Werders Workshop zu strittigen Fußball-Themen

„Die Grundlage ist Profitmaximierung"

Mit Fanvertretern hat Werder einen Workshop veranstaltet und eine Positionierung zu strittigen Themen des Fußballs erarbeitet. Es geht um die Zukunft des Fußballs - und um die Entfremdung von den Fans.
10.11.2020, 11:18
Lesedauer: 9 Min
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„Die Grundlage ist Profitmaximierung
Von Christoph Sonnenberg
„Die Grundlage ist Profitmaximierung"
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Frau Düvelsdorf, Herr Hess-Grunewald, Werder hat zum Austausch mit Fans und Fangruppierungen einen Workshop veranstaltet. Was war der Anlass?

Hess-Grunewald: Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich beim kritischen Blick auf den Profifußball seitens der Fans einiges entwickelt. Bundesweit haben sich viele Initiativen zusammengetan, sich unter dem Namen „Unser Fußball“ vereint und sich mit der Zukunft des Profifußballs beschäftigt. Diese Diskussionen sind auch bei uns angekommen. Daraufhin haben wir uns mit der Geschäftsführung und der Fanbetreuung zusammengesetzt und überlegt, welche Positionen wir vertreten. Diese Positionierung wollten wir mit den Fans diskutieren und haben Ende August einen Workshop durchgeführt.

Verein oder Fans – von welcher Seite kam der Anstoß, gemeinsam zu diskutieren?

Hess-Grunewald: Unsere Fanbetreuung hat uns signalisiert, dass es bei unseren Fans zu vielen aktuellen Zukunftsthemen eine hohe Sensibilität und den Wunsch nach Veränderung gibt. Dass dieser Wunsch inzwischen eine gewisse Wucht angenommen hat und es den Bedarf eines Austausches gibt um zu erfahren, wie Werder dazu steht. Gleichzeitig wollten wir unsere Positionierung mit unseren Fans teilen. Dies haben uns die Mitglieder unseres regelmäßig tagenden Fanbeirates ebenfalls vermittelt und dann hat unsere Fanbetreuung den Workshop organisiert.

Wie sind die Fans an Sie herangetreten?

Düvelsdorf: Es gab die bundesweiten Initiativen, in denen auch Teile unserer Fans aktiv mitarbeiten. Da lag es für uns auf der Hand, auch bei Werder ein Gespräch zwischen Verein und Fans zu organisieren. Wir haben dies dann im Fanbeirat angesprochen und sind in die Planungen gestartet.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Teilnehmer des Workshops ausgewählt?

Düvelsdorf: Wir haben gar nicht ausgewählt, das wäre in einer kritischen Auseinandersetzung keine gute Idee. Wir haben die Mitglieder unseres Fanbeirates eingeladen und noch weitere Interessierte. Wer Seitens der Fans teilgenommen hat, haben sie selber bestimmt.

Können Sie die Themen benennen, um die es im Einzelnen ging?

Hess-Grunewald: Der Oberbegriff ist die Zukunft des Profifußballs. Dazu gehört, dass alle einen attraktiven Wettbewerb haben wollen. Die Frage ist, mit welchen Maßnahmen dieser herzustellen ist. Eine andere Verteilung der Fernsehgelder ist eine Möglichkeit. Derzeit bekommt der Erste in der Bundesliga – alle Einnahmen zusammengerechnet – zehnmal so viel wie der Tabellenletzte. Eine andere Möglichkeit sind Salary Caps, also Gehaltsobergrenzen in unterschiedlichen Ausprägungen. Auch Financial Fair Play ist – wenn es konsequent angewendet wird - ein Instrument, um die ungleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen hinsichtlich von Geldgebern, die ohne Kontrolle und Gegenleistung Mittel zur Verfügung stellen, zu reglementieren. Thema war aber auch die Verantwortung des Fußballs.

In welchem Sinn?

Hess-Grunewald: Im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung. Es gibt eine Entfremdung zwischen dem Fußball und seinen Fans. Wir müssen aufpassen, dass die Menschen nicht ihre Euphorie und Emotionen verlieren, weil der Fußball sich zu weit von ihrer Lebenswirklichkeit entfernt. Fußball ist Teil der Gesellschaft, dazu gehört ein soziales und gesellschaftliches Engagement. Dazu gehört auch eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Dass die Klubs robuster sein müssen für den Fall finanzieller Einbußen, wie wir sie jetzt durch die Corona-Pandemie erleben. Die Frage ist, wie wir das erreichen können.

Gibt es aus Sicht der Fans Prioritäten, wo Veränderungen am Dringlichsten sind?

Düvelsdorf: Viele dieser angesprochenen Punkte haben für die Fans eine Überschrift: Die Entfremdung zwischen Vereinen und Fans. Viele verstehen den Fußball einfach nicht mehr, weil sich ihre Lebenswirklichkeit extrem weit von der Lebenswirklichkeit des Fußballkosmos entfernt hat. Das lässt sich auf viele Unterpunkte runterbrechen. Die horrenden Gehälter oder Beraterhonorare, die gezahlt werden. Sie sind unfassbar weit entfernt von dem Kontostand der Menschen, die in den Kurven der Stadien stehen. Aber auch praktische Punkte, Anstoßzeiten zum Beispiel, die sich nur nach den besten Fernsehzeiten richten. Die Grundlage vieler Entscheidungen ist Profitmaximierung. Vieles im Fußball hat sich so weit aus der Welt der Fans entfernt, dass sie das nicht mehr nachvollziehen können und wollen. Das ist der elementare Punkt.

Es hat sich sehr viel Unmut aufgestaut?

Düvelsdorf: Es geht auch um die Angst, den Fußball zu verlieren. Fans wollen als Teil des Ganzen verstanden werden. Sie wollen sehen, dass auch ihre Bedürfnisse eine Rolle spielen und sie nicht ausschließlich als Konsumenten verstanden werden.

Ende Juli hat der FC St. Pauli in Zusammenarbeit mit Fangruppierungen ein Positionspapier mit Reformideen veröffentlicht, wie ein anderer Fußball möglich sei. Gibt es ein solches Papier auch bei Werder?

Hess-Grunewald: Wir haben ein Papier verfasst. Und wir haben festgestellt, dass es einige Parallelen in der Positionierung von St. Pauli und uns gibt. Das haben auch unsere Fanvertreter festgestellt.

Sind die Ansichten Werders und der Fans auf den Fußball ähnlich oder sehr unterschiedlich?

Hess-Grunewald: Wir haben festgestellt, dass beide Seiten sehr Vieles ähnlich kritisch sehen. Es war schon überraschend, wie groß die Schnittmengen sind.

Wie haben die Fanvertreter das empfunden?

Düvelsdorf: Sie waren ähnlich überrascht, dass in vielen Bereichen die Positionen gar nicht so weit auseinanderliegen. Viele haben im Vorfeld gedacht, die Geschäftsführung von vielen Standpunkten überzeugen zu müssen, für sie kämpfen zu müssen – und dann gab es in vielen Punkten Einigkeit. Da war eine große Erleichterung zu spüren. Eine Aussage beim Verlassen des Workshop-Raumes werde ich nicht vergessen: „Ich habe mich ein zweites Mal in Werder verliebt."

Gab es im Vorfeld die Befürchtung, der Verein habe in vielen Punkten eine andere Haltung?

Düvelsdorf: Das würde ich gar nicht nur auf Bremen beziehen. Die Unterbrechung durch den Lockdown im Frühjahr und den Willen des Fußballs, unbedingt weiterspielen zu wollen, war für viele Fans eine Bestätigung ihrer jahrelangen Kritik: Es ist zu viel Geld im Spiel, es geht immer nur um Kommerz, die Nähe zu den Fans geht verloren. Plötzlich schien ja der Wettbewerb in Gefahr, nur weil drei Spiele nicht gespielt werden.

War dieser Workshop ein loser Austausch, oder wurden Beschlüsse für ein weiteres Vorgehen gefasst?

Düvelsdorf: Es wurden Positionen ausgetaucht, verglichen und die Geschäftsführung gebeten, besprochene Positionen in die bundesweiten Diskussionen mitzunehmen. Es wird sicher eine weitere Runde geben, wenn die von der DFL initiierte „Taskforce Zukunft Profifußball“ erste Ergebnisse vorstellt. Alle waren sich einig, weiter in der Runde im Dialog bleiben zu wollen. Außerdem tagt weiterhin regelmäßig der Fanbeirat. Hier werden diese Themen – bei neuerlichen Entwicklungen – weiter diskutiert.

Gibt es, abgesehen vom FC St. Pauli, weitere Klubs, die einen ähnlichen Austausch mit ihren Fans betreiben?

Düvelsdorf: Ich weiß, dass bei einigen anderen Klubs ebenfalls in den jeweiligen Dialogstrukturen über diese Themen gesprochen wurde.

Die Probleme des Fußballs, die Sie angesprochen haben – fehlende Spannung in der Bundesliga, ungerechte Verteilung der Fernsehgelder, mangelhafte Umsetzung des Financial Fair Play –, sind nicht neu, es wird seit Jahren darauf hingewiesen. Verändert hat sich bisher nichts. Ist die aktuelle Krise des Fußballs ein guter Moment, tatsächlich etwas zu verändern?

Hess-Grunewald: Ich denke schon, dass durch die Unterbrechung des Spielbetriebs aufgrund der Corona-Pandemie und die deutliche Kritik am Verhalten der DFL eine Situation entstanden ist, die allen vor Augen geführt hat, dass man sich dem kritischen Dialog stellen muss. Es gab ja durch den DFL-Vorsitzenden Christian Seifert ebenfalls Kritik am Fußball, als er beispielsweise das Gebaren der Berater angeprangert hat. Und er die Frage gestellt hat, was der Fußball falsch gemacht hat, wenn er so kritisiert wird. Die Rahmenbedingungen für Veränderungen haben sich deutlich verbessert. Ob es tatsächlich dazu kommt, dafür gibt es keine Garantie. Es gibt ja auch Beteiligte, die am gegenwärtigen Zustand nicht viel ändern wollen.

Sehen Sie Skepsis der Fans gegenüber der DFL und dem DFB oder gibt es Optimismus, dass Veränderungen möglich sind?

Düvelsdorf: Das Vertrauen in die Verbände und die Hoffnung, dass Forderungen umgesetzt werden, ist in den vergangenen Jahren aus Sicht der Fans oft enttäuscht worden. Dass sich jetzt sehr viel ändert, darauf vertraut deshalb kaum jemand. Sie schauen sich das mit Vorsicht an. Seit dem Frühjahr haben viele Fans sehr viel auf die Beine gestellt um zu erklären, was ihre Anliegen sind. Sie haben sehr ernsthaft und professionell an diesen Themen gearbeitet. Sie haben alles rausgehauen, was geht, Alternativen aufgezeigt. Das sagt mir, dass sie ein allerletztes Mal versuchen zu überzeugen, dass der Fußball nur gemeinsam gerettet werden kann. Das hört sich pathetisch an, aber naiv sind die Fans nicht. Ich warne davor, dass die Enttäuschung riesengroß sein kann, wenn man ihre Anliegen nicht ernst nimmt und keinen Willen zu Veränderungen zeigt. Sonst verliert der Fußball seine Fans. Und das sind dann nicht nur aktive Fans, sondern auch die nichtorganisierten Fans.

Gibt es von der DFL oder dem DFB Reaktionen, die darauf schließen lassen, dass sie künftig die Interessen der Fans stärker berücksichtigen wollen?

Hess-Grunewald: Allein die Besetzung der „Taskforce Zukunft Profifußball“ zeigt, dass man kritischen Fanvertretern ein Forum gibt und sie miteinbezieht. Das ist ein wichtiges Zeichen.

Beschlussbefugnis hat diese Task Force nicht. Besteht die Gefahr, dass sie am Ende nur ein Feigenblatt ist?

Hess-Grunewald: Christian Seifert hat sehr klare Kritik am modernen Fußball geäußert. Auch die Idee dieser Task Force stammt von ihm. Dass sich der Fußball diesem Diskurs stellt, ist ein Novum. Und wenn da Impulse kommen, kann die DFL diese nur schwer ignorieren.

Weil der Ruf nach Veränderungen immer lauter und massiver wird, kann sich die DFL dem gar nicht widersetzen?

Hess-Grunewald: Die DFL ist gut beraten ein deutliches Zeichen zu setzen, dass sie die gesellschaftliche Kritik und die Impulse wahrgenommen hat und Veränderungen auf den Weg bringt. Sie sollte das Signal senden: Wir haben verstanden, die Botschaft ist bei uns angekommen! Das wäre ganz wichtig. Es wäre fatal, wenn am Ende alles bliebe wie es ist. Dann hätte der Fußball eine große Chance vertan und würde Gefahr laufen, viele Fans zu verlieren. Das kann niemand wollen.

Bisher steht der Fußball nicht unbedingt für Veränderungen. Und wenn, waren sie zumeist dem Kommerz unterworfen. Was würde passieren, wenn am Ende doch alles weiter läuft wie bisher?

Düvelsdorf: Wenn sich nichts verändert, wird es nicht normal weitergehen. Dann werden viele enttäuschte Menschen, die über Jahre viel investiert haben in Fankultur, in Fanpolitik, in soziales Engagement, Menschen, die wichtig sind für den Fußball, ihren Glauben an diesen Sport verlieren. Das darf nicht passieren!

Hess-Grunewald: Ich teile diese Sorge. Man muss sich klar machen was es bedeutet, wenn Menschen sich abwenden. Uns wurde in der Vergangenheit, wenn wir die kritischen Entwicklungen in der DFL thematisiert haben, entgegengehalten, dass die Stadien voll sind, dass die Fernsehgelder stetig zunehmen, dass der Fußball boomt. Abwenden heißt nicht, dass die Fans abrupt das Interesse verlieren. Sie werden kritischer, kommen nur noch manchmal ins Stadion, sie nehmen sich emotional zurück, sind nicht mehr mit vollem Herzen dabei. Das wäre der Beginn einer Erosion. Die Unterstützung, die hohe Identifikation, würde verloren gehen, denn Fansein beginnt im Herzen. Hier in Bremen hat genau das uns häufig getragen, denken wir an 2016 und die „Green White Wonderwall". Bilder wie diese würden wir dann nicht mehr haben. Das macht mir Sorgen.

Wir sprechen über den Wunsch der Fans nach Mitspracherecht bei der Gestaltung des Fußball. Gilt das für die Werder-Fans bei Werder auch? Wünschen sie einige hier im Verein mehr Gestaltungsmöglichkeiten?

Hess-Grunewald: Wir haben einen Fanbeirat, in dem wir kritische Themen und die Sicht der Fans diskutieren. Es gibt die Möglichkeit, in den Vereinsgremien mitzumachen. Unsere Vereinssatzung gibt es her, sich beispielsweise für den Aufsichtsrat zur Wahl zu stellen, auch wenn das kein einfacher Weg ist.

Düvelsdorf: Das Angebot ist da. Wir haben den Fanbeirat vor zehn Jahren gemeinsam mit den Fans aufgebaut und diesen vor ein paar Jahren nach Änderungswünschen der Mitglieder in der Struktur auch noch mal angepasst. Das ist ein faneigenes Gremium und dort können selbstverständlich auch immer weitere Alternativvorschläge eingebracht werden. Diese werden dann in der Runde diskutiert. Auch wir als Fanbeauftragte stehen jederzeit zur Verfügung, um mögliche Anliegen vorzubringen.

Info

Zur Person

Julia Düvelsdorf (42)

ist seit August 2010 Leiterin der Fanbetreuung des Vereins und Mitglied des Sprecherrates der Fanbeauftragten.

Hubertus Hess-Grunewald (60)

ist Präsident des SV Werder und Mitglied der Geschäftsführung. Der Jurist war von 1999 bis 2014 Teil des Aufsichtsrates.

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