Schneekatastrophe 1979 in Delmenhorst Die weiße Katastrophe: Als der Nordwesten in Schnee versank

Vor 40 Jahren schneite der gesamte Nordwesten zu, auch Delmenhorst war stark betroffen. Ein Blick in die Berichterstattung des DELMENHORSTER KURIER aus dem Jahr 1979.
04.02.2021, 21:21
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Die weiße Katastrophe: Als der Nordwesten in Schnee versank
Von Andreas D. Becker

Es war ein Jahrhundertwinter, der vor 40 Jahren über dem Nordwesten hereinbrach. Auch Delmenhorst ächzte unter den Schneemassen. Vor allem Mitte Februar, als ohne die Hilfe von Bundeswehr, zahlreicher Hilfsorganisationen und Tausender Bürger in der Stadt gar nichts mehr gegangen wäre. Ein Rückblick anhand der Berichterstattung des DELMENHORSTER KURIER.

2. Januar 1979: Mit Rückblick auf den Jahreswechsel hatte der Schnee auch etwas Gutes, es kam nämlich nur zu wenigen Zwischenfällen. „Viele geplante Silvesterfeiern fielen aus, weil die meisten Autofahrer es vorzogen, den Wagen stehen zu lassen und daheim zu bleiben.“ Denn obwohl alle verfügbaren Kräfte seitens der Stadt zu Schneeräumeinsätzen herangezogen wurden, gelang es in der Stadt nicht, wenigstens die Hauptverkehrsstraßen frei zu halten. „So war nach Einsetzen des Schneetreibens zunächst noch versucht worden, die Fahrbahnen abzustreuen. Das Vorhaben musste jedoch bald aufgegeben werden. Stattdessen kamen sechs Lastwagen mit Schneeschiebern, vier Radlader, zwei kleine Schneeräumfahrzeuge und drei Kleintransporter mit insgesamt 30 Mann zum Einsatz, um die Gefahrenstellen in der Stadt vom Schnee zu befreien.“

3. Januar: „Um die Verkehrssituation zumindest an den kritischen Stellen, den Kreuzungen und der Hauptausfallstraße, dem Hasporter Damm, in den Griff zu bekommen, schickte die Abteilung Straßenbau des Tiefbauamtes gestern noch mehr Leute und Fahrzeuge los, um nicht nur die Fahrbahnen freizubekommen, sondern auch den zusammengeschobenen Schnee abzufahren.“ Trotzdem wird überall in der Stadt Kritik daran laut, dass die Stadt es nicht schafft, die Straßen frei zu halten. Rufe nach der Bundeswehr werden laut: „Das Panzergrenadierbataillon 312 in Adelheide hält zwar für den Katastrophen- oder Notfall auf Landesebene Bergefahrzeuge in Einsatzbereitschaft, die jedoch ‚mangels einer Katastrophe‘ nicht ohne Weiteres in Marsch gesetzt werden können. Major Paul Schulz, der stellvertretende Bataillonskommandeur: ‚Die Bundeswehr kann mit Räum- und Bergepanzern in diesem Fall nur aktiv werden, wenn die Stadt einen entsprechenden Antrag an die Wehrbereichsverwaltung in Hannover stellt und für die Kosten der Aktion aufkommt.‘ Die schweren Fahrzeuge müssten zum Schneeräumen mit Nagelketten ausgerüstet werden, die auf den Straßen deutliche Spuren hinterlassen könnten.“

4. Januar: Die Kälte macht auch den Fahrzeugen zu schaffen, in den Werkstätten werden Überstunden geschoben. Innungsobermeister Werner Oberheide kritisiert die „ihm unverständliche Verhaltensweise der Stadtverwaltung, anscheinend habe man dort regelrecht ‚geschlafen‘“. Hauptfehlerursache bei den liegen gebliebenen Autos sei übrigens die Batterie, Zündkerzen, Anlasser und Lichtmaschinen waren andere Hauptfehler. „Der Umsatz an Autobatterien war am ersten Tag nach Neujahr so groß wie ein durchschnittlicher Monatsumsatz.“ Nicht nur Oberheide kritisiert die Stadt, auch Einzelhandelssprecher Ernst Flocke: „Verstimmt hätten sich bereits eine Reihe von Einzelhändlern bei ihm gemeldet. Ein großes Möbelhaus an der Bremer Straße müsse alle Kunden vertrösten, die auf die zugesagte Auslieferung drängen, soweit sie im Raum Delmenhorst wohnten. Die Filialen in Bremen, Wilhelmshaven und Hamburg dagegen könnten ihre Geschäfte reibungslos abwickeln.“

8. Januar: Ein äußerst seltenes Ereignis tritt ein. Die Stadt gewinnt die Delmewette gegen den Kanusportverein „Welse-Delme-Weser“: „Oberbürgermeister Otto Jenzok konnte, zünftig mit Gummistiefeln und Pudelmütze bekleidet, den Fluss durchwaten. Auf der Eisschicht der zugefrorenen Delme stand nur eine Handbreit Wasser.“

11. Januar: „Schnee- und eisfreie Hauptverkehrsstraßen in Delmenhorst konnten gestern nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach Ansicht betroffener Bürger in vielen Straßen der Stadt immer noch katastrophale Verhältnisse herrschen. Anwohner von Seitenstraßen und Bewohner entlegener Stadtteile plagten sich hingegen immer noch mit Schnee, Eis, Matsch und Wasser auf den Fahrbahnen herum. Sie machten auch keinen Hehl aus ihrem Unmut, schimpften und beschwerten sich bei der Stadtverwaltung. Einige schreckten indes nicht einmal vor nächtlichen Drohanrufen bei den Verantwortlichen zurück.“

17. Januar: „Ab Freitag soll das Schulzentrum Süd bestreikt werden, wenn sich die Situation nicht grundlegend ändert.“ So erbost waren die Eltern über die Schulwegsituation. Auch Gespräche des Elternratsvorsitzenden Hans-Joachim Klapper mit Stadtverantwortlichen hätten nichts gebracht. Udo Kuhlmann, „Leiter des Schul- und Sportamtes, empfahl Klapper, doch die Hauseigentümer im Einzugsbereich der Schule persönlich anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Als Alternative bot er an, den Eltern vorzuschlagen, ihre Kinder auf der Mitte der Fahrbahn gehen oder mit dem Rad fahren zu lassen.“

18. Januar: „Lässt sich der vom Elternrat des Schulzentrums Süd für Freitag angekündigte Schulstreik noch abwenden? Die Stadt hat gestern Schritte unternommen, um den Kindern einen weitgehend schnee- und eisfreien Schulweg zu verschaffen. Vier Bedienstete des Ordnungsamtes wurden losgeschickt. Sie sollten die Anlieger des Brendelwegs und der Annenheider Straße noch einmal freundlich zum Schneefegen und Salzstreuen auffordern, sofern dies noch nicht im erforderlichen Umfang geschehen ist.“

24. Januar: Die Situation verschlimmert sich wieder. „Rechtzeitig, bevor gestern Mittag Eis- und Schneeglätte einsetzten, hatte sich der städtische Bauhof am Hasporter Damm mit ausreichend Streusalz eindecken können. In den letzten beiden Tagen wurden insgesamt 125 Tonnen Salz angeliefert. Nach früher Glatteiswarnung aus Oldenburg richtete das Tiefbauamt gestern sieben Streutouren ein und konnte so im Dauereinsatz die Hauptverkehrsstraßen verhältnismäßig schnell vom Glatteis befreien.“

2 Februar: „Die Tage des Schneemanns sind gezählt“, heißt es mit Blick auf den Wetterbericht. Aber das war vielleicht etwas vorschnell gehofft.

3. Februar: Der harte Winter hat sichtbare Spuren auf Delmenhorsts Straßen hinterlassen, „vielfach sind die Straßen mit Schlaglöchern übersät und die Asphaltdecken aufgerissen. Eine Übersicht über die bereits eingetretenen Schäden hat man bei der Stadtverwaltung noch nicht. Für die Beseitigung von Winterschäden auf den Straßen stehen in jedem Jahr 100 000 Mark im Stadthaushalt bereit. Damit werde man in diesem Jahr sicherlich nicht auskommen, erklärte Konrad Grottker, Leiter des Tiefbauamtes. Man gehe davon aus, dass man mindestens das Doppelte, wenn nicht gar das Dreifache, aufwenden müsse.“

7. Februar: Das Wetter wirkte sich auch auf die Arbeit der Polizei aus. „Mit einer absoluten Rekordzahl begann das von der Polizei statistisch erfasste Unfallgeschehen im ersten Monat dieses Jahres. Im Januar ereigneten sich auf den Straßen im Stadtgebiet 212 Verkehrsunfälle. So viele Karambolagen hat es nach Angaben eines Polizeisprechers in einem einzigen Monat noch nicht gegeben.“

20. Februar: Nachdem der DELMENHORSTER KURIER aufgrund der Schneekatastrophe fünf Tage gar nicht erschienen war, scheint das größte Problem beseitigt. Aber nur aufgrund einer großen Solidarleistung in der Stadt, bei der Tausende Bürger, Bundeswehrsoldaten, Mitglieder von Hilfsorganisationen und Bedienstete der Stadt zusammen anpackten. Denkwürdig war dabei vor allem die Hilfe der Bundeswehr: „Unter dem Decknamen ‚Dampfschiff‘ und dem Motto ‚Volle Kraft voraus!‘ hatten sie einen massiven Einsatz gegen den Schnee gestartet. Über 2000 Soldaten aus Feldwebel-Lilienthal-Kaserne und Barbara-Kaserne waren rund um die Uhr mit 15 Kettenfahrzeugen, elf Radladern und 100 Lastwagen im Einsatz. Für viele Soldaten hatte es sogar Urlaubssperre gegeben. Unermüdlich schaufelten sie Schnee von Straßen und Eisenbahnschienen, transportierten Schnee ab, führten Lebensmitteltransporte durch und unterstützten auch den ärztlichen Notdienst.“

Aber nicht nur die Bundeswehr stand Schneeschieber bei Fuß: „Alle beteiligten Hilfsorganisationen wie Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Deutsches Rotes Kreuz und die zuständigen städtischen Bediensteten hätten zusammen mit Mitarbeitern von Privatunternehmen Beachtliches geleistet, hieß aus dem Delmenhorster Krisenstab. Es sei dabei unbürokratisch vorgegangen worden. Zudem habe die Koordinierung der eingesetzten Hilfskräfte reibungslos geklappt.“ Lob gab es auch ganz ausdrücklich für die Bürger, die mithalfen, den Schneemassen Herr zu werden. „Über 80 Prozent sollen es nach Angaben des Delmenhorster Polizeichefs, Heinz Lohmann, gewesen sein, die keine Anstrengungen gescheut hätten, um die Wege vor ihren Häusern begehbar zu machen. Den Rest bezeichnete Lohmann als ‚notorische Faulpelze‘, denen ab sofort polizeilich ‚auf die Finger geklopft‘ werden soll.“

Unklar ist noch, was mit den Schneebergen entlang der Straßen geschehen soll. Zumal bei einsetzendem Tauwetter eine nicht unerhebliche Überschwemmungsgefahr drohe. „Wo sie keine Gefahr sind, müssen die Schneeberge wahrscheinlich so lange liegen bleiben, bis sie wegtauen, erklärt Oberstadtdirektor Franz Cromme. Die Stadt schätzt die bisher durch die Räumaktion entstandenen Kosten auf rund 600 000 Mark.“ Die Stadt hofft in den kommenden Tagen auf die Sonne, damit die Schneeberge schmelzen. Erst Anfang März verschwindet der Schnee nach und nach. Die Wassermassen sorgten überall im Stadtbild für Seenlandschaften, so in Hasbergen, in der Wiekhorn und auch auf den Graftwiesen direkt vor dem Stadtbad.

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