Bremen

Auf der digitalen Welle

Es ist ein noch recht junges Unternehmen, das in manches staubige Lager frischen Wind bringen will. In nur zwei Jahren ist Ubimax nach eigenen Angaben zum Weltmarktführer geworden.
09.02.2017, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Von Von Thomas Walbröhl
Auf der digitalen Welle

Björn Portillo, Vorstand Bremen Digitalmedia

Michael Galian

Es ist ein noch recht junges Unternehmen, das in manches staubige Lager frischen Wind bringen will. In nur zwei Jahren ist Ubimax nach eigenen Angaben zum Weltmarktführer geworden. Das Unternehmen liefert die Software dafür, dass Logistik- und Industrieunternehmen Augmented-Reality-Brillen im Lager, beim Transport oder aber für Service und Wartung von Maschinen und Anlagen nutzen können. Märkte für die Produkte sind Europa, die USA und Deutschland – und alles begann in Bremen.

Ubimax profitiert davon, dass sich Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in immer mehr Lebensbereichen und Branchen ausbreitet. Die Digitalisierung nimmt Fahrt auf. Auch in Bremen liefert die IT-Branche wichtige Technologien. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) geht noch etwas weiter. „Die IT-Branche trägt maßgeblich zu unseren Spitzenpositionen in der Logistik oder der Luft- und Raumfahrt bei.“ Bremen biete gute Rahmenbedingungen für Unternehmen der IT-Branche und belege eine bundesweite Spitzenposition beim Ausbau des Breitbandnetzes. „Bremen surft auf der IT-Welle ganz weit vorne mit“, sagt Günthner.

Dass Bremen für die Digitalisierung gute Chancen hat, attestiert auch der Digitalisierungskompass des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos. Ob sich diese Prognosen aber erfüllen, hängt letztlich davon ab, wie sich Unternehmen aufstellen, der Transfer wissenschaftlicher Innovationen gelingt und auch, ob genug Personal verfügbar ist.

Peter Kaiser ist bei Prognos zuständig für regionale Prognosen und Investitionen. Im Konferenzraum der Bremer Zweigstelle des Wirtschaftsforschungsinstituts fasst er Bremens schwieriges Erbe zusammen: Verschuldung der öffentlichen Haushalte, viele Arbeitslose, hohe Kosten durch den Strukturwandel. „Aber Bremen ist besser aufgestellt, als man es in der Wahrnehmung von außen sehen würde“, sagt Kaiser. Dazu trage die gute Versorgung mit IT-Fachkräften durch die Hochschulen bei. Auch gebe es ausreichend öffentlich geförderte Stellen, die den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verbessern, insgesamt sei Bremen für die Digitalisierung gut aufgestellt. „Da liegt Bremen auf Augenhöhe mit Städten wie Hannover und Bonn, aber noch vor Städten wie Dortmund oder Essen“, sagt Kaiser.

Zur IKT-Branche zählen Unternehmen, die Produkte wie beispielsweise Computer produzieren, solche, die damit handeln, und Dienstleister. Nicht darunter fallen Unternehmen, die zwar stark mit Informationstechnologie arbeiten, aber nicht schwerpunktmäßig ihre Erträge in diesem Bereich erwirtschaften, wie etwa Banken. Nach Angaben der Handelskammer Bremen waren 2016 in der Stadt im Wirtschaftszweig ITK rund 8700 Menschen beschäftigt – zehn Prozent mehr als 2008. 6000, also rund drei Viertel der Beschäftigten sind im Bereich ITK-Dienstleistungen beschäftigt; genauso viele wie in der Nahrungsmittelindustrie. Die Umsätze, die mit IT-Dienstleistungen erwirtschaftet werden, lagen im Land Bremen nach Angaben des Branchenverbands

Bremen Digitalmedia 2014 bei rund 519 Millionen Euro, rund ein Drittel mehr als noch 2009. Demnach erwirtschaften die Dienstleister zusammen mit anderen Digital- und Kreativunternehmen Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Im Zeitalter der Digitalisierung sei es vor allem eine gut aufgestellte IT, die Innovationsimpulse für die Region und auch andere Unternehmen setzen könne, sagt Kaiser. Bei der Zahl der IKT Gründungen pro 10 000 Erwerbstätige ist Bremen mit 1,4 genau auf Höhe des Bundesschnitts. Allein aus der Universität Bremen heraus werden jährlich rund 15 IT-Firmen gegründet.

Das Google für Sprache

Eine neue Idee haben Christian Schrumpf und Thorsten Schoop. Mit Spaactor haben sie eine Suchmaschine entwickelt, die auch gesprochene Sprache in Videos und Podcasts durchsuchen kann. Den Spracherkennungs-Algorithmus dafür hat Christian Schrumpf entwickelt. Er hat in der Überseestadt beim Team Neusta seinen Arbeitsplatz. Neusta hält ein Drittel der Anteile an Spaactor und hat dafür Programmierer bereitgestellt.

Schrumpf hätte auch selbst alle Programmierarbeiten machen können, sagt er. „Aber das hätte Jahre gedauert.“ Und so lange wartet die Konkurrenz nicht. Tempo ist angesagt, um schon im Markt zu sein, wenn große Player wie Google
dieselbe Idee umsetzen wollen.

Schrumpf kam mit seinem Informatikdiplom in der Tasche nach Bremen, um an der Universität den internationalen Master Studiengang Digital Media zu studieren. In Bremen habe ihm vor allem sein Netzwerk geholfen, Bekanntschaften aus dem Start-up-Bereich, von Gründertreffen und Kontakte zur Hochschule. „Bremen ist eine schnuckelige Stadt.“ Über kurze Wege und Gründerveranstaltungen könne man nicht meckern. Allerdings dauere ein Eintrag ins Handelsregister in Bremen sehr lange. „Der Investor hatte zugesagt, wollte allerdings erst den Eintrag“, sagt Schrumpf. „Wir mussten dann sechs Wochen warten und konnten erst nicht richtig loslegen. Das ist für Unternehmen natürlich ungeschickt.“

Bislang zähle die Suchmaschine von Spaactor 2000 Anfragen am Tag. Geld verdienen die Gründer noch keins. In den nächsten Monaten will Spaactor zwei Millionen Euro von Investoren einsammeln, um eigene Leute einzustellen. Dann könne man den englischsprachigen Markt angehen und an weiteren Features wie Gesichtserkennung und durchsuchbaren Untertiteln bei Videos arbeiten. So wie bei Google sollen normale Internetnutzer die Kunden sein.

Nach Kaisers Einschätzung werden künftig vor allem aber B2B-Geschäftsmodelle zunehmen, von denen kleinere und mittlere Unternehmen profitieren könnten, aber auch größere, zum Beispiel im Logistikbereich. An der Schnittstelle von IT und Logistik arbeitet Ubimax. Das Unternehmen sitzt ebenfalls in der Überseestadt, im Schuppen 2. Gegenüber rumpeln Lkw bei Kelloggs vom Hof. Im gläsernen Konferenzraum erzählt Hendrik Witt von seinem Werdegang. Witt wurde in Bremen geboren, ging hier zur Schule, studierte Informatik an der hiesigen Universität, promovierte in Bremen und Atlanta in den USA. Nach einer Zeit als Berater schloss er sich mit zwei Kollegen zusammen. Sie entwickeln Software für industrielle Wearable-Computing-Lösungen. Damit wird der industrielle Einsatz von Augmented-Reality-Brillen möglich, die durch eine grafische Darstellung verschiedene Arbeiten in der Industrie leichter und effektiver machen sollen. „Im Lager zum Beispiel ist es von Vorteil, wenn die Arbeiter, die kommissionieren, durch ein Wearable die Hände frei haben“, sagt Witt. „Auch wenn das oft verwechselt wird. Wir stellen keine Brillen her. Unser Kerngeschäft ist Software.“

Kunden weltweit

„Wir haben den Vorteil, dass wir nicht für eine Technologie eine Anwendungsmöglichkeit finden mussten, sondern von Anfang an konkrete Anwendungsprobleme im Blick hatten“, sagt Witt. Diesen Ansatz habe man auch dem EU Projekt „Wearable at Work“ an der Universität Bremen zu verdanken, bei dem er mit forschte. „Wir haben hier in Bremen gute Beziehungen etwa zur Wirtschaftsförderung, die uns unterstützt und an uns geglaubt hat, und zur Universität, wo ich auch Lehrender bin.“

Ubimax hat 40 Mitarbeiter, bis Ende dieses Jahres sollen es 70 sein. Allerdings nicht nur in Bremen, auch in Frankfurt hat das Unternehmen einen Sitz und einen im
Silicon Valley. Diese Standorte seien aber eher vertriebsorientiert. In Bremen findet, wie Witt sagt „das Engineering“ statt, die personalintensive Programmierleistung. „Bislang sehen wir auch keinen Anlass, das zu ändern.“ Hier gebe es noch ein gutes Verhältnis von Angebot und Nachfrage. „Jetzt, wo das Thema aktueller und für die Industrie relevant wird, wird der Bedarf wachsen.“ Es müsste mehr passieren, vor allem bei der konkreten Schwerpunktsetzung an den Hochschulen, sagt Witt.

Der Umsatz liege nach nur zwei Jahren im einstelligen Millionenbereich. Rund ein Viertel davon werde mit Kunden in Deutschland gemacht, ein weiteres Viertel in Amerika, in anderen EU-Ländern die restlichen 50 Prozent.

Und in Bremen? „Null“, sagt Witt. Er schweigt über den Gewinn, aber nicht darüber, dass die Gründer zu Beginn eine sechsstellige Summe an Eigenkapital einbrachten und alle Erträge reinvestierten. Im globalen Wettbewerb sei man in seiner Nische Marktführer. Das nächste Ziel: nach Amerika wachsen. „Der europäische Markt ist reifer, aber der amerikanische größer.“

Der Bedarf an Fachkräften, gemessen an Stellenanzeigen, war auch eines der Kriterien des Digitalisierungskompasses 2016, dessen Zahlen 2015 erhoben wurden. Dabei schaute die Studie aber nicht nur auf Programmierer, sondern auch auf Designer, Mechatroniker und andere Berufsgruppen. Sie werden in der Studie als „Digitale Impulsgeber“ bezeichnet. „In Deutschland richtet sich jede zehnte Ausschreibung an diese Fachkräfte“, sagt Kaiser von Prognos. In Bremen waren es im Jahr 2015 500 Unternehmen, die suchten und insgesamt 7700 Stellen zu besetzen hatten. Der Anteil der Digitalen Impulsgeber an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Hansestadt lag er 2015 mit rund drei Prozent deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 1,4 Prozent. „Ob die Stellen auch besetzt werden konnten, darüber können wir keine Aussage treffen“, sagt Kaiser.

Im Bereich Forschung und Entwicklung sei die Hansestadt auf einem guten Weg. „Bremen hat mit den Bundesmitteln aus dem Länderfinanzausgleich seit den 90er-Jahren richtig gute Dinge gemacht, nämlich Universität und Hochschule weiterentwickelt und spezialisiert.“ Schwerpunkte seien entstanden, die an die Bedarfe der regionalen Wirtschaft anknüpfen.

Informatik und Informationstechnologie sind wissenschaftliche Schwerpunkte an der Universität Bremen. Institute wie das Technikzentrum Informatik, das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz oder das Institut für Informationsmanagement Bremen werden von Professoren geleitet. Die Universität kooperiert mit dem Branchenverband Bremen Digitalmedia, etwa beim dualen Studiengang Informatik, in dem Nachwuchskräfte anwendungsnah für die Wirtschaft ausgebildet werden. Ein Zentrum soll den Wissenstransfer von Wissenschaft und Wirtschaft verbessern und entsprechende Projekte und Kontakte anbahnen.

Digitale Bildung in Schulen

Auch die Hochschule will den Technologietransfer in die Wirtschaft und die bremischen Innovationscluster beschleunigen, zum Beispiel mit dem Projekt Clustra. Damit nimmt sie am Transfer Audit des Stifterverbands teil und bezieht mit ihrem anwendungsorientierten Fächerangebot nach eigenen Angaben etwa jeden dritten Euro an Drittmitteln aus Unternehmen und Verbänden. In Bereichen wie Selbststeuerung logistischer Prozesse, Raumkognition oder Robotik kann die Universität mit Sonderforschungsprojekten und Grundlagenforschung Gelder akquirieren, etwa von der Deutschen Forschungsgesellschaft, EU- oder Bundesmittel. Mit rund zehneinhalb Millionen Euro stammt deutlich mehr als ein Zehntel der Drittmittel der Universität aus Wirtschaftsverbänden und Unternehmen.

2015 gab es über alle Informatik- und verwandten technischen Studiengängen hinweg an der Universität rund 350 Absolventen, von denen nach Schätzungen der Universität zwei Drittel im Nordwesten blieben. An der Hochschule Bremen sind es nach eigenen Angaben rund 130 Absolventen im Jahr. Nach einer eigenen Studie findet annähernd jeder zweite Absolvent nach dem Studium einen Arbeitsplatz in Bremen. Doch nicht nur Akademiker, auch ausgebildete Fachinformatiker sind gefragt. Nach Angaben der Handelskammer sind rund 600 jedes Jahr in Ausbildung.

Aus der Glasfassade im 16. Stockwerk des Weser Towers kann schon mal der Blick über die Dächer der Stadt und die Weser schweifen. Hier schildert Björn Portillo seine Sicht der Dinge. Er ist vorsitzendes Vorstandsmitglied des Bremer IT- und Medienverbands Bremen Digitalmedia, dem 90 Unternehmen der Hansestadt angehören. Hauptberuflich ist Portillo geschäftsführender Gesellschafter der Internetagentur Hmmh, die Teil von Deutschlands größter Digitalagentur-Gruppe Plan.Net, ist.

„Bremen mag vielleicht nicht so hip und fancy sein wie Berlin und andere Metropolen, jedoch gibt es hier viele gute Menschen, die in der Kreativbranche arbeiten und sie vorantreiben“, sagt Portillo. „Die Lebensqualität in der Stadt ist hoch. Es gibt weniger Fluktuation im Arbeitsmarkt als zum Beispiel in Hamburg und dazu sind die Lebenshaltungskosten in Bremen geringer.“

Trotz der guten Voraussetzungen sei es schwer, Fachkräfte von außerhalb für Bremen zu begeistern, berichtet Portillo. Das sei auch ein Kommunikationsproblem. „Immer, wenn sich die überregionale Presse uns schnappt, sind wir die rote Laterne in Sachen Bildung, Pisa und Arbeitslosigkeit – Positives fällt da meistens unter den Tisch.“ Portillo hat mit Hmmh selbst eine Transformation durchgemacht: von der klassischen Werbeagentur, die später für einen Kunden den Katalog auf CD-Rom brachte bis hin zur führenden E-Commerce-Agentur.

Jede Branche werde sich digitalisieren, der Fachkräftebedarf dementsprechend steigen, prophezeit Portillo. „Was Bremen bislang bietet, ist eine gute Basis, die jedoch noch nicht ausreicht.“ Portillo fordert eine stärkere digitale Ausbildung. „Dies muss schon in der Schule beginnen, die so funktionieren sollte wie das richtige Leben.“

Auch Peter Kaiser sieht in Bremen Nachbesserungsbedarf schon bei der normalen Schulbildung, dabei, Erwerbslose wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern, in Sachen digitalisierter Verwaltung und in puncto der Ausweisung bedarfsgerechter Gewerbeflächen und Breitbandausbau im Gigabit-Bereich.

Wie das konkret aussehen kann, daran arbeitet nach eigenen Angaben die Handelskammer. Unter dem Titel „Perspektive 2030“ will sie Empfehlungen für die Innovationspolitik und Digitalisierung am IT-Standort Bremen liefern. Im Laufe dieses Jahres soll dazu mehr bekannt werden.

„Bremen ist eine schnuckelige Stadt.“
„Bremen mag vielleicht nicht so hip und fancy sein wie Berlin, jedoch gibt es hier viele gute Menschen.“
„Wir haben hier in Bremen gute Beziehungen etwa zur Wirtschaftsförderung und zur Universität.“
„Bremen ist besser aufgestellt, als man es in der Wahrnehmung von außen sehen würde.“
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