Dieter Eilts im Interview „Ein starker Sechser ist wichtig"

Besonders gespannt ist Dieter Eilts auf Maximilian Eggestein. Im Interview erklärt der Ehrenspielführer, was das Bremer Spiel für die nötige Stabilität braucht und wie seine Erwartungen an Milot Rashica sind.
12.09.2020, 19:59
Lesedauer: 6 Min
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„Ein starker Sechser ist wichtig
Von Christoph Sonnenberg

Herr Eilts, sieben Siege aus sieben Testspielen. Welchen Wert haben solche Erfolge der Vorbereitung für eine Prognose zur Saison?

Dieter Eilts: Nicht nur die Ergebnisse sprechen für eine gute Vorbereitung, die Leistungen ebenfalls. In diesen Spielen war zum einen zu sehen, dass die Defensive sich stabilisiert hat. Es waren aber auch Tore dabei, die wunderbar herausgespielt worden sind. Und es sind Automatismen zu erkennen, vieles sieht eingespielt aus. Siege geben Selbstbewusstsein. Dass es kaum Verletzte gibt im Gegensatz zum vergangenen Jahr ist positiv. So kommen viele, viele gute Aspekte zusammen in dieser Phase, die Mut machen. Dass die Bundesliga aber etwas ganz anderes ist, wissen alle Verantwortlichen selbst.

Wenn Sie sich an Ihre Zeit als Profi erinnern: Folgten auf gute Vorbereitungen eine gute Saison oder war es besser, wenn nicht gleich alles rund lief?

Das war sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an, ob alle Spieler zum Ligastart einsatzfähig und fit sind. Und welche Gegner in den ersten Spielen auf dem Programm stehen. Trotzdem hilft es, in der Vorbereitung Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein zu sammeln.

Ist ein guter Saisonstart wichtig, um nicht sofort wieder negative Gedanken zu bekommen?

Abgesehen davon, dass ein guter Start immer wichtig ist, könnte in dem Fall einer Niederlagenserie zu Beginn die Frage in den Köpfen der Spieler auftauchen: Geht das jetzt schon wieder los?

Viele ältere Spieler wie Pizarro, Bartels, Bargfrede, Sahin oder Langkamp sind weg, gekommen sind bisher überwiegend junge Spieler. Ein notwendiger Schritt für eine neue Teamstruktur oder eher nicht?

Werder hat sich zu dem Schritt entschlossen, wieder vermehrt auf junge Spieler zu setzen. Junge Spieler machen oftmals eher Fehler als erfahrene. Wichtig ist, dass ältere Spieler, die es ja immer noch gibt bei Werder, dann Hilfe leisten. Dass sie anleiten, verbal Stellungshilfe geben, dass sie führen auf dem Platz. Es wird sich eine neue Hierarchie bilden, in erster Linie über Leistung. Dass überwiegend junge Spieler nachrücken bedeutet eine neue Ansprache und Sprache in der Mannschaft. Das tut gut, denke ich.

Bisher sind drei neue Spieler gekommen: Felix Agu, Patrick Erras und Tahith Chong. Sind das Verstärkungen oder eher Ergänzungen?

Alle drei sind noch entwicklungsfähig und haben ihr Leistungszenit noch nicht erreicht. Ich sehe sie aktuell noch nicht als Verstärkungen an. Wie weit sie schon sind, wird man erst in den Pflichtspielen sehen. Am weitesten ist Erras, er ist aber auch der erfahrenste. Agu hat mit Augustinsson ein schönes Brett vor sich, ihn zu verdrängen ist nicht einfach. Auch bei Chong geht es darum, sich gegen arrivierte Spieler durchzusetzen. Es wird spannend sein zu sehen, wie weit sie schon sind.

Gibt es einen Spieler, der Ihnen besonders ausgefallen ist?

Patrick Erras macht das sehr ruhig, souverän und konzentriert. Sein Spiel ist diszipliniert, trotzdem hat er schöne Pässe in die Tiefe im Repertoire wie vor dem 2:0 von Johannes Eggestein gegen Groningen. Das gefällt mir gut. Erras könnte auch ein wichtiger Faktor bei Standards gegen Werder sein, weil er durch seine Größe eine gute Präsenz hat.

Vergangene Saison haben fast alle Bremer Spieler enttäuscht, fast alle von ihnen sind noch da. Gibt es jemanden, auf dessen Entwicklung Sie besonders schauen?

Da gibt es mehrere Spieler. Bei Maximilian Eggestein bin ich gespannt, wie er nach der für ihn nicht zufrieden stellenden Saison zurechtkommt. Auch auf die Entwicklung von Marco Friedl. Er zeigt wirklich gute Ansätze in der Rolle des Innenverteidigers und scheint dort deutlich besser aufgehoben als auf der Außenbahn. Und auf Nick Woltemades bin ich neugierig, wenn er denn zum Einsatz kommt. Und natürlich bin auf Milot Rashica. Was passiert, wenn er bleibt? Wie präsentiert er sich dann?

Rashica hat sich frühzeitig zu einem Wechsel nach Leipzig positioniert, bei Frank Baumann klang es im Juli so, als sei der Wechsel fast perfekt. Nun sieht es aus, als würde Rashica bleiben. Hat es Folgen, wenn ein Spieler gedanklich bereits weg ist und dann scheitert ein Transfer doch noch?

Er hat einen Vertrag, deshalb denke ich das nicht. Ich hoffe und gehe davon aus, dass er Profi genug ist und das abschütteln kann. Und dass er dem Verein, der ihn nicht haben wollte, beweisen will, dass sie das Geld in ihn besser doch investiert hätten. Umgekehrt werden die Vereine, die ihn haben wollten, genau schauen, wie Rashica mit einer solchen Situation umgeht, ob er sich professionell verhält. Es würde dann ja auch darum gehen, sich im nächsten Jahr für Vereine interessant zu machen.

Ein möglicher Wechsel ist seit Monaten Thema. Hinterlässt so etwas im Verhältnis zu den Mitspielern Spuren, wenn es am Ende eines langen Hickhacks nicht klappt?

Sie werden froh sein, einen sehr guten Spieler zu behalten, der immer wieder den Unterschied ausmachen kann.

Nick Woltemade zögert bei der Vertragsverlängerung, was für Unruhe bei Werder sorgt. Er will zunächst seine Perspektive abwarten. Ist das legitim?

Zu schauen und abzuwarten, wie seine Entwicklung läuft, welche Rolle er im Kader spielt, ist völlig legitim. Wenn er dann das Gefühl hat in Bremen richtig zu sein und die Entwicklung seinen Vorstellungen entspricht, wird es sicherlich wieder Gespräche geben. Es gibt ja auch die umgekehrte Situation, dass der Spieler gerne möchte und der Verein zögert und wartet eine Entwicklung ab. Es ist eine also eine völlig normale Situation im Fußball.

Ein „Weiter so“ sollte es nach der vergangenen Saison nicht geben, einige Veränderungen in und um die Mannschaft sind erfolgt. Reichen Ihnen die Neuerungen?

Das darf man nicht nur an Personen messen, auch die Art und Weise der Arbeit zählt dazu. Es scheint Veränderungen gegeben zu haben im Trainingsbetrieb, den Abläufen, den Trainingsformen. Aber letztlich ist es egal, wo und wie viele Veränderungen es gegeben hat, es geht nur darum, erfolgreich zu sein. Danach wird man es beurteilen.

Was für eine Saison steht Werder bevor?

Das hängt davon ab, wie schnell die Mannschaft zueinander findet und ihren Rhythmus findet. Wie schnell die jungen Spieler sich weiterentwickeln und zu echten Verstärkungen werden. Sie scheinen schon alle auf einem guten Weg zu sein und es gibt auf einigen Positionen schon große Konkurrenzkämpfe, die sich jeder Trainer wünscht: Jedes Wochenende die schwere Aufgabe zu haben, elf Spieler für die Startformation zu finden.

Schaut man auf die ersten 15, 16 Spieler des Kaders der vergangenen Saison, hat es kaum Veränderungen gegeben. Sollte das dazu führen, dass die Mannschaft eingespielter und folglich stabiler ist?

Eigentlich ja. Abzuwarten bleibt, wie die Innenverteidigung aussieht. Dort gab es ja die einzigen kleineren Probleme mit Verletzungen bei Niklas Moisander, Milos Veljkovic oder Ömer Toprak. Da war kaum Zeit, Pärchen zu finden. Ich bin gespannt, wie schnell da eine vermeintliche Stammformation zusammenfindet. Wichtig wird auch ein starker Sechser sein, der für die richtige Balance und Stabilität sorgt.

Vor den letzten beiden Spielzeiten wurden konkrete Ziele ausgegeben, jeweils das Erreichen der Europa League. Braucht diese Saison auch ein benanntes Ziel?

Da muss man unterscheiden zwischen intern und extern. Innerhalb der Mannschaft werden Ziele ausgegeben, da bin ich sicher. Dass die öffentlich formuliert werden, denke ich eher nicht. Vergangenes Jahr war es ein sehr hohes Ziel, und sie haben auf die Glocke bekommen dafür, es nicht erreicht zu haben. Deswegen denke ich, dass sie jetzt etwas vorsichtiger an die Geschichte herangehen.

Geschäftsführung und Mannschaft haben sich auf einen weiteren Gehaltsverzicht geeinigt. Ist das ein gutes Zeichen?

Es ist ein gutes Zeichen, dass sich die Spieler der Situation im Verein bewusst sind und dort auch versuchen zu helfen. Ich freue mich, dass sie sich so schnell geeinigt haben, weil ich aufgrund einiger Berichte befürchtet habe, dass die Fronten verhärtet sind und diese Diskussion mit in die Saison genommen wird. Das wäre kein gutes Zeichen gewesen.

Frank Baumanns Vertrag läuft nächstes Jahr aus. Bei wichtigen Spielern oder dem Trainer würde das für Unruhe sorgen. Sollte die vertragliche Situation zeitnah geklärt sein?

Frank ist in vielerlei Hinsicht entspannt. Siehe die Transfers, die er oft noch kurz vor Toresschluss macht. Ihn belastet das ganz sicher nicht. Wenn der Verein Planungssicherheit haben will, haben sie die Möglichkeit mit Frank zu sprechen.

Das Gespräch führte Christoph Sonnenberg.

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