Inzidenzwert in Delmenhorst jetzt über 40 Corona-Krisenmanager: Werden reagieren müssen

Delmenhorst meldet 14 Neuinfektionen, die 7-Tage-Inzidenz klettert auf über 40. Drohen nun schärfere Regeln? Corona-Krisenmanager Rudolf Mattern spricht im Interview von „deutlichen Einschränkungen“.
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Corona-Krisenmanager: Werden reagieren müssen
Von Björn Struß

Herr Mattern, lange waren die Infektionszahlen in Delmenhorst auf einem niedrigen Niveau. Nun ist die auf 100 000 Einwohner berechnete 7-Tage-Inzidenz mit 42,7 so hoch wie nie. Wie sehr besorgt sind Sie?

Rudolf Mattern: Die jetzigen Zahlen treiben die Sorgenfalten auf die Stirn, das ist vollkommen klar. Ich muss aber auch deutlich sagen, dass wir in Delmenhorst und in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern immer noch mit sehr guten Zahlen unterwegs sind. Diese Werte muss man laufend beobachten und die richtigen Schlüsse ziehen. Wir sind nun in einer Phase, in der das Infektionsgeschehen wieder anzieht. Darauf werden wir reagieren müssen – auch mit Maßnahmen, die deutliche Einschränkungen für die Bürger bedeuten.

Ab einem Inzidenz-Wert von 35 sehen Bund und Länder akuten Handlungsbedarf. So dürfen in öffentlichen oder angemieteten Räumen dann nur noch maximal 50 Menschen miteinander feiern. Werden Sie als Stadt darüber hinaus weitere Regeln aufstellen, um die Verbreitung des Virus zu verhindern?

Wichtig ist, dass es handhabbar bleibt. Wenn der Wert an dem einen Tag bei 35,1 liegt und am nächsten bei 34,9 bringt es nichts, Regeln aufzustellen, die ich gleich wieder zurücknehmen muss. Da braucht es Fingerspitzengefühl und auch einen Blick auf die Gründe der angestiegenen Infektionszahl. Bei den derzeitigen Zahlen lässt sich allerdings eine Verschärfung der bisherigen Regelungen bei Feiern nicht ausschließen.

Über viele Fragen des Infektionsschutzes entscheidet Niedersachsen. Aber gewisse Dinge lassen sich nur vor Ort entscheiden. Welche Schritte hat Delmenhorst als Kommune vorbereitet?

Wir haben uns Gedanken gemacht, die eventuell durch unsere Stellungnahme gegenüber dem Land auch noch übernommen werden. Wenn Niedersachsen dies nicht tut, werden wir zusätzliche Allgemeinverfügungen herausgeben. Es wird auf jeden Fall weiterhin eine Maskenpflicht auf den Wochenmärkten geben. Auch Auswirkungen auf die Bereiche Sport und Gastronomie sind nicht auszuschließen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn von Gästen und Gaststättenbetreibern die Maskenpflicht und auch die Abstands- und Registrierungsregeln nicht eingehalten werden. Hier werden wir in Zukunft auch mit Schließungen von Gaststätten oder Geschäften arbeiten müssen.

Auf dem Marktplatz zeigt sich beim Wochenmarkt, dass Delmenhorst bei der Durchsetzung der Corona-Regeln mit regelmäßigen Kontrollen inzwischen einen schärferen Ton anschlägt. Am Freitag stellten Polizei und Ordnungsdienst bei 60 kontrollierten Personen 50 Verstöße gegen die Maskenpflicht fest. Warum ignorieren so viele Menschen vehement diese Regel?

Ich weiß nicht, wie diese Menschen denken. Jeder muss sich darüber im Klaren sein, dass er die Maske nicht für sich selbst trägt, sondern um seine Mitmenschen zu schützen. Teilweise kommt die Ausrede: ‚Ich will ja nichts kaufen, ich gehe hier nur durch.‘ So kann das nicht funktionieren. Wir werden dafür sorgen, dass auch weiterhin eine Maskenpflicht auf dem Wochenmarkt existiert und diese auch rigoros durchsetzen. Der Wochenmarkt ist hoch frequentiert und dies durch Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Um genau diese Gruppe zu schützen, gibt es gar keine andere Möglichkeit, als auf den Masken zu beharren. Auch hier muss gesagt werden, dass wir in Zukunft weiterhin streng kontrollieren werden und auch neben den Bußgeldern noch härtere Maßnahmen ins Auge fassen.

Anderes Beispiel, ebenfalls gut besucht: das Stadion des SV Atlas in Düsternort. Die Heimspiele besuchen über 500 Fans. Wie beurteilen Sie das? Wird Atlas auch weiter vor Zuschauern spielen?

Das hängt von der allgemeinen Situation ab, eine Garantie kann ich da nicht geben. Extra eingesetzte Ordner und die Polizei sorgen dort für die Durchsetzung der Hygieneregeln. Deshalb wird dort nicht der große Infektionsherd sein. Bis jetzt konnten wir keine einzige Infektion einem Fußballspiel des SV Atlas zuordnen. Bei der Rückverfolgung der Infektionsketten waren Sportveranstaltungen bei uns bisher nie ein Thema. Trotzdem ist bei höheren Fallzahlen auch hier nichts ausgeschlossen.

Ein neuer großer Besuchermagnet entsteht Ende November mit dem Weihnachtsmarkt. Sie hatten bereits öffentlich gesagt, dass Sie sich diesen mit einem Konzept auf größerer Fläche auch mit Alkohol vorstellen können. Stehen Sie zu dieser Aussage?

Nach aktuellem Stand: Ja. Es kann aber sein, dass das in zwei Tagen oder auch Anfang Dezember anders aussehen wird. Das wissen auch die Schausteller. Die stehen auch dahinter, sie wollen nicht auf Gedeih und Verderb den Weihnachtsmarkt haben und Corona einfach ausblenden. Nach jetzigem Sachstand gehen wir aber ganz klar davon aus, dass wir die Möglichkeit haben, einen Weihnachtsmarkt zu gestalten. Ob sich das dann wirklich umsetzen lässt, hängt von den zukünftigen Zahlen ab.

Sie sagten bereits, dass Sie sich regelmäßig mit Niedersachsen austauschen. Glauben Sie, dass es bei den Weihnachtsmärkten auch ein Verbot für das gesamte Bundesland geben könnte?

Auch zu den Weihnachtsmärkten gibt es einen Verordnungsentwurf. Alle Sachen, mit denen wir planen, sind auch dort als Möglichkeiten festgestellt. Es ist vollkommen klar, dass der Markt mit der Enge der bisherigen Stände nicht funktionieren kann. Wir brauchen mehr Platz. Kuschelig beieinander stehen – das können wir nicht machen. Es muss also eher wie bei der Sommerwiese an der Graft breiter angelegt sein, mit vielen Sitzgelegenheiten.

Der Unterschied zur Sommerwiese ist aber, dass es im Dezember deutlich kälter ist. Allein dadurch neigen die Menschen doch schon dazu, enger beieinander zu stehen.

Klar. Da müssen dann Polizei, Ordnungsamt und insbesondere die Schausteller dafür sorgen, dass so etwas nicht passieren kann. Bei dem Weihnachtsmarkt haben besondere Anlässe zu einem hohen Besucherandrang geführt – etwa die Verlosung. Da sind wir uns schon einig, dass so etwas nicht möglich ist. Die Schausteller machen sich da unglaublich viele Gedanken. Da bin ich insbesondere Andreas Kutschenbauer (Schaustellerverein Delmenhorst Anm. d. Red.) sehr dankbar.

Bis Juli gab es in Delmenhorst ein Corona-Testzentrum. Dann wurde es in einen Ruhemodus versetzt. Braucht die Stadt dieses Zentrum nun wieder?

Das kann ich nicht beantworten, weil dies kein städtisches Zentrum war, sondern von der Kassenärztlichen Vereinigung aufgebaut wurde. Diese sagt, dass die Arztpraxen inzwischen ausreichend mit Testmaterial ausgestattet sind, sodass wir das Testzentrum in Delmenhorst nicht mehr brauchen.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat Bremen dafür kritisiert, die Regeln nicht konsequent genug durchzusetzen. Er sagte auch, dass die umliegenden Städte und Gemeinden darunter leiden, weil die Menschen das Virus im Umland verbreiten. Machen Sie Bremen ein Stück weit für das Infektionsgeschehen in Delmenhorst verantwortlich?

Ich kann eins feststellen: Den Großteil unserer Infektionen konnten wir zu den Arbeitsplätzen zurückverfolgen. Es ging also nicht darum, dass in Delmenhorst durch wilden Kontakt etwas passiert ist. Die Arbeitsplätze waren zum Großteil nicht in Delmenhorst. Es bringt aber nichts, jetzt Bremen anzuprangern. Ich glaube, dass die Gesundheitsbehörden in Bremen mit genauso viel Herzblut arbeiten wie wir auch.

Das Interview führte Björn Struß.

Info

Zur Person:

Rudolf Mattern ist Mitglied im Verwaltungsvorstand der Stadt Delmenhorst und der kommunale Corona-Krisenmanager. Die Entscheidungen im Kampf gegen die Pandemie trifft er in enger Abstimmung mit Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD). Mattern leitet auch den Fachbereich Jugend, Soziales und Gesundheit.

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