Neubaugebiet in Delmenhorst Alles andere als Standard

In diesem Winter sollten die ersten Häuser im Neubaugebiet Bremer Postweg in Delmenhorst bezugsfertig sein. Doch noch ist nicht einmal der Baustart in Sicht. Was ist da los?
03.11.2019, 16:56
Lesedauer: 4 Min
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Alles andere als Standard
Von Andreas D. Becker

Weihnachten 2019 könnten sie schon in ihrem neuen Haus feiern. Das habe ihnen die Del-Mare gesagt, als sie die Kaufverträge für die Grundstücke am Bremer Postweg unterschrieben haben. 21 neue Häuser sollten in dem Gebiet in diesem Jahr gebaut werden. Noch immer ist nicht ein Fundament gegossen, nicht ein Stein gemauert. Keiner der Grundstückskäufer wird Weihnachten im neuen Eigenheim feiern. Momentan hängt alles an der Lärmschutzwand. Die Stadt hat sie noch nicht abgenommen. Aber ohne Lärmschutzwand erlangt der Bebauungsplan keine Rechtskraft.

Mittlerweile haben sich einige der Grundstückskäufer zu einer Interessengruppe zusammengetan. Sie wollen wissen, was schiefläuft. Aber sie werden aus all den Antworten nicht so recht schlau. Stellt sich die Stadt etwa quer? Sie hätten da so Gerüchte gehört, erzählen die Betroffenen bei einem Treffen in Riva. Aber ihre Namen wollen sie bitte nicht in der Zeitung lesen, weil sie nicht später noch Ärger haben wollen. Das Gerücht geht so: Die Stadt wollte von der Del-Mare, dem Investor der Flächen, ein Stück Land umsonst haben, um dort den für das Wohngebiet festgeschriebenen Spielplatz zu bauen. Doch dem habe die Del-Mare nicht zugestimmt. Dafür gibt es jetzt die Retourkutsche der Stadt, mit immer neuen Auflagen, die alles verzögern. Wie das so ist mit den Gerüchten. Sie füllen den Raum, der nicht durch plausible, transparente Antworten der Beteiligten gefüllt wird.

Langsam wird das Warten für alle zur Belastung. Für die einen ist es eine etwas größere, bei anderen ist sie nicht so arg. Doch jeder kann eine Geschichte erzählen. Von der bereits verkauften Eigentumswohnung und von dem Rücktritt des Kaufvertrags, weil die Wohnung ja weiterhin benötigt wird. Es geht um finanzielle Doppelbelastungen, die so nicht mehr lange zu stemmen sind. Oder es geht um Banken, die mittlerweile Vorfälligkeitszinsen berechnen. Weil die Finanzierungen alle schon im vergangenen Jahr abgeschlossen wurden, das Geld aber immer noch nicht abgerufen ist. Die Del-Mare bekommt ihr Geld erst dann, wenn der Bebauungsplan Rechtskraft erlangt. Deswegen kann sich niemand vorstellen, warum die Projektierungsgesellschaft das Baugebiet nicht endlich zum Abschluss bringt, um Geld zu verdienen.

Aber es gibt auch kein Verständnis für die Stadt. „Delmenhorst sagt doch immer, dass sie gern junge Familien haben möchte“, sagt eine Betroffene. Vor allem Familien mit Einkommen, also Steuerzahler, und nicht immer nur Leistungsempfänger. Wenn die Bau-Bürokratie Teil der städtischen Willkommenskultur ist, dann lautet die Botschaft aktuell für viele: Neulinge sind in Delmenhorst nicht gern gesehen. „Und wenn wir uns dann in der Verwaltung anhören dürfen, dass wir ja selbst schuld seien, Grundstücke in einem Gebiet zu kaufen, für das der Bebauungsplan noch keine Rechtskraft erlangt hat, ist das nicht schön“, sagt eine andere.

Doch wieso geht es nicht voran? Nachfrage bei der Del-Mare. „Wir möchten mit einem weiteren Bericht warten, bis das sich auf der Ziellinie befindliche Abnahmeverfahren mit der Stadt Delmenhorst zur Lärmschutzanlage abgeschlossen ist“, teilt der Geschäftsführer Thorald Fiefeck mit. Auch die Grundstückskäufer sind mit der eher zurückhaltenden Kommunikation der Del-Mare nicht glücklich. Aber es gibt auch Ungereimtheiten. Direkt südlich an das Neubaugebiet angrenzend sind mittlerweile zwei Neubauten entstanden. „Gilt für die nicht der gleiche Lärmschutz wie für uns?“, fragt einer.

In der Tat gilt an besagter Stelle ein anderer Wert, erklärt die Stadt. Denn für diese Grundstücke gibt es bereits seit 1980 einen rechtskräftigen Bebauungsplan. „Die dort kürzlich errichteten Gebäude wurden also auf Grundlage eines bereits seit Jahrzehnten bestehenden Baurechtes realisiert. Immissionskonflikte bestehen nicht, da dieses Grundstück einen größeren Abstand zu emittierenden Betrieben aufweist und dort – anders als im nördlich angrenzenden Bebauungsplan Nr. 295 ,Bremer Postweg‘ – nur ein Mischgebiet festgesetzt ist.“ Dort darf es also tatsächlich lauter sein.

Als Schikane seitens der Stadt bewerten es einige der Grundstückskäufer, dass die Lärmschutzwand von der Del-Mare nachträglich erhöht werden musste. Drei Meter sollte sie hoch sein. Drei Meter war sie auch hoch. Aber gemessen von einem zu tiefen Punkt auf dem Gelände, sagte die Stadt und verlangte Nachbesserungen. Das sei aber keine Schikane, versichert die Verwaltung. „Die Lärmschutzanlage muss gemäß Bebauungsplan und Baugenehmigung eine Höhe von drei Metern über einem fest definierten Bezugspunkt haben. Dies wurde bei der Erstellung der Lärmschutzanlage durch den Investor im Winter 2018 nicht berücksichtigt. Es ist zu vermuten, dass dies damit zusammenhängt, dass der Eigentümer mit der Erstellung der Lärmschutzanlage begonnen hat, bevor ihm eine Baugenehmigung vorlag, die die genaue Ausführung der Lärmschutzanlage gemäß B-Plan sichergestellt hätte.“

Das führte wiederum dazu, dass für die Wand neue Unterlagen eingereicht werden mussten. Zum Nachweis der Statik und eben ihrer Funktionalität, also wie effektiv sie den Lärm abhält, um gesundes Wohnen zu garantieren. Und die bislang vor allem zum zweiten Punkt eingereichten Unterlagen reichten dafür schlicht nicht aus, sagt die Stadt. Auch an der Statik hapert es wohl. Das Fachpersonal der Stadt Delmenhorst ist jedenfalls durch die Prüfung zu dem Schluss gekommen, „dass die Bauausführung zu beanstanden beziehungsweise die korrekte Ausführung vom Eigentümer nachzuweisen ist. Die Mängel wurden durch diesen bisher nicht in ausreichendem Maße behoben.“

Das liegt wohl auch an der nachträglichen Erhöhung, so wurde aus einer Standard-Lärmschutzwand eine Einzelanfertigung, für die die Standardnachweise des Herstellers nicht ausreichen, erklärt die Stadt, die auch noch einmal auf ihre Fürsorgepflicht hinweist. Nämlich für die Häuslebauer, die dort gesund wohnen sollen. Und für einen Gewerbebetrieb auf der anderen Seite des Wand. Wäre die Lärmschutzwand nämlich von der Stadt genehmigt worden, ohne dass sie korrekt errichtet wurde, könnte das in der Konsequenz bedeuten, dass das Unternehmen seinen Betrieb einschränken müsste. Und das will wohl niemand.

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