Familie Vey hält auf ihrem Hof 70 Angus-Rinder Das schmeckt nach Bio

Schwanewede. Eigentlich haben die Veys den Bio-Trend vorweggenommen. Schon vor 20 Jahren kamen Menschen zu ihnen, die sich gut ernähren und bewusst leben wollten. Heute ist "Bio" eine Massenbewegung und die Veys mit ihren Angus-Rindern bei Kunden beliebt wie eh und je.
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Von Marcus Schuster

Schwanewede. Eigentlich haben die Veys den Bio-Trend vorweggenommen. Schon vor 20 Jahren kamen Menschen zu ihnen, die sich gut ernähren und bewusst leben wollten. Sie haben die Rinder auf der Weide hinterm Haus gesehen und ihre Bestellung aufgegeben. Heute ist "Bio" eine Massenbewegung und die Veys mit ihren Angus-Rindern bei Kunden beliebt wie eh und je. Sie vermarkten ihren Hof als Gesamtkonzept aus Naturschutz, Pferde- und Rinderzucht.

Eine ganz normale Wohnstraße - umzäunte Vorgärten, amerikanische Briefkästen. Ein paar Hundert Meter hinter dem Haus verläuft die Grenze zu Niedersachsen. Ullrich und Carola Vey haben keinen klassischen Bauernhof. Doch wenn sie aus ihrem Wohnzimmer blicken, durch das große Panoramafenster, sehen sie weites Land. Sie sehen zwei prächtige Pferde und eine Angus-Herde. Rote und schwarze Tiere, die sich neugierig versammeln, als das Ehepaar für den Fotografen posiert.

"Die Rinder bleiben das ganze Jahr über draußen", sagt Ullrich Vey. Fünf Grad Celsius seien für die Kühe eigentlich die optimale Lufttemperatur. Früher hätten die Menschen vom benachbarten Hochhaus noch angerufen und sich im Winter um die Tiere der Veys gesorgt. "Denen haben wir eine Broschüre über Robusthaltung zugeschickt." Auf der Weide steht inzwischen die dritte Angus-Generation, hervorgegangen aus Jersey und Welsh Black, gekreuzt mit einem Angus-Bullen. "Welsh Black sind wegen der langen Haare besonders robust", sagt Ullrich Vey. Zudem habe man die Vorteile der guten Muttermilch, kombiniert mit dem guten Fleisch und dem kleinen Kopf der Angus-Rasse. Der kleine Kopf sei besonders wichtig, so Vey. So könne die Kuh ohne menschliche Hilfe kalben.

Angefangen hat alles mit Bessie, vor rund 30 Jahren. Bessie war eine Kuh, Ullrich Vey hat sie seiner Frau zum Geburtstag geschenkt. Carola Vey besaß damals als passionierte Reiterin bereits ein Pferd. Eine Ziege wurde dazugekauft. Schritt für Schritt haben die Veys so den landwirtschaftlichen Betrieb ausgebaut, den seine Familie schon Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet hat. Das alte Bauernhaus existiert nicht mehr. Mittelpunkt des Betriebs ist heute eine von Großvaters damaligen Weiden - dort steht das Haus, dort grasen die Mutterkühe mit ihren Kälbern. Ullrich Vey wollte - trotz langer Spaziergänge als Kind mit dem Großvater - "nie Vollzeit-Landwirt werden".

Weltmeisterliches Pferd

Ist er auch nicht geworden. Er hat Biologie und Sport studiert, arbeitet als Berufsschullehrer für junge, lernbehinderte Menschen. In einem Berufsbildungswerk bringt er ihnen Gartenbau bei.

Zwar ist der 56-Jährige auf dem Hof der Betriebsinhaber, doch de facto managt alles seine Frau als Chefin. Sie vermarktet die Tiere, fährt sie zum Schlachter, sucht den Deckbullen aus, kümmert sich um ihre Pferdezucht. Mit "Kays Asset" hat Carola Vey vor zwei Jahren den Vize-Weltmeistertitel bei den "Quarter Horses" errungen. Kopf, Hals, die ganze Statur: Die achtjährige Stute war in den Augen der Jury nahezu perfekt. Nur ein Pferd aus Amerika war schöner. Jüngst hat "Kays Asset" ein Hengstfohlen bekommen, das in Berlin aufwächst. Carola Vey hofft, dass sich die guten Gene weitervererbt haben. Sie kennt sich aus mit Genetik und Vererbung, auch bei den Rindern holen die Veys stets das Beste raus. Ohne Hormone und Masthilfe, nur mit Gras und Wasser ziehen sie die Angus-Herde auf.

In einem 40 Hektar großen Naturschutzgebiet, sieben Kilometer vom Haus entfernt, weiden derzeit die Angus-Bullen. Die Pflanzen, die dort wachsen, sind für die Qualität des Biofleischs nicht unerheblich. Die Rinder medikamentieren sich mit Heilkräutern auf diese Weise selbst. "Eine Biologin hat auf dem Gelände einmal 84 verschiedene Pflanzen festgestellt", sagt Ullrich Vey. Ein Fleischkunde habe einmal scherzhaft bemerkt, er schmecke jedes einzelne dieser 84 Kräuter aus dem Fleisch heraus. Auch Loki Schmidt war 1980 da, um den Lungenenzian, der in der Region mutmaßlich nur auf dieser Wiese vorkommt, zur Blume des Jahres zu küren.

Die Veys leben das Prinzip "Bioland"

Das war vor der Zeit der Veys. Seit 1990 sind sie Bewirtschafter des Naturschutzgebiets und organisieren regelmäßig Führungen. Naturschutzbund, Vogelschützer, Fleischkunden, Bewohner aus der Gegend kommen Jahr um Jahr. Die Veys leben das Prinzip "Bioland", ein Warenzeichen, das sie seit 17 Jahren führen dürfen. Aus Aktionen wie der Naturschutz-Begehung oder Westernreitturnieren ziehen die Veys ihren Kundenstamm. Die Entscheidung zur biologischen Landwirtschaft wurde ursprünglich aus der Not geboren. Der einzige Sohn, Florian, Jahrgang 1984, leidet seit seiner Kindheit an Neurodermitis und Asthma. "Er ist allergisch gegen Schweinefleisch", sagt Carola Vey. Dazu kam 1988 der Kälber-Hormonskandal. "Damals wollten wir nur noch Fleisch essen, was wir selbst erzeugt haben."

Irgendwann kamen die Menschen aus dem Dorf und fragten, ob sie etwas von dem Bio-Fleisch kaufen könnten. Es war die Zeit, als in der Bundesrepublik Kritik an der Massenproduktion von Fleisch aufkam, ein erstes Umdenken hin zu einer bewussteren und nachhaltigen Ernährung. Heute kommen Kunden, die unter chronischen Krankheiten leiden, Familien mit Kindern, Akademiker. "Während der BSE-Krise haben sie uns die Bude eingerannt", erinnert sich Carola Vey. Und Ullrich Vey fügt hinzu: "Ich bin froh, in Deutschland einen großen Teil der Gesellschaft zu haben, der sich bewusst ernährt, für Umwelt ein offenes Ohr hat und für Gentechnik eine Lebensmittelkennzeichnung verlangt."

Bäuerliche Landwirtschaft

In den USA sei das nicht so. Ullrich Vey reist mindestens einmal pro Jahr rüber. Er ist "International Director" bei den "American Quarter Horses", einem Pferdezuchtverband. Selbstverständlich schaut er sich an, wie dort Rinderzucht funktioniert. "Viele amerikanische Mastbetriebe kastrieren ihre Bullen, spritzen ihnen dann männliche Hormone wieder ein, um schnelles Wachstum zu erzeugen", sagt Vey. "Das ist für mich schon industrialisierte Landwirtschaft - Massenproduktion, die wir in Deutschland einschränken müssen."

Ullrich Vey ist Vizepräsident der Landwirtschaftskammer Bremen. Leider sei der deutsche Bauernverband, allen voran die Landesverbände, mit solchen Forderungen immer sehr zurückhaltend, wenn es zum Beispiel um die Ausrufung einer Gentechnik-freien Region gehe, die ja eigentlich der Erhaltung der bäuerlichen Landwirtschaft dient.Das selbstvermarktete Fleisch vom Angus erzielt auf dem Markt etwa das Doppelte wie dasvom herkömmlichen Rind. 15 bis 20 Tiere bringt Carola Vey zwischen September und März zum Schlachter nach Sandstedt. Die Kunden haben ihr dann meistens vorher genau mitgeteilt, was und wie sie es gerne hätten: ein Achtel mit Knochen, ein Achtel ohne, Mettwurst, Frühstücksfleisch, Steaks für zwei Personen, für fünf, für zehn - truhenfertig zerlegt und zum Einfrieren. In Plastikwannen können sie sich ihre Bestellung abholen. "Manche verschenken unser Corned Beef sogar zu Weihnachten", sagt Carola Vey.

Landwirtschaft in dieser Größe ist ein Subventionsgeschäft

Die Familie lebt nicht von ihrem Hof allein. Landwirtschaft in dieser Größe ist ein Subventionsgeschäft. Ullrich Vey würde lieber auf Steuergelder verzichten und dafür den tatsächlichen Wert für seine Produkte bekommen. Das wäre ungefähr das Doppelte, sagt er. Ein Betrieb mit 70 Tieren und zwei Zuchtpferden sei eigentlich wenig rentabel. Und so erhalten die Veys zusätzlich Geld für Naturschutz- und Landschaftpflege, Wasser- und Klimaschutz. Um nur von der Produktion in der Landwirtschaft leben zu können, müsste er billig produzieren, sagt Vey. Dafür wiederum müsste er zum Beispiel 500 Tiere halten. "Das ist dann aber keine bäuerliche Landwirtschaft mehr, sondern industrielle."

Wachsen oder weichen, das sei einfach das Prinzip des Marktes. Es sei denn, man macht es zum Nebenerwerb, wie die Veys. "Da ist ganz viel Idealismus dabei", sagt Carola Vey, "aber es ist ein schönes Gefühl, wenn sich der Kunde persönlich für das gute Fleisch bedankt. Das hat der 500-Tiere-Betrieb nicht, der bekommt keinen Dank, nur eine Abrechnung vom Schlachthof."

"Im Sommer stoße ich schon mal an meine Grenzen"

Der Sohn studiert Sprachwissenschaften in Berlin. Noch funktioniert die Arbeit mit Hilfe von Neffe und Schwager. "Im Sommer stoße ich schon mal an meine Grenze", sagt Carola Vey: Heu machen, Wasser herankarren, um Mitternacht, nach 18 Stunden Arbeit. "Da frage ich mich schon, warum wir nicht einfach nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt haben." Dieser Gedanke sei aber stets am nächsten Tag verschwunden.

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