Teilhabechancengesetz in Delmenhorst

Wiedereinstieg geglückt

Über das Teilhabechancengesetz sind 2019 in Delmenhorst 75 Langzeitarbeitslose in sozialversicherungspflichtigen Jobs untergebracht worden. Für das Jobcenter ist die neue Regelung ein Erfolgsprojekt.
02.03.2020, 17:55
Lesedauer: 3 Min
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Wiedereinstieg geglückt
Von Esther Nöggerath
Wiedereinstieg geglückt

Markus Zimmer arbeitet über das Teilhabechancengesetz seit Mitte 2019 bei der Firma Reamotion.

INGO MÖLLERS

Einen geregelten Arbeitsalltag zu bewerkstelligen, ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn man schon seit einigen Jahren nicht mehr an das frühe Aufstehen oder einen Vollzeitjob gewöhnt ist. Je länger man aus dem Arbeitsleben raus ist, desto schwieriger wird in der Regel auch der Wiedereinstieg. Um gerade Langzeitarbeitslosen dennoch eine Chance zu bieten, zurück in den Arbeitsmarkt zu kommen, ist zum Jahresanfang 2019 das neue Teilhabechancengesetz in Kraft getreten. Gut ein Jahr später scheint das Gesetz nun inzwischen in Delmenhorst so etabliert zu sein, dass das Jobcenter gute Erfolge aufweisen kann. Mit der finanziellen Unterstützung von rund 1,25 Millionen Euro vom Bund für das Jahr 2019 sind im vergangenen Jahr 75 Menschen über das Teilhabechancengesetz in einem sozialversicherungspflichtigen Job untergebracht worden.

Einer von ihnen ist Markus Zimmer, der seit Mitte vergangenen Jahres eine Vollzeitstelle bei der Delmenhorster Firma Reamotion hat. Nach der Arbeitslosigkeit ist er glücklich darüber, endlich wieder sein eigenes Geld zu verdienen. „Man weiß, was man für das Geld getan hat“, sagt er. Bei der Produktionsfirma für innovative Grill- und Gargeräte ist er dafür zuständig, die Maschinen auseinander- und zusammenzubauen oder zu reinigen. Zimmer kommt eigentlich aus dem Handwerk und war früher als Verfuger tätig. „Das ist schon etwas anderes, aber die Arbeit liegt mir einfach“, erzählt der 38-Jährige. Gut sechs Jahre war er raus, der Wiedereinstieg sei ihm aber nicht schwer gefallen. „Ich habe als Aufstocker ja auch immer noch nebenbei etwas gearbeitet“, erklärt er.

Zimmer gehört zu denen, die über den Paragrafen 16i des Teilhabechancengesetzes wieder in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Darunter fällt, wer in den vergangenen sieben Jahren mindestens sechs Jahre Leistungen des Arbeitslosengeldes II bezogen hat. Für sie ermöglicht das neue Gesetz eine Förderung, sodass eine Einstellung auch von Langzeitarbeitslosen für Unternehmen attraktiver wird. Die darüber besetzten Stellen werden in den ersten zwei Jahren der Tätigkeit zu 100 Prozent aus Mitteln des Jobcenters finanziert, in den darauf folgenden drei Jahren gibt es eine Teil-Finanzierung. Über den Paragrafen 16e, der alle Menschen betrifft, die mindestens zwei Jahre arbeitslos gemeldet sind, finanziert das Jobcenter eine Stelle im ersten Jahr zu 75 Prozent, im zweiten Jahr immer noch zu 50 Prozent.

Allerdings berechnet sich die Finanzierung dabei lediglich nach dem Mindestlohn, den Unternehmen steht es frei, das noch aufzustocken. Auch Reamotion-Geschäftsführer Emilio Reales hat sich dazu entschlossen, Markus Zimmer sowie den beiden anderen Mitarbeitern, die bei ihm über das Teilhabechancengesetz angestellt sind, etwas mehr zu bezahlen. „Das ist auch einfach eine Form der Wertschätzung“, findet er. Außerdem müsse das Geld schließlich auch zum Leben reichen. Mit Zimmer und seiner Arbeit ist der Geschäftsführer sehr zufrieden: „Das hat einfach hervorragend gepasst“, sagt er.

Damit die Wiedereinsteiger nicht einfach so mit ihrem neuen Job und all den Herausforderungen, den der Arbeitsalltag so mit sich bringt, allein gelassen werden, werden ihnen zusätzlich Coaches an die Seite gestellt. Alle 14 Tage trifft sich Zimmer mit seinem Coach, um über alles zu sprechen, was ihn so beschäftigt. „Über die Arbeit, aber auch über Privates“, erzählt er. Oftmals geht es dann auch darum, wie das Berufsleben mit Familie und Freunden vereinbar ist oder auch um ganz praktische Dinge wie die Einrichtung eines neuen Kontos oder um Fragen zur Sozialversicherung. Aber auch, wenn es Probleme auf der Arbeit oder mit dem neuen Chef geben sollte, hilft der Coach.

Markus Behrend vom Delmenhorster Jobcenter sieht das Teilhabechancengesetz als sehr erfolgreiches Projekt. Denn von den insgesamt 75 Menschen, die 2019 über das neue Gesetz einen Job gefunden haben, dauerte die Arbeitslosigkeit in 53 Fällen bereits über sechs Jahre. Nur in sieben Fällen davon sei die Förderung vorzeitig beendet worden oder habe der Bewerber vorzeitig abgebrochen. Eine gute Quote für Behrend, gerade mit Blick auf die lange Arbeitslosigkeit der Teilnehmer vorher, nach der der Wiedereinstieg bekanntermaßen immer schwieriger wird. Bei den über 16e geregelten Teilnehmern, die mindestens zwei Jahre lang aus dem Berufsleben raus waren, gab es von den insgesamt 22 Mitmachenden zwei vorzeitige Abbrüche.

Und auch für dieses Jahr gibt es bereits wieder eine ganze Reihe von Anträgen für eine Förderung über das Teilhabechancengesetz. „Der Start in das neue Jahr ist aufgrund der höheren Bekanntheit noch besser geglückt“, hat Behrend festgestellt. Bereits 30 Teilnehmer werden seit Anfang des Jahres gefördert – weitere Förderungen sind geplant.

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