Kuhlen ist quasi eine Exklave der Gemeinde

Ein fast unbekanntes Stück Stuhr

Stuhr. Ein fast unbekanntes Stück Stuhr: Kuhlen ist eine Exklave der Gemeinde. Die alte Siedlung musste nahezu komplett dem Flughafen weichen. So richtig als Stuhrer fühlen sich die meisten Kuhlener nicht, schließlich sind sie durch den Flughafen von der Gemeinde getrennt.
19.05.2010, 05:56
Lesedauer: 5 Min
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Von Claudia Gilbers
Ein fast unbekanntes Stück Stuhr

Rainer Heuer mit einer Aufnahme vom Gut Kuhlen aus dem Jahr 1910, die demnächst in einem Kalender mit dem Titel „H

Meissner

Stuhr. Wer Stuhr über die Kladdinger Straße Richtung Bremen verlässt, wähnt sich eigentlich schon in der Hansestadt. Schließlich weist darauf bei der Umfahrung des Flughafens auch ein Schild hin. Doch wenn man dann im Bremer Ortsteil Grolland sofort rechts abbiegt, ist man doch wieder in Stuhr - genauer gesagt in Kuhlen. Doch so richtig als Stuhrer fühlen sich die meisten Kuhlener nicht, schließlich sind sie durch den Flughafen komplett von der Gemeinde getrennt.

Denn der Flughafen befindet sich bekanntlich teilweise auch auf Stuhrer Territorium, und deshalb hat Kuhlen mit Stuhr auch keine direkte Verbindung mehr. Die Kladdinger beziehungsweise die Norderländer Straße führen in großem Bogen um den Flughafen herum und über Bremer Gebiet nach Kuhlen. Durch den Zaun des Flughafens wird der Stuhrer Ortsteil also quasi zur Exklave Stuhrs und sogar Niedersachsens. Zur direkt angrenzenden Bremer Seite haben es die Kuhlener da schon leichter. Würden dort keine Ortsschilder stehen, würde man schließlich kaum auf die Idee kommen, plötzlich in einem anderen Bundesland zu sein.

Sozusagen das Herzstück von Kuhlen ist die Schwäbisch-Hall-Straße, die zusammen mit der Reutlinger Straße einen Ring durch das gepflegte Wohngebiet bildet. Entstanden ist die Siedlung in den 1960er Jahren. Auf einem Luftbild von 1964 ist bereits zu sehen, dass in dem Gebiet direkt am Grollander See schon Straßen und Wege angelegt wurden. Abgewickelt wurde der Verkauf der Grundstücke und der darauf entstehenden Reihenhäuser von der Bausparkasse Schwäbisch Hall, die dadurch nicht nur Namenspate der längsten Kuhlener Straße wurde. In der Bevölkerung wird auch das ganze Wohngebiet häufig Schwäbisch-Hall-Siedlung genannt, und die ersten Reihenhäuser sind die Schwäbisch-Hall-Häuser.

In Kuhlen stehen jedoch nicht nur Reihenhäuser, sondern auch jede Menge freistehende Eigenheime - einige davon an exponierter Stelle direkt am Grollander See. Ruhige Wohnstraßen und sorgfältig angelegte Vorgärten prägen das Bild des Ortsteils. Gestört wird die Ruhe nur dann, wenn auf dem benachbarten Flughafen eine Maschine startet oder landet.

'Es gab auch schon Menschen, die wegen der Flugzeuge weggezogen sind. Aber mich stört das nicht. Die Maschinen sind ja auch viel leiser geworden', sagt Dieter Wiese, der 1967 in Kuhlen neu gebaut hat. Der Bremer, der zuvor in Grolland wohnte, hat auch erst bei der Unterzeichnung der Kaufverträge erfahren, dass er künftig Niedersachse sei. 'Da sagte man mir, dass ich ja jetzt auch ein neues Kennzeichen für mein Auto brauche', erinnert er sich. Für ihn sei das Gebiet immer Bremen gewesen.

Auch heute noch fühlt er sich eher als Bremer - dort kauft er ein und dort hat sich auch sein Arbeitsleben abgespielt. 'Dass ich nach Stuhr fahre, kommt auch nur alle Jubeljahre mal vor', sagt er mit einem Verweis auf Behördengänge. Außerdem sei es 'tatsächlich eine Strafe, mit dem Auto nach Stuhr zu fahren'. Denn die Ampel am Ende der Schwäbisch-Hall-Straße springe gefühlt nur alle zehn Minuten auf Grün, sodass man schwer nach links Richtung Stuhr abbiegen könne.

Besserer Winterdienst

Einige Häuser weiter als Dieter Wiese wohnt Klaus Böger. Abgesehen vom Flughafen schätzt er die ruhige Gegend und die netten Nachbarn in Kuhlen. 'Mit Stuhr habe ich aber fast nichts zu tun', sagt auch er nach fast 40 Jahren in dem Wohngebiet. Ihm wäre es lieber, wenn Kuhlen zu Bremen gehören würde. 'Ich habe mich geärgert, dass ich in Bremen gearbeitet habe, die Steuern aber nach Niedersachsen geflossen sind', sagt er. Die Zugehörigkeit zur Gemeinde Stuhr habe aber auch ihre guten Seiten, wie Böger vor allem beim Winterdienst beobachtet hat: 'Der Bauhof war hier viel aktiver als in Bremen.'

Eine Nachbarin, die vor acht Jahren von Bremen nach Kuhlen zog, ist hingegen glücklich, Stuhrerin zu sein. 'Ich bin froh, dass ich jetzt in Stuhr wohne', sagt sie. Insgesamt sei es ein sehr ruhiges Wohnen in der Siedlung. 'Abgesehen von den Flugzeugen, aber das wusste man ja', sagt sie.

Nur den Hof Kuhlen gibt es noch

Dass Kuhlen eine Exklave ist und per Straße nur über Bremer Gebiet zu erreichen ist, war nicht immer so und hat vor allem mit dem Ausbau des Bremer Flughafens zu tun. Allerdings hat die heutige Siedlung Kuhlen rund um die Schwäbisch-Hall-Straße auch eigentlich nichts mit dem ursprünglichen Kuhlen zu tun. Davon gibt es nämlich nur noch einen Hof, den Hof Kuhlen. Er befindet sich in direkter Nähe des Parkplatzes an der Kladdinger Straße, von dem Spaziergänger und Skater häufig zu einer Tour um die Ochtum starten.

'Das ganz alte Kuhlen bestand nur aus dem zu Gut Grolland gehörenden und noch bestehenden Hof Kuhlen sowie dem im Zweiten Weltkrieg durch Brandbomben zerstörten Gut Kuhlen, das nach dem Krieg nur mit Behelfsbauten wieder aufgebaut wurde', sagt Rainer Heuer vom Huchting-Archiv. Der Hobby-Historiker arbeitet gerade an einem Buch über die verschwundenen Siedlungen Ware, Heidelmannskamp, Gehrden und eben Kuhlen. Dementsprechend viel hat er bereits über die Geschichte des alten Kuhlen recherchiert. Im weitesten Sinne sei auch noch der Hof Katenkamp des direkt angrenzenden Gehrden dazuzuzählen. Zu Gehrden gehörte sonst nur noch das etwa 1900 entstandene Gasthaus Finke direkt an der Ochtum.

Wann genau Kuhlen entstanden ist, kann auch Heuer nicht sagen. Er vermutet aber, dass dort etwa zur selben Zeit erstmals gesiedelt wurde, in der auch Stuhr entstanden ist, dessen Gründungsurkunde aus dem Jahr 1171 stammt. Dass sich dort Menschen ansiedelten, lag aber auch daran, dass Kuhlen an einer Handelsstraße vom Umland nach Bremen lag - und zwar von Heiligenrode über die Stuhrreihe, Kuhlen und Neuenland in die Bremer Altstadt. 'Der Weg war eine Abkürzung über das Neuenlander Feld in die Altstadt und lebenswichtig', sagt Heuer.

Über die Ochtum gelangten die Reisenden auf diesem Weg in direkter Nähe bei Gehrden, wo eine Fähre über den Fluss verkehrte. Darüber ist auch in der Stuhr-Chronik von Erich Lemberg zu lesen: 'Seit ältesten Zeiten gab es in Gehrden über die Ochtum einen Fährverkehr. Die Straße Bremen-Kuhlen-Stuhr-Heiligenrode war in alter Zeit von großer Bedeutung, und die Stuhrer - darauf wies die Oldenburgische Regierung 1864 hin - gingen ,auf ihr täglich hin und her zum Absatz ihrer Produkte, zur Arbeit und zum Verdienst, weil die Entfernung dadurch um eine Stunde verkürzt wurde?.'

1871 wurde die Fähre dann durch einen hölzernen Steg ersetzt. Dazu schreibt Erich Lemberg: 'Es wurde ein Brückengeld von 5 Pf erhoben, daher ,Pfennigsbrücke?. Sie war verpachtet. 1872 zahlte Eduard Meyer in Kuhlen - vorher war Johann Pundt Fährpächter - 50 RM jährliche Pacht.' 1950 wich die Holzbrücke schließlich einer Betonbrücke.

Neben den ganz alten Siedlungsstellen entstanden in Kuhlen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber auch neuere Häuser. 'In den 30er Jahren und noch bis in die 50er Jahre ist dort gebaut worden', sagt Rainer Heuer. Insgesamt seien es rund 25 Häuser gewesen, darunter auch der Gemischtwarenladen von Dora Hollmann, von dem noch ein Foto aus dem Jahr 1958 existiert. Und auch einen Bürger von eher zweifelhafter Bekanntheit hat Kuhlen laut Heuer hervorgebracht: den Hochstapler Gerd Postel, der sich unter dem Namen Dr. Dr. Clemens Bartholdy als Arzt ausgab.

Zum Verhängnis wurde dem alten Kuhlen schließlich der Ausbau des benachbarten Bremer Flughafens. Schon ab 1941 sei dafür der Grollander See ausgehoben worden, so Heuer. Bis Anfang der 1970er hätten in Kuhlen aber noch Menschen gewohnt. Erst in den 1980er Jahren seien die Häuser dann abgebrochen worden.

Bewohner wurden entschädigt

'Die Leute sind entschädigt worden', sagt Heuer. Von Protesten seitens der Bevölkerung ist ihm nichts bekannt. Dass der Flughafen ausgebaut werden würde, sei ja bekannt gewesen. Viele Kuhlener hätten sich aber noch zusammengetan, um beim Aufkauf der Häuser möglichst viel rauszuschlagen. Richtig verschwunden ist das alte Kuhlen dann spätestens 1989, als die alte Ochtum nach der Verlegung des Flussbettes zugeschüttet wurde - wie gesagt, bis auf den Hof Kuhlen.

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