"Zum Landgrafen" ab Juni Unterkunft 100 unbegleitete Flüchtlinge ziehen ins Hotel

Im Hotel „Zum Landgrafen“ sollen 100 jugendliche Flüchtlinge unterkommen. Der Umbau spaltet die Huchtinger Bevölkerung. Einige äußern ihre Ängste, andere begrüßen die Pläne oder lehnen sie vehement ab.
17.03.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Reiner Haase

Im Hotel „Zum Landgrafen“ sollen 100 jugendliche Flüchtlinge unterkommen. Der Umbau spaltet die Huchtinger Bevölkerung. Einige äußern ihre Ängste, andere begrüßen die Pläne oder lehnen sie vehement ab.

Der Umbau des Hotels „Zum Landgrafen“ nahe dem Stadtrand zu Delmenhorst zu einer Unterkunft für 100 unbegleitete jugendliche Flüchtlinge spaltet die Huchtinger Bevölkerung. In der sehr gut besuchten Sitzung des Stadtteilbeirats in der Roland-zu-Bremen-Oberschule, in der über 200 Stühle nicht für den Besucherandrang reichten, gab es kräftigen Beifall für Wortbeiträge, in denen die Aufnahme der Jugendlichen aus Notunterkünften begrüßt wurde. Etwa gleich laut war der Beifall für Aussagen, in denen Huchtinger Bürger Ängste formulierten oder gar die Pläne des Sozialressorts strikt ablehnten.

Im Beirat selber stand allein Adam Golkontt (AfD) außen vor. Er fürchtete vor allem, dass sich die Sicherheitslage in Huchting verschlechtert. „Huchting ist ein sozialer Brennpunkt. Wir brauchen nicht noch mehr Probleme“, so Golkontt. Die große Mehrheit im Beirat will die Aufnahme der Jugendlichen positiv begleiten. Mit beifälligen Aussagen wurde die Aufforderung Lisa Wargallas aufgenommen, einen Runden Tisch mit Bürgern und Beiratsmitgliedern einzurichten. „Am Thema Runder Tisch müssen wir arbeiten“, sagte auch Ortsamtsleiter Christian Schlesselmann.

Heide Rose, Leiterin der Abteilung Junge Menschen in der Sozialbehörde, berichtete den Huchtingern ausführlich vom Bemühen der Behörde, die letzten 250 provisorisch in Turnhallen untergebrachten Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren in feste Unterkünfte zu bringen, die mit der Ankunft in Bremen in Obhut der Jugendbehörde gekommen sind. Die Nutzung ehemaliger Hotels habe sich wegen der vorhandenen Infrastruktur in den Gebäuden in anderen Stadtteilen bewährt. Als Beispiele nannte sie das Hotel Horner Eiche in Horn und ein ehemaliges Jugendhotel in Hastedt. Rose erinnerte daran, dass der Investor, der das Hotel „Zum Landgrafen“ vor längerer Zeit gekauft hat, mit anderen Plänen nicht zum Ziel gekommen ist. Die Nutzung als Unterkunft für unbegleitete Jugendliche sei für fünf Jahre vereinbart. „Das ist ein überschaubarer Zeitraum“, so Rose.

Mit dem Bezug des Huchtinger Hotels mit einem oder zwei Jugendlichen pro Zimmer soll im Juni begonnen werden. Es soll sich nach und nach etagenweise füllen. Der Betreiber, die in der Betreuung junger Flüchtlinge erfahrene Akademie Lothar Kannenberg, werde für eine Betreuung rund um die Uhr sorgen. Die Räume in der dritten Etagen des Hotels sollen so ausgestattet werden, dass die Jugendlichen das selbstständige Leben trainieren. „Diese Jugendlichen bekochen sich selber“, berichtete Rose. Für die Jugendlichen werde es eine klare Tagesstruktur geben. Wir achten sehr darauf, dass die Jugendlichen in den Sportvereinen und anderen Projekten in den Stadtteilen eingebunden sind“, ergänzte sie.

Der Ortsamtsleiter dankte der Behördenvertreterin für die ausführliche Information der Öffentlichkeit. „Das betrifft Privateigentum. Eine Verpflichtung hätte es nicht gegeben“, stellte er klar. Yvonne Averwerser (CDU) forderte die Behörden auf, die Huchtinger Schulen frühzeitig auf die Aufnahme der Schulpflichtigen unter den jungen Flüchtlingen vorzubereiten. Walter Hamen (BiW) fragte nach, ob angesichts der stark gesunkenen Flüchtlingszahlen seit November die Vertragslaufzeit von fünf Jahren verkürzt werden kann. Das hält Rose für illusorisch. Bremen gebe zwar seit November Jugendliche an Kommunen im niedersächsische Umland ab, sodass zurzeit zehn unbegleitete Jugendliche pro Monat in Bremen bleiben; im Sommer und Herbst 2015 seien es 500 Jugendliche gewesen. Die Behörden gehen aber davon aus, dass die Zahlen wieder steigen: „Zurzeit gibt es einen Flüchtlingsstau“, so Rose.

„Es wird ein islamisches Getto geschaffen“, urteilte AfD-Beiratsmitglied Golkontt. Eine Nachbarin des Hotels befürchtete, dass sie künftig auf den Spaziergang an der Varreler Bäke und auf den Einkauf in der Abenddämmerung verzichten muss. Ein anderer Huchtinger sah voraus, dass die Polizei im Falle eines Zwischenfalles den Weg hinaus an den Stadtrand nicht rechtzeitig schafft. „100 Jugendliche ist eine unmögliche Zahl“, sagte ein Dritter. Behördenvertreterin Rose äußerte Verständnis für Ängste, nannte sie aber unbegründet: Es kommen hoch motivierte und bildungshungrige junge Menschen zu uns.“ Außerdem gebe es klare Absprachen mit der Polizei. Sie räumte ein, dass es bei der Unterbringung unbegleiteter Jugendlicher im Hotel Luley in Strom große Probleme und viele Polizeieinsätze gegeben habe. Dabei habe es sich aber um junge Leute aus einer fest umrissenen Gruppe Jugendlicher aus Nordafrika gehandelt, die den Behörden schon länger Probleme bereitet habe.

Die Anregung, einen Runden Tisch einzurichten, trug eine Hornerin in die Huchtinger Beiratssitzung. Sie bestätigte Roses Aussagen zum guten Verhältnis zwischen den Jugendlichen, die bis vor Kurzem in einer Sporthalle gelebt haben. „Als klar war, dass wir die Sporthalle räumen werden, haben uns die Flüchtlingshelfer aufgefordert, die Jugendlichen auf jeden Fall im Stadtteil zu lassen“, so Rose. Ihr Fazit: „Je näher man drankommt, desto einfacher wird es.“

Die Behördenvertreterin berichtete weiter, dass die Unterbringung von 50 Jugendlichen im ehemaligen Schulgebäude an der Luxemburger Straße Ende April beendet werden soll. Die Jugendlichen ziehen mit ihren Betreuern von der Reisenden Werkschule Scholen in das Alte Zollamt an der Hans-Böckler-Straße um. Es sei offen, ob und wie das Gebäude in Huchting weiter genutzt wird.

Kirsten Kreuzer, Immobilien Bremen, berichtete im Huchtinger Beirat, dass die Turnhalle Delfter Straße Ende März geräumt und dem Sport wieder zur Verfügung gestellt wird. Im Juli werde auf dem Gelände des Amts für Straßen und Verkehr an der Obervielander Straße ein Übergangswohnheim mit Apartments in Containerbauten zur Verfügung stehen. Es biete 135 Plätze und solle fünf Jahre genutzt werden. Auf dem Platz 7 an der Obervielander Straße werde im Dezember 2016 ein Übergangswohnheim mit 280 Plätzen eingerichtet, auch hier mit Apartments in Containerbauten. Die Nutzungsdauer werde auf zehn Jahre begrenzt, danach stünden die Bauten dem Stadtteil für Wohn- und Gewerbezwecke zur Verfügung. „Wir bauen keine tragenden Wände ein. Das erleichtert die Nachnutzung“, erläuterte Kreuzer. Das Containerdorf wird ihr zufolge so platziert, dass auf einer Teilfläche weiter Sport getrieben werden kann. „Wir hoffen, dass der Platz auch für Übungen der Freiwilligen Feuerwehr Huchting bleibt“, betonte Kreuzer.

Beiratssprecher Falko Bries (SPD) stellte fest, dass die Planer von Immobilien Bremen die Anforderungen des Beirats berücksichtigt hätten. Ortsamtsleiter Schlesselmann ergänzte, es sei wichtig, dass die Nutzungszeit begrenzt ist und die Bauten hinterher nutzbar sind.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+