre eine reine Sisyphusarbeit. „Um die 2800 Artikel dürften es jedoch sein“, schätzt der Endsechziger.

Jedes Jahr im Frühjahr fährt der Ladeninhaber ins Erzgebirge und besucht dort seine langjährigen Lieferanten. Seine Waren bezieht er dabei ausschließlich von Familienbetrieben und Manufakturen. „Das hat viele Vorteile“, weiß er. Nicht nur, dass er vor Ort einen Blick auf die Produktion und Fertigung werfen kann. „Manchmal tauscht man sich aus und entwickelt so neue Produktideen.“ Erst vor wenigen Tagen kam er aus dem beschaulichen Gotha wieder, wo er neue Kerzen eingekauft hat. Natürlich sind diese handgefertigt, so wie alles andere was er aus Thüringen und dem Erzgebirge mit nach Verden bringt.

In weniger als zwei Monaten beginnt wieder die Weihnachtszeit, die für Paepke natürlich besonders herausfordernd ist. Wie jedes Jahr ist auch er mit einem Stand auf dem Verdener Weihnachtsmarkt präsent. Tag für Tag bietet er dort eine Auswahl seiner Waren feil. Die Verdener seien beim Kauf etwas zurückhaltender und nähmen sich Bedenkzeit. Ganz anders sind da die internationalen Weihnachtsmarktbesucher, die an seinen Stand kommen. „Ob Skandinavier, Engländer, Franzosen, Spanier oder Neuseeländer – sie alle sind interessiert und kaufen sofort“, erzählt er.

So beliebt wie deutsche Weihnachtsdeko im Ausland ist, so finden allerlei Mythen und Erzählungen über das Weihnachtsfest in Deutschland ihren Anklang in anderen Ländern. Daher darf auch die Gurke als Christbaumschmuck nicht im Sortiment fehlen. Dahinter steckt nämlich eine sehr kuriose Geschichte, wie Gerhard Paepke weiß: „In den USA denken viele Menschen, dass bei uns an den Weihnachtsbäumen Gurken hängen. Quasi als Glücksbringer. Nur wissen in Deutschland die Wenigsten von dieser vermeintlichen Tradition.“ Mittlerweile habe sich diese Kuriosität auch hier herumgesprochen, und mundgeblasene Gurkenanhänger wurden bei Paepke zu einem echten Verkaufsschlager. Diese sind aber nicht das einzig Extravagante: Eistüten, Erdmännchen, Hunde, Bananen oder Tomaten – es gibt fast nichts, was sich nicht an den Weihnachtsbaum hängen lässt.

Wie empfindet jemand Heilig Abend, der das ganze Jahr über damit zu tun hat? Der Pensionär muss nicht lange nachdenken, um eine Antwort darauf zu finden: „Für mich hat Weihnachten nicht mehr diese besondere Bedeutung. An Heilig Abend arbeite ich teilweise bis in den Nachmittag hinein. Immer wieder kommen Kunden, die noch etwas benötigen.“ Erst wenn der letzte Kunde zufrieden gegangen ist und er selbst bei einer Tasse Kaffee sitzt, kommt Paepke zur Ruhe. „Das ist für mich Weihnachten.“ Die Tage danach wird es noch einmal kurz turbulent, da doch noch der ein oder andere Umtausch stattfindet. Ab dem Jahreswechsel sinkt naturgemäß die Nachfrage. Dann stehen Inventur, Buchhaltung und andere betriebswirtschaftliche Aufgaben an. Gegen Ostern steigt das Geschäft allmählich wieder. Obwohl die winterlichen Dekorationen der Hauptgeschäftszweig sind, bietet Gerhard Paepke einiges an Oster- und Jahresdekorationen an. Zwischen Weihnachtsmännern und Engeln tummeln sich versteckt auch Osterhäschen und Blumenkinder.

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