Bauen in sozial schwachen Gebieten Abwanderung soll gestoppt werden: Bremen übernimmt Nebenkosten

Familien, die in einem sozial schwierigen Stadtteil bauen oder eine neue Wohnung kaufen, können künftig Tausende Euros an Notarkosten, Gebühren und sogar die Grunderwerbssteuer zurück bekommen.
02.01.2018, 17:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Kölling

Die Einwohnerstatistik weist immer noch eine Abwanderungswelle junger Familien weg aus Bremen auf. Dem begegnet der Senat jetzt mit einem millionenschweren Förderprogramm: Wer in einem sozial schwierigen Stadtteil baut oder eine neue Wohnung kauft, bekommt Tausende Euros an Notarkosten, Gebühren und sogar die Grunderwerbssteuer zurück.

Blumenthals Ortsamtsleiter Peter Nowack ist vom Vorsitzenden der SPD-Bürgerschafts­fraktion, Björn Tschöpe, auf diesen neuen Schwerpunkt der Wohnungsbauförderung hingewiesen worden, erzählt er. Nowack hat gleich gerechnet: „Nehmen wir mal einen Reihenhausneubau auf dem ehemaligen ­Dewers-Gelände zum Preis von 213 000 Euro. Da fallen rund 11 000 Euro an Grunderwerbssteuern an und noch einmal 3000 Euro für Sachen wie den Notar, Grundbucheinträge et cetera.“ Man müsse das Geld zwar vorfinanzieren, bekomme es aber per Antrag aus dem mit zweieinhalb Millionen Euro gespeisten Fördertopf des Bauressorts zurück.

Minderjährige Kinder als Grundvoraussetzung

Tatsächlich stammt das Geld aus „bereits reservierten Mitteln aus der Gewoba-Gewinnabführung“, wie es im Beschluss der Bremischen Bürgerschaft aus der Dezembersitzung heißt. Dort ist auch nachzulesen, dass minderjährige, im Haushalt lebende Kinder Grundvoraussetzung sind, um an das Geld zu kommen. Gefördert wird außerdem auch die Umnutzung ehemaliger Gewerbeimmobilien zu Wohnzwecken, wie es im ganzen alten Ortskern Blumenthals und rund um den Marktplatz interessant werden könnte.

15 000 Euro sind eine schöne Stange Geld, findet Nowack, und sie sind aus seiner Sicht auch genau an der richtigen Stelle eingesetzt. „Schauen Sie mal Richtung Lüssum-Bockhorn, überhaupt Richtung Niedersachsen: Da spüren Sie an vielen Stellen die Landesgrenze nicht mehr, weil Schwanewede uns ein Neubaugebiet an das andere vor die Nase gesetzt hat. Dahin ziehen unsere jungen Familien, die wir doch so dringend im Stadtteil halten müssen“, so Peter Nowack. Allerdings ist nicht ganz Blumenthal Fördergebiet. Die Förderfähigkeit richte sich nach den berühmten „Sozialindikatoren“ eines Quartiers. Das heißt für seinen Ortsamtsberitt Blumenthal übersetzt: Wer in Lüssum, Rönnebeck oder Blumenthal baut, kann das Geld aus dem „Programm zur Förderung der Eigentumsbildung“ bekommen, wer in Farge oder Rekum seine eigenen vier Wände hochzieht, muss sie selbst vollfinanzieren. Gedeckelt ist die Förderung außerdem auf Objekte bis zu einem Preis von 330 000 Euro.

2,5 Millionen Euro im Fördertopf

Was ist, wenn die 2,5 Millionen Euro aus dem Topf verbraucht sind? Diese Frage – sowie das genaue Regelwerk zur Wohnbauförderung – wird im Bauressort gerade geklärt. Klar sei aber, dass es 2018 mit dem Förderprogramm der rot-grünen Landes­regierung losgehen soll, heißt es von dort. Die Behörde arbeite mit Hochdruck an dem Werk. Macht man die Lage nicht noch schlimmer, wenn man schwierige soziale Stadtbereiche jetzt so offen als Problemgebiete benennt? Peter Nowack findet das nicht: „Wir können die Strukturveränderungen nur einläuten, wenn wir auch die Menschen dafür haben. Und vielleicht ist das schon ein Lockmittel, um den ein oder ande­ren zu halten.“

Auch Nowacks Kollege Heiko Dornstedt aus Vegesack kann sich vorstellen, dass die neue Förderung ein Argument für den Kauf einer Wohnung oder eines Hauses etwa im neuen Tauwerksquartier mit seinen 105 Wohneinheiten sein kann: „Da reden wir über viel Geld, das eine junge Familie mitnehmen kann. Auch wenn es vorfinanziert werden muss, sind das am Ende die Pflasterung vor dem Haus und das Carport, die ich mir jetzt leisten kann.“ Neben dem Tauwerksquartier nahe der Grohner Düne glaubt Dornstedt auch an Fördermöglichkeiten bei Baulückenbebauung von Aumund-Hammersbeck bis zum Flintacker. Sogar die Neubauflächen an den Aumunder Wiesen bringt Dornstedt ins Spiel – das ­seien ebenfalls Baugebiete nahe der Landes­grenze, die die Abwanderung abfangen könnten.

Heiko Dornstedt: „In meinen Augen ist das eine sehr gute Initiative, mit der wir wieder für etwas mehr soziale Durchmischung sorgen können.“ Junge Familien mit Kindern falle es beim Rechnen ihres Eigenheims nun garantiert einfacher, in ihrem Stadtteil zu bleiben. Florian Boehlke in Burglesum sieht das genauso und hat schon ­potenzielle Flächen für die Förderung in seinem Ortsamtsbezirk ausgemacht: „Wir sind ein facet­tenreicher Stadtteil und haben hier ja nicht nur Lesum oder St. Magnus. Wir müssen an der Stelle einmal über das Alwin-Lonke-Quartier reden. Da habe ich in Sachen ­Sozialindikatoren auch bei mir auf der ­Karte rote Punkte.“ Zum geplanten Baugebiet an der Friedenheimer Straße weiß er von der zurzeit stattfindenden Abstimmung zwischen dem Investor und dem Bauamt: „Aber das wäre zum Beispiel so ein Gebiet mit Mehrfamilienhäusern und Reihenhäusern, in dem die Förderung auch bei uns greifen könnte – und richtig helfen würde.“

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