Friedls Ziel bis zur Winterpause

„20 Punkte bis Weihnachten"

Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht Marco Friedl über die Zielsetzung bis zur Winterpause, seine Beziehung zum FC Bayern und zu seinem Kumpel David Alaba, mit dem er gemeinsam bei den Münchnern spielte.
20.11.2020, 10:41
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„20 Punkte bis Weihnachten
Von Christoph Sonnenberg

Herr Friedl, Sie sind 2008 im Alter von zehn Jahren aus Österreich zum FC Bayern gewechselt. Wie kam es zu diesem frühen Schritt?

Marco Friedl: Damals habe ich in Rosenheim mit einer Tiroler Auswahl ein Turnier gespielt, der FC Bayern war auch dabei. Ich wurde zum besten Spieler gewählt, dadurch entstand der erste Kontakt. Der Bayern-Trainer der U11 hat meine Eltern angesprochen und gesagt, dass sie mich gerne zu einem Probetraining einladen würden. Das habe ich gemacht, es waren mehrere Einheiten. Gemeinsam mit meinen Eltern habe ich dann beschlossen, zur neuen Saison zum FC Bayern zu wechseln.

Sie kommen aus Kirchbichl, bis München sind es knapp über 100 Kilometer. Wie oft sind Sie gependelt?

Die ersten Jahre, in der U11 und U12, waren es zwei, höchsten drei Fahrten pro Woche. Je älter ich wurde, desto häufiger sind wir gefahren. Meine Eltern haben sehr viel auf sich genommen, um mir das zu ermöglichen, dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Für sie und mich war klar, dass ich die Schule in Österreich beende. Deshalb bin ich nicht ins Internat gezogen und habe erst nach dem Schulabschluss eine Wohnung in München genommen.

Sie sind jetzt 22 Jahre alt und haben zehn Jahre beim FC Bayern gespielt, also fast die Hälfte Ihres Lebens. Wie hat Sie der Klub geprägt?

Ich habe von der U11 bis zu den Profis jede Mannschaft durchlaufen und kenne den Klub wirklich gut. Es war eine schöne, intensive Zeit, ich habe noch viele Freunde beim FC Bayern. Es ist ein besonderer Verein.

War es nach der langen Zeit schmerzhaft, als es am Ende doch nicht ganz gereicht hat?

Wenn man sein halbes Leben an einem Ort verbringt, ist ein Abschied immer schwierig. Und natürlich war ich am Anfang traurig und habe es schade gefunden, dass es so ist. Aber im Leben gibt es Veränderungen, Leben ist Veränderung. Ich habe schnell nach vorne geschaut und mich auf das gefreut, was dann kam.

Wenn Sie zurückblicken: Hätte es in München auch anders laufen können?

Der FC Bayern gehört zu den besten Klubs der Welt, das macht es für junge Spieler automatisch extrem schwer, sich durchzusetzen. Es gab damals Gespräche mit dem FC Bayern und es war klar, dass ich als junger Spieler Spielpraxis brauche. Ich habe dann relativ schnell entschieden, den Schritt zu wagen, etwas anderes zu machen. Im Nachhinein bin ich glücklich, dass ich die Entscheidung sehr früh getroffen habe.

Karl-Heinz Rummenigge hat im Interview mit dem WESER-KURIER gesagt, dass es die richtige Entscheidung von Ihnen gewesen sein, zu Werder zu wechseln und Sie stolz auf sich sein können. Sind Sie das?

Auf jeden Fall bin ich das. Jeder Fußballer, der es zum Profi geschafft hat, kann und sollte das sein. Schaue ich auf die ganzen Jahre zurück, wie es angefangen und sich entwickelt hat, welche Entscheidungen ich getroffen habe, bin ich sehr glücklich darüber, wo ich jetzt bin.

Es gibt ein Foto aus Ihrer Jugend zusammen mit David Alaba. Er ist Österreicher wie Sie, hat mit Ihnen beim FC Bayern gespielt. Auf dem Foto ist ein Altersunterschied, es sind sechs Jahre, zu erkennen. War er ein Mentor für Sie?

Am Anfang war er in erster Linie für mich als Freund da. David ist zur selben Zeit wie ich aus Österreich nach München gekommen. Er hat damals schon recht schnell bei den Profis mittrainiert. Über die Jahre habe ich durch ihn gelernt, wie ein Leben als Profi ausschaut. Welche Arbeit ich investieren muss, um das zu erreichen. Mit der Zeit haben wir immer häufiger über meine Art zu spielen gesprochen, David hat sich damals einige meiner Spiele angeschaut. Es war schön mit ihm einen guten Freund zu haben, der das erreicht hatte, was ich erreichen wollte.

Sie sind immer noch eng befreundet?

David ist einer meiner besten und engsten Freunde, wir haben mehrmals in der Woche Kontakt.

Dann können Sie uns verraten, ob er beim FC Bayern verlängert oder den Klubs verlässt?

Das ist eine Frage, die David beantworten muss. Er fühlt sich sehr wohl in München und weiß, was er an dem Klub hat. David wird für sich die richtige Entscheidung treffen – wie die ausschaut, kann ich nicht sagen.

Wie Alaba auch, haben Sie zunächst linker Verteidiger gespielt, bevor Sie in die Innenverteidigung gerückt sind. Tauschen Sie sich über die Art, eine bestimmte Position auszufüllen, aus?

In erster Linie geht es um unser Privatleben. Zu meiner Münchner Zeit haben wir häufiger darüber gesprochen, auch nach meinen ersten Spielen in Bremen. Da hat er mir gesagt, wie er in gewissen Situationen handelt. Heute geht es relativ wenig um Fußball.

Kommen wir zum Spiel am Sonnabend gegen die Bayern. Mittlerweile hat Werder eine Serie von 22 Niederlage hingelegt. Können Sie das ausblenden oder nehmen Sie das als Rucksack mit ins Spiel?

Das kann ich problemlos verdrängen. Ich habe noch nicht oft gegen den FC Bayern gespielt, deswegen interessieren mich solche Statistiken nicht. Bayern ist klarer Favorit, das lässt sich nicht bestreiten. Aber wir werden einen Plan entwickeln, damit diese Serie reißt.

Die vergangene Saison war mit drei Titeln beeindruckend, es geht aber genauso beeindruckend weiter. Wie lässt sich diese konstante Mannschaft erschüttern?

Sie haben einen extrem engen Kalender und spielen fast jeden dritten Tag. Dadurch gibt es auch Tage wie der gegen Hoffenheim, als sie 4:1 verloren haben. Da funktioniert dann eben mal nicht alles. Insgesamt ist die Überlegenheit, mit der sie die drei Titel gewonnen haben, einzigartig. Wir brauchen schon einen absoluten spitzen Tag, um zu bestehen.

Beim 0:6 Deutschlands gegen Spanien standen fünf Bayernspieler in der Startelf. Wirkt so ein Debakel nach?

Schwer zu sagen. Es kann nachwirken, kann sie aber auch extra motivieren. Eine Partie, bei der sie so verdient unter die Räder kommen, erleben Bayernspieler ganz selten in ihrer Karriere. Andererseits war es die Nationalelf, im Verein läuft es anders.

Sie werden es voraussichtlich auch mit Robert Lewandowski zu tun bekommen, den viele Experten aktuell als besten Fußballer der Welt sehen. Wie stoppt man ihn?

Er ist ein Killer im Strafraum, einer, den man 90 Minuten im Blick haben muss. Verliert man ihn aus den Augen, reicht ihm meist eine Chance, um zu treffen. Alle müssen helfen, auch die Spieler vor der Kette müssen hellwach sein, sonst wird es schwer, seine Qualitäten zu verteidigen.

Es ist noch nicht absehbar, wie sich die Saison für Werder entwickelt. Der Start war gut, jetzt kommen aber viele starke Gegner. Wo sehen Sie Werder mittelfristig?

Wichtig war, dass wir zu Beginn gepunktet haben nach der vergangenen Saison. Wir haben im Sommer Spieler verloren, die sehr wichtig für die Mannschaft waren. Da dauert es eine Zeit, bis sich alles gefunden hat. Gegen Bayern, Leipzig und Dortmund sind wir Außenseiter, aber es kommen auch noch Mainz, Wolfsburg und Stuttgart. Ich mache mir keine Sorgen um uns, ich bin zuversichtlich.

Zuversichtlich heißt, dass es am Ende nicht wieder eine Zittersaison wird wie die vergangene?

Das heißt, dass wir eine ordentliche Saison spielen. Auf gar keinen Fall wollen wir erleben, was wir vergangene Saison erlebt haben. Dafür müssen und werden wir alles reinhauen.

Sie haben das Restprogramm aufgezählt, es sind noch sechs Spiele bis zur Winterpause. Aktuell sind es zehn Punkte – wie viele sollen bis Weihnachten noch hinzukommen?

Wir haben noch sechsmal die Chance, Punkte zu sammeln. Ich würde mich freuen, wenn wir die zehn Punkte bis Weihnachten verdoppeln. 20 wären schön!

Es wird viel über die Attraktivität des Werderfußballs diskutiert. Wie empfinden Sie das?

Das habe ich mitbekommen. Es ist auf keinen Fall alles schlecht, was wir spielen. In den vergangenen Wochen war es nicht immer unser Spielstil, aber es war das wichtigste zu Beginn der Saison, Punkte zu holen. Wir konnten die vergangene Saison ja nicht einfach so aus den Köpfen bekommen und sofort wieder attraktiven Fußball spielen. Punkte bedeuten Selbstvertrauen und damit kommt das Selbstverständnis.

Ein dreckiger Sieg gegen Bayern wäre demnach okay?

Absolut! Und wenn er noch so glücklich wäre, wäre mir das völlig egal.

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