Werder-Gegner Freiburg in der Analyse Mehr als ein Klischee

Mit Ruhe, Gelassenheit und sportlicher Expertise überrascht der SC Freiburg auch in dieser Saison. Christian Streichs Mannschaft ist ihrem Saisonziel schon so nah und kann sich womöglich ein größeres setzen.
11.02.2021, 11:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Rommel

Letzten Samstag gab es einiges zu feiern beim SC Freiburg: Das 2:1 über Borussia Dortmund war der erste Sieg für Christian Streich überhaupt gegen den BVB, es war der siebte Erfolg aus den letzten zehn Spielen - nur die Bayern und Eintracht Frankfurt waren in diesem Zeitraum erfolgreicher. Und es war Freiburgs 700. Spiel in der Bundesliga. Ein runder Geburtstag und eine erstaunliche Zahl für einen kleinen Standort wie Freiburg.

Wie speziell die Breisgauer im gleichgeschalteten Profifußball immer noch sind, lässt ein Blick auf die Liste aller Freiburger Bundesligatrainer erahnen: Nur vier Trainer beschäftigte Freiburg in den letzten 30 Jahren. Volker Finke, Robin Dutt, Marcus Sorg und Christian Streich bilden eine Shortlist der besonderen Art. Freiburg setzt das um, wovon andere immer nur reden; die Kontinuität im Klub ist geradezu sensationell. Werder, das sich auch so gerne eine gewisse Verlässlichkeit auf die Fahnen schreibt, beschäftigte im selben Zeitraum elf Trainer. Beim Hamburger SV waren es 31.

Bauernschlau und offen für Neues

Freiburg ist längst mehr als ein Klischee. Dem Klub ist wie keinem anderen in Deutschland gelungen, seine vermeintlichen Nachteile in große Vorteile zu wandeln. Die Lage am äußersten Rand der Republik und die vergleichsweise überschaubare wirtschaftliche Potenz im Umland sind nur auf den ersten Blick ein Problem. Freiburg nutzt indes die Nähe zur Schweiz und Frankreich, um freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Die Arroganz des deutschen Fußballs, auf interessanten Input aus anderen Sportarten oder Ländern zu verzichten, war Freiburg schon immer fremd.

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Die Ruhe fernab des Trubels ist ein Freiburger Markenkern. Ohne den großen (medialen) Druck lässt es sich betulich arbeiten und auch dürre Perioden überstehen. Von Ex-Trainer Finke stammt der Satz, dass alles in Ordnung sei, wenn Freiburg unter den besten 25 besten Klubs des Landes bleibt - was also immer auch einen möglichen Abstieg impliziert. Deshalb bricht in Freiburg nicht wie an vielen anderen Standorten sofort die nackte Panik aus, wenn die Mannschaft mal fünf, sechs, sieben oder mehr Spiele in Folge sieglos bleibt. So wie im Herbst, als es sogar neun Spiele am Stück ohne Dreier waren. Unmittelbar darauf folgte der neue Vereinsrekord mit fünf Siegen am Stück.

Jedes Jahr von vorne

Es ist diese Unaufgeregtheit im Handeln gepaart mit der Kontinuität auf vielen Positionen, die Freiburg Jahr für Jahr aufs Neue überraschen lassen. Wobei die Referenz zur armen Kirchenmaus auch nicht mehr vollumfänglich passt: Im Sommer leistete sich der Sportclub den teuersten Transfer seiner Geschichte, zehn Millionen Euro sollen für Baptiste Santamaria fällig gewesen sein. Das Geld erwirtschaftete der Klub unter anderem durch den Verlauf von Luca Waldschmidt, Robin Koch und Alexander Schwolow, die deutlich über 30 Millionen Euro einbrachten.

Das ist das Konzept, welches für den Trainer aber durchaus tückisch sein kann: Freiburg verliert regelmäßig seine besten Spieler und fängt streng genommen jede Saison wieder von Neuem an. Und jedes Mal wieder gelingt es Streich, neuralgische Positionen nicht nur neu zu besetzen, sondern nach einer gewissen Anlaufzeit ein funktionierendes Kollektiv zu formen, das sich auf jeden Gegner sauber anpassen kann. Freiburg ist deshalb auch in der Spielvorbereitung schwer zu lesen.

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Die Mannschaft spielt gerne durchs Zentrum. Ist der Weg aber versperrt, werden die Flügelspieler Christian Günter und Jonathan Schmid zu den entscheidenden Figuren. Ihre Dynamik über die Flanken brechen den Gegner dann in anderen Zonen auf. Dazwischen streut Freiburg immer mal wieder einen langen Ball in die Spitze ein, wo mit Ermedin Demirovic eine der Überraschungen der Saison lauert. Ein Spieler, der in Deutschland schon in Vergessenheit geraten war, der sich in mehreren Klubs im Ausland durchquälte und der Freiburg dann beim benachbarten und befreundeten FC St. Gallen auffiel und von Streich persönlich kontaktiert wurde. Mit Demirovic bekommt die Option, auf zweite Bälle aufzurücken, eine ganz neue Qualität.

Näher am Europacup als an der Abstiegszone

Und so hat sich der SC Freiburg nach ein paar Startschwierigkeiten in dieser Saison längst wieder zurechtgefunden. Werder darf sich auf eine sehr stabile Mannschaft einstellen, die in allen Spielphasen Lösungen auf Lager hat und wie eigentlich immer in den letzten Jahren zu den Besten bei Offensiv-Standards zählt. Auch deshalb hat Freiburg schon wieder 30 Punkte nach 20 Spieltagen eingesammelt, so viele wie noch nie zu diesem Zeitpunkt unter dem Trainer Streich. Mit dem Abstieg dürfte die Mannschaft nichts mehr zu tun haben, im Gegenteil könnte bei dieser eher wilden Saison mit einigen schwächelnden Großklubs sogar ein Platz im internationalen Geschäft drin sein.

Die nötige Konstanz dafür bringt Freiburg jedenfalls schon mit. Und so wird es auch in den kommenden Jahren weitergehen: Nach den Vorständen Oliver Leki und Jochen Saier im Dezember, sowie dem Sportlichen Leiter Klemens Hartenbach vor einigen Wochen verlängerte am Donnerstag auch Christian Streich seinen bestehenden Vertrag.

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