Demenzdorf Hier gibt es keine abgeschlossenen Türen

Im niedersächsischen Hameln bietet die Stiftung Tönebön in einem deutschlandweit einzigartigen sogenannten Demenzdorf für erkrankte Menschen eine Art Gegenentwurf zum Leben zuhause.
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Hier gibt es keine abgeschlossenen Türen
Von Gesa Below

Im niedersächsischen Hameln bietet die Stiftung Tönebön in einem deutschlandweit einzigartigen sogenannten Demenzdorf für erkrankte Menschen eine Art Gegenentwurf zum Leben zuhause. 2014 nahm das Sieben-Millionen-Euro-Projekt seine Arbeit auf. Die ersten Bewohner zogen hin. Das Geld kam aus dem Stiftungsvermögen des reichen, kinderlosen Ziegelei-Besitzers Julius Tönebön, in Hameln auch Graf Backstein genannt. Nach seinem Tod 1940 ging das Vermögen in die nach ihm benannte Stiftung über. In Hameln finanziert sie mehrere Einrichtungen der Altenhilfe. Im März wurde die Einrichtung um zwei weitere Häuser erweitert. Gesamtkosten jetzt: zirka zehn Millionen Euro.

Sechs Häuser, in denen jeweils 13 Männer und Frauen in einer Art Wohngemeinschaft zusammenleben, stehen kreisförmig miteinander verbunden auf dem Gelände einer alten Ziegelei vor den Toren der Stadt. Alles ebenerdig, alle Durchgänge offen – „hier gibt es keine abgeschlossenen Türen“, sagt Christine Boss-Walek, die Leiterin des Demenzdorfs Tönebön am See. Das stimmt – und stimmt auch wieder nicht, denn das 16 000 Quadratmeter große Gelände ist eingezäunt: „Zum Schutz unserer Klienten“, sagt Frau Boss-Walek.

Kritiker dagegen nennen es nicht Schutz, sondern sagen: In solchen Einrichtungen werden Demenzkranke abgeschoben und sozusagen aus dem Leben in ihrem normalen Umfeld gerissen – beides stimmt. Die Verfechter der Inklusion finden, dass Demenzkranke mittendrin in der Gesellschaft bleiben sollten – nur: Wie soll das mit zunehmender Überalterung der Gesellschaft gehen? Wie soll das funktionieren auf dem Land oder in schwierigen Brennpunkt-Vierteln in den Städten? Manches, das gibt Christine Boss-Walek in diesem Zusammenhang zu bedenken, ist eben einfach nicht praktikabel.

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Heute zieht Frau P. in das gerade eingeweihte letzte der sechs Häuser ein. In der Villa Kastanienhof wird die 78-Jährige ihr weiteres Leben verbringen. Ihr Lebensgefährte Alfons Loges und ihre Schwester Renate Heller begleiten sie, hängen Bilder auf, räumen Kleider ein. 18 Jahre sind der Heizungsbaumeister und die Schneiderin schon ein Paar, und als bei Frau P. vor sieben Jahren die Demenzerkrankung festgestellt wurde, war anfangs keine Rede davon, dass sie in ein Heim muss. „Vor zweieinhalb Jahren haben wir uns das Dorf hier schon mal angesehen“, erzählt ihr Lebensgefährte, „aber damals wollte sie noch nicht, und es ging ja zu Hause auch noch.“

Aber irgendwann ging es eben nicht mehr – für ihn: „Natürlich hab ich mich schwer getan mit der Entscheidung, aber ich hätte mich kaputtgemacht, wenn es so weitergegangen wäre.“ Frau P. sitzt neben ihm im Gemeinschaftsraum ihrer Villa und lächelt. Ihre Krankheit ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie an Gesprächen gar nicht mehr teilnehmen kann. Doch, doch, nickt sie freundlich und rückt die Kaffeetasse zurecht, ihr Zimmer gefalle ihr, und dass alle Türen offen sind und sie eine Terrasse hat: „Wenn ich dann nicht mehr hierbleiben will, geh ich eben einfach nach Hause.“ Ihr Lebensgefährte schaut betreten.

"Lass mich nicht allein"

Ein paar Tische weiter redet eine Frau auf einen Mann ein, der vor seiner Kaffeetasse sitzt. „Dreh dich mal um, benimm dich, dreh dich mal um, draußen ist es kalt, lass mich nicht allein, dreh dich mal um“ – alles im selben Tonfall, mit derselben Dringlichkeit vorgetragen. Eine Alltagsbetreuerin, die in der Kaffeeküche hantiert hat, schreitet ein: „Nun lassen Sie den Herrn mal ein bisschen in Ruhe“, nimmt sie die Frau bei der Hand und führt sie an einen anderen Tisch. Aber die Frau, die heute auch ihren ersten Tag im Demenzdorf erlebt, bleibt dort nicht, im Gegenteil. Wieder redet sie auf den Mann ein, der schon den Kopf einzieht und sich davonschleichen will, aber das lässt sie nicht zu: „Lass mich nicht allein, benimm dich, dreh dich mal um.“

Die Alltagsgestalterin behält die Nerven. Aber wie würde sich jemand verhalten, der diese Situation allein in den eigenen vier Wänden 24 Stunden am Tag meistern muss? Ja, sagt Christine Boss-Walek, das sei durchaus ein Thema: „Zu Hause sind die Möglichkeiten für den Kranken häufig deutlich eingegrenzter – was ja auch verständlich ist. Aber das ist eben unser Vorteil: Hier können wir viel mehr an Aktionismus zulassen, es sind immer mehrere Betreuer da, die sich auch in stressigen Situationen abwechseln und entlasten können.“

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Konkret heißt das in Tönebön am See: Zwei Mitarbeiterinnen sind am Empfang im Früh- und Spätdienst tätig, jeweils eine Alltagsgestalterin oder ein Alltagsgestalter ist von 7 bis 20.45 Uhr für die zwölf bis 13 Einwohner zuständig. Sie oder er kocht (manchmal auch unter Mithilfe der Klienten), macht die Wäsche, sie kauft ein, ist einfach zugegen. Sogar eine Palliativ-Betreuung ist gewährleistet – die Klienten können bis zu ihrem Lebensende in der vertrauten Umgebung bleiben.

Die Alltagsbegleiter gehen von Haus zu Haus, machen Spaziergänge oder gehen mit den Klienten in den vis-à-vis liegenden Reiterhof, wo sich das schwarz-weiße Therapiepony Valesco geduldig streicheln lässt. Wenn das Wetter es zulässt, kommt Valesco auch auf den Dorfplatz, wo besonders die Damen ihm hingebungsvoll Zöpfe in die Mähne flechten oder ihm den Hals kraulen. Und weil man in Tönebön am See natürlich weiß, dass die Anwesenheit von Tieren den Demenzerkrankten guttut, sind mehrere Vögel und die beiden Kaninchen Pippi und Julius auf dem Dorfplatz in der Mitte der Anlage in Volieren und Käfigen untergebracht und werden liebevoll beobachtet und angesprochen.

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