Haus Coburg Delmenhorst Raus mit der Sprache

In der Städtischen Galerie Delmenhorst Haus Coburg kehrt das Team langsam in den Normalbetrieb trotz Corona zurück. Aktuell wird die nächste Ausstellung „Meeting in Language“ vorbereitet.
16.08.2020, 11:00
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Raus mit der Sprache
Von Andreas D. Becker

Mal ganz blöd gefragt: Sprach Goethe, der große Italien-Reisende, eigentlich Italienisch? Wie verständigte er sich auf seinen Reisen dort? Und Paul Gauguin? Wie hat er in der Südsee eigentlich kommuniziert? Rein nonverbal? „Wir wissen es nicht“, sagt Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst Haus Coburg. Was es aber ja interessant macht. Denn – auch wenn das jetzt, zugegeben, so stereotyp wie wahr ist – Künstler sind seit jeher reiselustig und von der Ferne, vom Fremden, vom Anderen inspirierte Wesen. „Diese Lust an der Ferne bedeutet aber auch immer eine Lust an der Kollision mit der Sprache.“ Weil Künstler ihr Fernweh und alle Mühe der Konversation meist verarbeiten, gibt es zahlreiche Positionen der zeitgenössischen Kunst, die sich mit Sprache befassen. Rund 30 davon zeigen Annett Reckert und ihr Team ab dem 10. Oktober in der Ausstellung „Meeting In Language“ in der Städtischen Galerie Delmenhorst.

Das wird, so viel sei vorweggeschickt, kein Spaziergang. „Meeting In Language“ wird den Besucher fordern. Was im Jahresprogramm als Abschluss und inhaltlicher Kontrast zur Sommer-Ausstellung dramaturgisch ausgeklügelt war. „Eigentlich sollten jetzt Arbeiten von Giacomo Santiago Rogado zu sehen sein“, erzählt Annett Reckert. „Es wäre eine ganz farbintensive Einzelausstellung mit sehr inversiver Malerei gewesen.“ Eine Ausstellung also, in der Besucher auch einfach im Farbrausch, in der Ästhetik hätten lustwandeln können. Wer tiefer hätte eintauchen wollen, wäre natürlich herzlich willkommen gewesen. Aber dann kam Corona und wirbelte alles durcheinander. Also fehlt jetzt ein bisschen der Programm-Kontrast, denn das Spiel mit den Worten, die Sprach-Kunst, ist schon ein etwas anderes Kaliber, keine Schau, um einfach nur zu schauen – es könnte einen bei rein oberflächlicher Betrachtung vielleicht sprachlos zurücklassen.

Zum Beispiel John Baldessari. Von ihm wird die Schwarz-Weiß-Video-Arbeit „Teaching A Plant The Alphabet“ (ungefähr: Einer Pflanze das Alphabet lehren) zu sehen sein, 1972 gedreht, „ein Schlüsselwerk der Kunstgeschichte“, sagt Annett Reckert. In sturer Abfolge bekommt eine ordinäre Topfpflanze das ABC auf Karten präsentiert, jedes Mal begleitet von einer nachdrücklichen Ausspracheprobe. „Man kann das Werk ganz pessimistisch deuten, dass es schwer bis unmöglich ist, eine Sprache zu lernen“, sagt Annett Reckert. Aber es geht auch positiv. Dann schwebt Baldessari eine großartige Utopie vor, dass man alles schaffen kann, was man möchte. Man muss es nur lange genug probieren. Dann gäbe es sogar eine Chance, mit der Natur zu kommunizieren.

Genau dieses Thema ist ein Nukleus von „Meeting In Language“. Es geht ums Lernen. Und es geht ums Lehren, was laut Annett Reckert auch immer eine Machtfrage ist. Es geht um die Faszinationen fremder Klang-Kosmen und wie man sich ihnen nähert, es geht um nonverbale Kommunikation, um Schrift, Bild, Klang und Geste, um den Austausch von Mensch zu Mensch zu Tier – und ja, Baldessari –zu Pflanze. „Gezeigt werden Installation, Skulptur, Video, Fotografie, Grafik, Künstlerbuch, Soundarbeiten und Performances, die sich bildkünstlerisch mit Alphabet und Wortschatz, mit dem Entstehen neuer Sprachen wie zum Beispiel diverser Internet-Slangs, dem Untergang von Sprachen und dem kniffeligen Feld der Übersetzung befassen“, führt Annett Reckert aus.

Zum Beispiel Sonja Alhäuser. Die der Galerie sehr verbundene Malerin wurde vor Kurzem mit einem Stipendium in der Villa Massimo in Rom geadelt. Annett Reckert hatte sie dort besucht – und war verzückt von ihrem Sprachtraining. Sonja Alhäuser zeichnete sich kleine Bilder, den Karteikarten des früheren stumpfen Vokabelpaukens in Schulzeiten nicht unähnlich, um sich charmante Eselsbrücken zu bauen. „Sie hat auch nicht nur die typischen Floskeln gelernt, um sich Essen bestellen zu können. Es geht auch um andere Vokabeln wie Strapse, das, was wir im Schulbuch nicht lernen“, erzählt Annett Reckert. So gesehen bietet die Ausstellung für Besucher auch die Chance, selbst ein bisschen Sprache zu lernen.

Mit einer Wandarbeit von Rima Radhakrishnan geht es auch anders herum. Sie spießt in „AAA, EEE, FFF, LLL, MMM, NNN, OOO, PPP, RRR, SSS, TTT, WWW, ZZZ“ eine Besonderheit der deutschen Sprache auf: die schier unendliche Möglichkeit, Komposita zu bilden, immer mit der skurrilen Gefahr verbunden, dass es zur Kollision der Konsonanten mitten in Wörtern kommt. „Dieses Stottern der Lettern wird für sie zum Anstoß ganzer Wortkaskaden, die die Mühsal des Spracherwerbs überspülen.“ Die Meisterschülerin der Hochschule für Künste Bremen veranschaulicht damit, wie schwer es sein kann, solche Wörter als Sprachschüler zu dechiffrieren.

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