Reportage: Tafel Delmenhorst

Verteilen statt vernichten

Die Tafel Delmenhorst versorgt Bedürftige mit gespendeten Lebensmittel, die ansonsten vernichtet werden würden. Trotz der Corona-Pandemie sind es vor allem Rentner, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich helfen.
14.10.2020, 18:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lina Wentzlaff

Mit Tüten bewaffnet stehen sie in der Schlange. Sie ist noch länger geworden als gewöhnlich und reicht jetzt bis über die Bahnschienen hinaus. Alle zwei Meter wurde mit einem Klebestreifen der Abstand markiert. So ist das in Zeiten einer Pandemie. Jeder Abstand wird bemessen. Alles wird in die Länge gezogen. Als der stellvertretende Vorsitzende, Michael Adam, mit dem Gitterrollwagen endlich vorne angekommen ist, kann er durch die große Glastür blicken: Große Pfeile, die auf den Boden geklebt wurden, markieren die Laufrichtung in der Delmenhorster Tafel.

Die gemeinnützige Hilfsorganisation gibt Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf nicht mehr verwendet und ansonsten vernichtet werden würden, gegen ein geringes Entgelt an Bedürftige ab. Das Ladengeschäft gehörte mal der Firma Nolte, die dort Gartenbedarf, Heizöl und Kleintiere verkaufte. Seit gut fünf Jahren nutzt die Tafel die Räumlichkeiten. Fünf Tage die Woche ist Adam im Einsatz. Der pensionierte Doktor der Mathematik hilft neben vielen anderen Rentnern, die Organisation am Laufen zu halten. „Eigentlich sind wir wie eine Firma“, überlegt er laut. Manche kommen einmal die Woche und helfen bei der Ausgabe, andere stehen hier jeden Werktag für den guten Zweck. Der Arbeitstag der ausnahmslos Ehrenamtlichen beginnt gegen 6 Uhr morgens mit dem Aufbau der Stände und Lebensmittel. Bis um 9 Uhr die Türen der Tafel öffnen, wird Adam schon einiges von links nach rechts geräumt haben.

Andere kümmern sich in der Zeit darum, Obst und Gemüse zu waschen, Lebensmittel zu sortieren und neue Waren abzuholen. Supermärkte, Bäckereien, Firmen – die Freiwilligen nehmen jede Station mit, die sie anfahren können. Sie fahren dazu mit zwei Sprintern durch die ganze Region. Die Delmenhorster Tafel könne sich glücklich schätzen, betont Adam: „Viele der umliegenden Tafeln haben viel mehr Schwierigkeiten, an Lebensmittel zu kommen.“ Deswegen sei es mittlerweile üblich, dass die Ausgabestellen in Hude und Ganderkesee von den Delmenhorstern profitieren und einen Teil der Lebensmittel teilen. „Ohne die guten Kontakte unserer Vorsitzenden wäre das gar nicht zu schaffen“, betont Adam. Walburga Bähre, die vergangenes Jahr mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Delmenhorst ausgezeichnet wurde, habe ein großes Organisationstalent. Vor allem in der Anfangszeit des Pandemieausbruchs bedeutete das für den Verein viel. Denn eine schnelle Reaktion und helfende Hände waren gefragt.

Durchgängig geöffnet trotz Pandemie

Eine vorübergehende Schließung für den Umbau war nötig geworden, um die gesetzlich vorgeschriebenen Corona-Schutzvorgaben erfüllen zu können, erklärt Bähre, die seit 2009 den Vorsitz inne hat: „Wir sind eine der wenigen Tafeln, die während der Anfangszeit der Pandemie durchgängig geöffnet blieb.“ Nur zwei Tage musste sie wegen des Umbaus schließen. „Der Rest wurde bei laufendem Betrieb gemacht“, merkt Adam aus dem Hintergrund des Raumes an. Für den Umbau wurden rund 40 000 Euro zusammengetragen und in große Kühlanlagen, neue Leitungen sowie erweiterte Hygienestandards investiert. „Wir haben Spenden von Airbus sowie der Landessparkasse zu Oldenburg erhalten und die Stadt hat uns aus ihrem Corona-Fördertopf ebenfalls unterstützt“, ergänzt die Vorsitzende stolz. Ohne die großzügigen Spender und die ehrenamtlichen Helfer könne das Angebot nicht aufrechterhalten werden. Ein Drittel der Freiwilligen blieb am Anfang der Corona-Pandemie aus Angst um ihre eigene Gesundheit zu Hause. „Wir machen jetzt mehr Schichten“, erklärt Bähre. Wie bei vielen Ehrenämtern sind es bei der Delmenhorster Tafel vor allem Rentner, die in ihrer Freizeit helfen. Aktuell werden vor allem ehrenamtliche Fahrer und Beifahrer für die Touren zu den Supermärkten gesucht.

Der parallele Einlass für mehrere Tafelkunden werde seit dem Umbau reduziert und es werde vermehrt kontrolliert, damit Abstandsregeln eingehalten werden können. Rund 4000 Kunden, davon 1000 Kinder, nehmen das Angebot der Tafel in Anspruch. „Nicht jeder kommt jede Woche“, erklärt Adam. Die Registrierung der Kunden läuft über Tafelausweise. Blau, rot oder grün sind sie – das hängt immer vom Tag ab, wann man kommen darf. Einen Tafelausweis bekommen alle, die nach Angaben des Staates als bedürftig gelten. Wer das Angebot annehmen möchte, muss deshalb eine Berechtigung von der Stadt oder der Gemeinde vorweisen. Vor allem Bezieher von Sozialleistungen, wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und Asylbewerberleistungen ließen sich registrieren, sagt Bähre. Aber auch immer mehr Rentner mit einer zu kleinen Grundsicherung seien Stammgäste.

Für einen Obolus von drei Euro für Erwachsene, ein Euro für Kinder, kann sich die Kundschaft ihre Wochenration abholen. Natürlich muss nicht die ganze Familie zur Tafel kommen. Auf dem Tafelausweis ist vermerkt, für wie viele Personen sie Lebensmittel abholen können. Entsprechend mehr oder weniger geben die Mitarbeiter aus. Nach der Registrierung oder Anmeldung am Eingang führen die Pfeile direkt zum ersten Stand: Getränke und Süßes. Bianka Caarls packt in Momenten des Leerlaufs kleine Kisten vor: Ein Päckchen schwarzer Tee, Kaffee, ein Marzipanbrot und Chipotle-Bohnen. Das Angebot ist jeden Tag anders. „Das sollte pro Person für eine Woche reichen“, sagt sie und präsentiert den Inhalt der kleinen Kiste. Weiter geht es beim Gemüse. Die Kunden gehen mit einem Warenwert von rund 50 Euro aus dem Haus. Das reicht oftmals aber auch nur für die Grundversorgung einer Familie – wenn überhaupt.

Der Grundsatz der Tafel Deutschland, dass Lebensmittel nur an Menschen weitergeben werden dürfen, die den täglichen Lebensmittelbedarf für sich und ihre Familien nicht selbst decken können, gilt auch bei der Tafel Delmenhorst. „Die meisten unserer Kunden sind natürlich ungewollt in diese Lage gekommen“, betont Adam. Das Ziel sei, das Leben der Bedürftigen aufzubessern, indem man Lebensmittel rette und umverteile. Dabei sei es eine Grundversorgung, die garantiert wird, nicht eine Vollversorgung. „Mehr können wir auch gar nicht leisten“, betont Bähre.

Sprachschwierigkeiten besiegen

Seit 2014 seien ein großer Teil der Kundschaft vermehrt Geflüchtete. Die Kommunikationsschwierigkeiten hatten anfangs zu Problemen geführt. Viele der neuen Kunden wussten beispielsweise nicht, dass die Tafel auf ehrenamtlicher Basis geführt wird. Mittlerweile hätten sich alle Beteiligten aber eingespielt. Besonders stolz ist Adam auf die mehrsprachigen Beschreibungen, die in arabischer und deutscher Sprache an den einzelnen Stationen die Lebensmittel erläutern. Für die Fleischabteilung gibt es sogar extra Bilderklärungen. „So kann sich hier jeder artikulieren“, erklärt der Ehrenamtliche.

Dienstags und donnerstags sind die stärksten Tage, erzählt Adam und zeigt auf die wartenden Kunden vor der Tür: „Da machen wir auch meistens erst eine Stunde später zu.“ Die regulären Öffnungszeiten von 9 bis 12 Uhr sind bei der ehrenamtlichen Arbeit nicht immer einzuhalten. Man lasse schließlich niemanden vor der Tür stehen. Und so wird die Schlange immer wieder ein bisschen kürzer, bis der letzte Kunde seine Tüten voll nach Hause trägt.

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