140 Jugendliche betroffen Akademie Kannenberg meldet Insolvenz an

2014 war die Akademie Kannenberg erstmals in der Bremer Jugendhilfe tätig geworden, jetzt ist Schluss. Wie der WESER-KURIER erfuhr, hat die Akademie Insolvenz angemeldet. Auch die Stadt ist von der Insolvenz betroffen.
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Akademie Kannenberg meldet Insolvenz an
Von Jürgen Theiner

Der Jugendhilfeträger Akademie Lothar Kannenberg, der in Bremen mehrere Einrichtungen für junge Flüchtlinge betreibt, steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten. Das Amtsgericht Walsrode hat auf Antrag der Geschäftsführung ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angeordnet. Die Betreuung der zurzeit noch rund 140 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den insgesamt sechs Bremer Häusern ist vorerst nicht gefährdet. Die Gehälter der etwa 230 Mitarbeiter sind für drei Monate durch die Insolvenzkasse der Agentur für Arbeit gesichert.

Die Akademie Kannenberg war im Herbst 2015 ein Rettungsanker für die Sozialbehörde, als mit dem Strom von Flüchtlingen auch viele unbegleitete Minderjährige nach Bremen gelangten. Die Hansestadt nahm seinerzeit einen im Bundesvergleich deutlich überproportionalen Anteil von ihnen auf. In dieser Situation kam Lothar Kannenberg mit seinem Unternehmen wie gerufen. Nach und nach eröffnete er ein halbes Dutzend Häuser mit Betreuungsplätzen und Wohngruppen, in denen zu Spitzenzeiten bis zu 1000 junge Flüchtlinge versorgt wurden. Auf dieses Niveau war auch der Personaleinsatz ausgerichtet.

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Seit November 2015 zeichnete sich allerdings ab, dass die Auslastung der Kannenberg-Häuser allmählich zurückgehen würde. Damals verständigten sich die Bundesländer auf einen neuen Verteilungsmodus für minderjährige Flüchtlinge. Der vorhandene Überhang wurde auf die Bremer Quote angerechnet, sodass zunächst lange Zeit überhaupt keine neuen Jugendlichen mehr in Bremen untergebracht werden mussten. Durch normale Fluktuation nahm bis heute die Zahl der Minderjährigen weiter ab, während der Personalbestand hoch blieb.

Die Insolvenz der Akademie Kannenberg hat auch für Bremen finanzielle Konsequenzen. Die Sozialbehörde hatte dem Unternehmen pauschale Vorschüsse gezahlt, die deutlich über den später spitz abgerechneten Kosten lagen. Die Rückforderungen der Sozialbehörde belaufen sich nach Informationen des WESER-KURIER auf sechs bis sieben Millionen Euro. Zwar hat auch Kannenberg noch finanzielle Forderungen an die Sozialbehörde, die Rede ist von drei bis vier Millionen Euro. Diese Größenordnung wird behördenintern aber offenbar als deutlich überhöht eingestuft.

Ein Teil der Einrichtungen soll erhalten bleiben

Offiziell war am Mittwoch weder vom Sozialressort des Senats noch von Akademie-Geschäftsführer Lothar Kannenberg viel in Erfahrung zu bringen. Behördensprecher Bernd Schneider sagte, die Stadt habe „ein Interesse daran, dass zumindest ein Teil der Einrichtungen, die die Akademie Kannenberg in Bremen betreibt, erhalten bleibt.“ Kannenberg selbst wollte sich auf Anfrage kaum äußern. Er wirkte deprimiert. „Ich will jetzt erst einmal meine Leute informieren“, sagte der 60-Jährige.

Mit Rückschlägen hat Lothar Kannenberg zu leben gelernt. Der einstige Hessenmeister im Schwergewichtsboxen war in jungen Jahren drogenabhängig, fand aber einen Weg aus der Sucht und engagierte sich später in Jugendprojekten, die straffällig gewordenen Jugendlichen einen Neustart ermöglichen sollten. 2005 erhielt Kannenberg für seine ehrenamtliche Arbeit das Bundesverdienstkreuz.

Mit seiner Akademie wurde Lothar Kannenberg später auch unternehmerisch tätig. In Bremen stand er vor allem mit seiner intensivpädagogischen Einrichtung an der Rekumer Straße im Stadtteil Blumenthal im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dort waren bis Ende Oktober jugendliche Flüchtlinge untergebracht, die schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Entsprechend skeptisch bis ablehnend standen viele Menschen in Bremen-Nord dem Projekt gegenüber.

Ein Personalabbau ist unausweichlich

Ob die angestrebte Sanierung der Akademie gelingt, werden die nächsten Monate zeigen. Ein Personalabbau und eine Reduzierung der Standorte gelten als unausweichlich. Das Gericht hat Kannenberg einen vorläufigen Sachwalter an die Seite gestellt. An dem Prozess wirken außerdem ein Restrukturierungsexperte und eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit.

Und trotz der im Raum stehenden Rückzahlungsforderungen dürfte Kannenberg das grundsätzliche Wohlwollen der Stadt sicher sein. In der Sozialbehörde hat man nicht vergessen, dass er es war, der 2015 viele junge Flüchtlinge unterbrachte, als sich die etablierten Bremer Träger der Jugendhilfe mit solchen Projekten auffallend zurückhielten. „Kannenberg ist damals voll ins Risiko gegangen“, sagt ein Funktionsträger im Sozialressort. Das soll dem 60-Jährigen jetzt möglichst nicht zum Verhängnis werden.

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