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Einer von 20 Suchtpatienten im Nordkreis spielsüchtig
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Maßnahmen gegen Spielsucht

Annika Richter 20.03.2013 0 Kommentare

Bei der Spielstation in Groß Mackenstedt sind die Mitarbeiter darauf geschult, Spielsucht zu erkennen. Sitzt ein Kunde zu lange an einem Gerät oder zeigt sonstige Anzeichen, sprechen sie diesen an.
Bei der Spielstation in Groß Mackenstedt sind die Mitarbeiter darauf geschult, Spielsucht zu erkennen. Sitzt ein Kunde zu lange an einem Gerät oder zeigt sonstige Anzeichen, sprechen sie diesen an. (Udo Meissner)

Landkreis Diepholz. Sie wird oft unterschätzt: die Spielsucht. Doch allein im Nordkreis leidet laut des Vereins Release einer von 20 Suchtpatienten darunter. Nun wurde die Verordnung für gewerbliche Spielgerätebetreiber verschärft.  Wie sieht es in den Spielhallen in der Region mit der Prävention aus?

"Ich habe einen Patienten, der zur Entspannung und Ablenkung vom beruflichen Stress spielt", sagt Annegret Terwitte, Sozialpädagogin und Suchttherapeutin beim Verein Release in Stuhr, der im gesamten Nordkreis tätig ist. "Spielen löst bei vielen Menschen Glücksgefühle aus. Der Rausch des Gewinnens kann sehr stimulierend wirken." Damit aus diesem Rausch nicht eine Sucht wird, hat der Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Verordnung über Spielgeräte und andere Spiele mit Gewinnmöglichkeit, kurz Spielverordnung, verschärft. So will er vor allem Jugendliche, aber auch erwachsene Spieler besser vor der Spielsucht schützen.

Das ist laut Terwitte auch nötig, denn allein in der Release-Beratungsstelle ist etwa einer von 20 Suchtpatienten spielsüchtig. Die Dunkelziffer dürfte aber nicht unbeträchtlich sein. "Anders als zum Beispiel beim Alkoholismus wird die Spielsucht von den Betroffenen oft gar nicht als behandlungsbedürftige und vor allem behandlungsfähige Sucht erkannt", sagt Terwitte.

Doch was tun, damit es gar nicht erst so weit kommt? Wo setzt man an? Bei den Spielhallen selbst, meint Stefanie Klönne. Sie ist Leiterin der Kommunikationsabteilung der Schmidt Gruppe, die rund 180 Spielstationen in ganz Deutschland betreibt, eine davon direkt an der Autobahn 28 in Groß Mackenstedt. Der Parkplatz neben dem Gebäude ist meist gut gefüllt, der Slogan "Hier bin ich König" leuchtet in roter Schrift. Das Klientel reiche von 18-Jährigen bis zu Rentnern, vom Maler in Latzhose bis zum dienstreisenden Geschäftsmann im Anzug – und nicht zu vergessen der überraschend hohe Anteil an Frauen.

"99 Prozent der Bevölkerung können laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verantwortungsvoll spielen", sagt Klönne. "Die meisten Kunden haben fünf bis 20 Euro dabei, die sie hier verspielen, statt ins Kino zu gehen oder anderen Hobbys nachzugehen. Für die ist das eine Freizeitbeschäftigung." Sie räumt aber auch ein, dass es eben Menschen gibt, die anfällig für eine Spielsucht sind.

Deshalb schreibt schon die Spielverordnung aus dem Jahr 2006 bestimmte Spielerschutz-Vorrichtungen an den Spielgeräten selbst vor. So darf ein Spiel nicht länger als fünf Sekunden dauern, "damit die Kunden nicht an mehreren Automaten gleichzeitig spielen und den Überblick verlieren", so Klönne. Nach 60 Minuten legt der Spielautomat automatisch eine fünfminütige Pause ein. Auf diese Weise soll den Spielern verdeutlicht werden, wie viel Zeit sie bereits an dem Gerät verbracht haben. Pro Stunde kann man maximal 500 Euro gewinnen, damit der Geldrausch nicht zu groß wird. Und damit die Kunden einen klaren Kopf bewahren, ist Alkohol in den Spielhallen verboten.

In der Schmidt Gruppe geht man in Sachen Spielerschutz noch weiter. Gemeinsam mit mehreren psychologischen Instituten hat das Unternehmen ein Sozialkonzept ausgearbeitet. Das beinhaltet unter anderem ganz pragmatische Schutzvorrichtungen wie die Sperrung der Geldschein-Einzüge an den Automaten. "Wir wollen, dass die Kunden ihr Geld nur in Münzen einwerfen können, damit sie spüren, wie viel sie verspielen", erklärt Klönne.

Zudem seien alle Servicekräfte darin geschult, eine drohende Spielsucht zu erkennen. Zusätzlich hat das Unternehmen 18 Mitarbeiter zu geprüften Präventionsbeauftragten ausbilden lassen. Die Gebietsleiterin Karin Lurz ist eine von ihnen. "Es gibt bestimmte Beobachtungsmerkmale, auf die wir achten", sagt sie und holt ein Aktenschrankregister hervor, auf dessen Schildchen "Gästekontakt" steht. Darin finden alle Mitarbeiter der Spielstation ein Merkblatt mit "Kriterien zur Wahrnehmung von problematischem Spielverhalten". Derlei Kriterien sind demnach deutlich erhöhte Stresssymptome, Veränderungen im Spielverhalten wie immer häufigeres Spielen mit immer höheren Beträgen über immer längere Zeiträume, Aggressivität, ein zunehmendes Zurückziehen, eine stetige Verwahrlosung und das Leihen von Geld bei anderen Spielern.

Erkenntnis muss einsetzen

Fällt Lurz oder einem ihrer Mitarbeiter ein Kunde mit solchen Anzeichen auf, führt sie mit demjenigen ein Gespräch. In den 13 Filialen, die sie leitet, kommt das regelmäßig vor. Die Reaktionen der Spieler sind verschieden: Während die einen von sich aus ein Hausverbot erwirken, wehren andere ab. Darauf käme es zunächst aber gar nicht an: "Wichtig ist erst einmal, Sand ins Getriebe zu streuen, damit der Erkenntnisprozess beginnt", so Lurz. Lässt sich ein Kunde auf ein Gespräch ein, werden ihm mehrere Möglichkeiten geboten. "Wir arbeiten in jeder Spielstation mit den jeweiligen lokalen Beratungsstellen zusammen, bei denen wir auf Wunsch Termine ausmachen und wohin wir die Kunden auch begleiten, wenn sie möchten", so Lurz. "Wir haben aber auch Flyer ausliegen, und an jedem Automaten und auf unserer Internetseite finden sich Telefonnummern, wo man Hilfe bekommt." Bei einer Spielsucht sei es wichtig, herauszufinden, woraus der Patient – statt des Spielens – Erfolgserlebnisse ziehen kann, erklärt Annegret Terwitte. Denn eine Sucht zeichne sich dadurch aus, dass man etwas nicht lassen kann, obwohl es einem nicht gut tut und keineswegs mehr lustvoll ist. "Neben den finanziellen Auswirkungen leiden die sozialen Beziehungen, die Hobbys schwinden und das Familienleben geht wegen der Lügen in die Brüche", sagt die Therapeutin. Eine Therapie, die es kostenlos und anonym gibt, ist laut Terwitte auf jeden Fall notwendig. "Schon das Klingeln eines Spielautomaten in einem Imbiss kann gefährlich sein", sagt sie. "Aber die wirkliche Gefahr ist das Geld in der Tasche. Der Umgang damit bleibt immer eine Herausforderung."

Angesichts der Zahlen der Spielsüchtigen hätten die gewerblichen Spielhallen im Nordkreis nichts gegen eine stärkere Spielsuchtprävention. Doch soweit wie die Schmidt Gruppe könnten die kleinen Betriebe gar nicht gehen, meint Sandra Wetjen, Mitarbeiterin in der Spielwelt Schmidt in Erichshof. "Dafür haben wir doch gar nicht die Kapazitäten", sagt sie. "Was sollen wir denn noch machen? Wenn wir längere Schließzeiten und ein Rauchverbot einführen oder weniger Automaten aufstellen, bleiben die Leute weg."


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Leserkommentare
admiral_brommy am 19.10.2019 13:20
Durchaus nicht.



Bildungserfolg hängt immer von diversen Faktoren ab. Daher ist es Aufgabe der Politik, diese Faktoren so ...
suziwolf am 19.10.2019 13:17
@Siegfried ...

Sie machen aber jetzt die Idee der BI zum
regelrechten Mischmasch.

• Produktion von Aluminium ...