Landgericht Verden Keine Spur von Einsicht

Eine 64-jährige Betreiberin wurde wegen 29 zusammenhängenden Fällen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Von Einsicht aber keine Spur bei der Martfelderin.
27.04.2021, 05:00
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Keine Spur von Einsicht
Von Tobias Denne

Martfeld/Verden. Noch in ihrem „letzten Wort“ hatte sie unbeirrt behauptet, alles dafür getan zu haben, „dass es den Tieren gut geht“. Genau dies war aber nach den Feststellungen des Landgerichts Verden zumindest Mitte 2017 auf dem Martfelder Hof ganz und gar nicht gegeben. Die 64-jährige Betreiberin wurde am Montag wegen 29 zusammenhängenden Fällen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zudem sprach das Gericht ein auf fünf Jahre befristetes Verbot der Haltung und Betreuung von Pferden und Hunden sowie des Handelns und des sonstigen berufsmäßigen Umgangs damit aus.

Im Gegensatz zum erstinstanzlichen Urteil fiel die Strafe für die fast durchweg uneinsichtige Angeklagte damit etwas milder aus. Dies lag vor allem daran, dass das Landgericht „nur“ noch von 22 statt 49 Pferden ausging, die in besonderem Maße vernachlässigt worden waren. In diesen Fällen war durch aussagekräftige Gutachten belegt worden, dass den Tieren durch weitgehende Vernachlässigung „länger anhaltendes, erhebliches Leiden“ zugefügt wurde. Das Amtsgericht Syke hatte im März vergangenen Jahres eine einjährige Bewährungsstrafe sowie ein lebenslanges Tierhaltungsverbot verhängt.

„Bestimmungen massiv verletzt“

Dabei hätte es nach Ansicht der Vertreterin der Staatsanwaltschaft auch bleiben müssen. Man könne nicht zulassen, dass wieder Tiere in die Hände der Angeklagten gelangten und sie damit auch noch versuche, Geld zu machen. Die Frau habe Erfahrung in der Haltung von Tieren gehabt und dennoch die Bestimmungen „massiv verletzt“, sagte Staatsanwältin Silvia Lühning in ihrem vehementen Plädoyer, „schlimmer geht es schon gar nicht mehr“. Sie sprach sich zudem dafür aus, die Freiheitsstrafe lediglich um einen Monat zu reduzieren. Der Verteidiger suchte um eine „milde Strafe“ nach, die möglichst kein Haltungsverbot beinhalte.

Doch daran war nicht zu denken. Dass ein lebenslanges Verbot unter den vorliegenden Umständen wohl nicht durchsetzbar wäre, hatte der Vorsitzende Richter bereits am ersten Prozesstag durchblicken lassen. In der Urteilsbegründung verwies er auf die besonderen Bedingungen, die dafür auch nach der verfassungsrechtlichen Rechtsprechung beständen. Im vorliegenden Fall habe nach dem Tierschutzgesetz der Bereich von einem bis fünf Jahren zu Grunde gelegt werden müssen. Man habe das Höchstmaß für angebracht erachtet. Das Verbot sei allerdings auf Pferde und Hunde zu beschränken.

Mangelernährung und massiver Durst

Dass auf dem Hof inzwischen auch Schafe, Ziegen, Hühner und andere Tiere gehalten und vom Veterinäramt Diepholz ebenfalls wegen gravierender Unzulänglichkeiten in Obhut genommen wurden, ist bekannt. „Dafür sind wir aber aktuell nicht zuständig“, erklärte Vorsitzender Richter Lars Engelke vorsorglich. Man habe den Zeitraum von Juni bis September 2017 zu betrachten gehabt, in denen es den Pferden und Hunden vorwiegend „durch Unterlassen“ in zunehmendem Maße schlecht gegangen sei. Sie hätten Mangelernährung und massiven Durst gelitten, keine Bewegungs- und Auslaufmöglichkeiten gehabt und seien meistens in viel zu engen Boxen, völlig dunklen mit „zur Straßenseite zugehämmerten Fenstern“ untergebracht gewesen.

Bezüglich des rudimentären Zustands einiger Boxen hieß es indes auch, sei aber nicht auszuschließen, dass Dritte sich daran zu schaffen gemacht hätten. Es lägen „Hinweise auf Sachbeschädigung“ vor. Ungeachtet dessen sei aber festzustellen, dass die Angeklagte im Tatzeitraum trotz wiederholten Anweisungen und Anordnungen der Behörde nichts oder nur wenig getan haben, um die gesamte Situation zu verbessern. Sie habe keine Hilfe in Anspruch genommen, sei wohl - auch finanziell - überfordert gewesen. Um das Leid der betroffenen „Lebewesen“ noch einmal deutlich zum Ausdruck zu bringen, nannte Engelke die Namen aller betroffenen Tiere – um „den Einzelschicksalen Gestalt zu verleihen“.

Zum „Prozessverhalten“ der Frau sagte der Richter unter anderem, sie habe immer wieder Vorwürfe gegen andere Personen erhoben und sogar daran festgehalten, einigen Tieren sei es nach der Inobhutnahme in der Unterbringung „noch schlechter gegangen“. Die angeblichen Gutachten, in denen sie ständig geblättert habe, seien allerdings nicht vorgelegt worden. Die Bewährungszeit wurde auf drei Jahre festgelegt; die 64-Jährige wird einem Bewährungshelfer oder einer -helferin unterstellt.

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