Kunstpause in Delmenhorst Zerlaufene Poesie

Olav Christopher Jenssen ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Maler Norwegens, auch Königin Sonja hat Arbeiten von ihm in ihrer Sammlung. Genau wie die Städtische Galerie Delmenhorst.
05.08.2020, 09:47
Lesedauer: 3 Min
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Zerlaufene Poesie
Von Andreas D. Becker

Arne Rautenberg nennt es „Panoptischer Blick“, was ihm bei den Blättern von Olav Christopher Jenssen in den Sinn kam. Ein Gedicht, das sich bei der immer inniger werdenden Betrachtung der Bilder immer stärker auflädt, aber verhalten beginnt:

die erd ein treibendes aug

am felsen spritzt gischt

Assoziationen halt. Die kleinen Aquarelle laden dazu ein, die Gedanken erst laufen, dann galoppieren zu lassen. Annett Reckert, Chefin der Städtischen Galerie Haus Coburg, die die Werke Jenssens aus ihrem Depot gerade in der Ausstellung „Fly. Arne Rautenberg betextet Werke der Sammlung“ zeigt, mag die Poesie der Arbeiten. „Da soll gar nicht alles sofort etwas bedeuten.“ Der Betrachter gibt den in sich verlaufenen Farben, mal strahlend klar, mal schmutzig, eine eigene Geschichte. „Unsere Kiddies haben in dem einen Bild definitiv das Coronavirus gesehen“, erzählt sie. Eine Deutung, auf die früher nie jemand gekommen wäre. Da hätte man vielleicht an ein Kerbtier gedacht, mit violettem Kopf, schlammig-braunem Körper, der nach links rot ausläuft, nach rechts in einen grünen Rücken übergeht. Die Striche oben: vielleicht Arme, wie im Tanz verbogen, ein tanzendes Insekt, dancing cockroach. Das zeigt, wie viel Raum diese Arbeiten lassen, Raum, in dem prä- und post-pandemische Wahrnehmungen spielend Platz finden.

Und je länger man schaut, desto mehr Details lassen die Farbverläufe, die Striche und Kleckse erkennen. Was Rautenberg in seinem Gedicht kongenial in immer länger werdende Verse transformiert:

die erd ein treibendes

drehendes aug

am felsen spritzt gischt

der fratze des schaums

Jenssen, Professor in Braunschweig, der in Berlin und im schwedischen Lya arbeitet, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Maler Norwegens. Ulrich Krempel, bis Ende 2014 Direktor des Sprengel-Museums in Hannover, erinnert sich an eine hübsche Anekdote. „In Norwegen, wo wir eine Ausstellung aufgebaut haben, war am Abend beim Essen die norwegische Königin meine Tischdame“, erzählt er. Sonja von Norwegen ist selbst passionierte Kunstsammlerin. „Sie schätzt Olav Christopher Jenssen sehr und hat auch Werke von ihm in ihrer Sammlung.“ Krempel, der mit Jenssen schon ein Buch veröffentlichte, ihn als Kollegen von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig kennt, hatte also sofort ein Gesprächsthema, um in den Abend einzusteigen.

Für Jenssen, sagt Krempel, sei Zeichnen so etwas wie Denken oder Musik hören, „Farbe ist für ihn wie ein Lebenselexier“. Deswegen ist der Norweger auch ein manischer Maler, sein Werk ist riesig. Die fünf Blätter, die Annett Reckert gerade in Delmenhorst zeigt, entstanden alle, wie immer fein vermerkt, am 3. Oktober 2010, während Jenssen am Arlanda-Flughafen in Stockholm auf seine Abreise wartete. „Aquarell ist am Flughafen natürlich praktisch“, sagt Krempel. Jenssen benötigte nur einen Pinsel, etwas Farbe, einen Farbkasten und Papier. „Er hat immer Papier dabei, alle in der gleichen Größe, weil er auch gern in solchen Serien wie in diesem Fall arbeitet.“

Dann lässt sich Jenssen treiben. Er hat nicht vor, etwas Konkretes zu malen, will kein Chronist seiner eigenen Erlebnisse sein. Er lässt einfach die Striche und Linien entstehen, lässt Farben ineinanderlaufen und schaut, wie sie zerfließen und zerfasern und was aus ihnen wird. Durch das Verschwimmen lässt er quasi die Farbe für sich arbeiten, sagt Krempel. „Er lässt Dinge geschehen, korrigiert sie nicht.“ Lila und Grün strömen also ineinander, ergeben irgendeinen Matschton, dann streicht Jenssen noch einmal drüber, hellt es dadurch wieder auf. „Es entsteht etwas, das an ein Wesen erinnert. Es könnte zum Beispiel der Zöllner sein, an dem er gleich vorbeigeht. Oder es ist eben so ein Corona-Otto, wie die Kinder ihn gesehen haben“, sagt Krempel.

Dabei hat Jenssen in seiner frühen Zeit durchaus figürlich, konkret angefangen. Auch Landschaften gemalt. „Mittlerweile geht es vielleicht auch um die Erkenntnis einer Linie, da entsteht etwas Prä-sprachliches, was eine geistige, räumliche Beweglichkeit zulässt“, sagt Annett Reckert. Eben das, was Poesie auch auszeichnet. „Dahinter steckt der Glaube an eine frei zeichnerische, malerische Sprache.“ Was sie im aktuellen Katalog zu „Fly“ noch einmal etwas akademischer so ausformuliert hat: „Weit entfernt von allem Mimetischen ist sein Œvre aus Erinnerungen, Imagination und Gefühl entwickelte Poesie – und zugleich eine Reflexion von Geschichte und Gegenwart der Malerei.“

Und? Was sieht Rautenberg noch?

die erd ein treibendes

leer im raum

drehendes

wässriges aug

am felsen spritzt gischt

die fratze des schaums

das zischen zerplatzender

blasen erlischt

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