Diskriminierung im Alltag

Alle Generationen sind von Altersdiskriminierung betroffen

„Das Stigma, mit 70 Jahren alt zu sein, hat sich aufgelöst“, sagt Karin Markus (78) von der Seniorenvertretung. „Alt gibt es nicht.“ Von Altersdiskriminierung seien alle Altersgruppen betroffen.
09.08.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Alle Generationen sind von Altersdiskriminierung betroffen
Von Justus Randt
Alle Generationen sind von Altersdiskriminierung betroffen

Wenn wegen des Lebensalters unterschieden wird, sind alle Generationen betroffen.

Matthias Hiekel /dpa-Zentralbild /dpa

Diskriminierung sei die Verachtung der Menschenwürde, sagt Karin Markus. Die 78-jährige ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete und SPD-Politikerin ist Sprecherin des Arbeitskreises für Seniorenpolitik, Soziales und Beiräte in Bremens Seniorenvertretung. Die „Senv“ ist angesiedelt bei der Sozialsenatorin und hat dort, im Tivolihochhaus, auch ihr Büro. Gemeinsam mit Michael Breidbach (66), dem ehrenamtlichen Pressesprecher der Seniorenvertretung bei der Sozialsenatorin, hat sie sich Gedanken über Fragen der Altersdiskriminierung gemacht. Mit einem erstaunlichem Ergebnis.

„Der Begriff Diskriminierung wird inflationär benutzt, von allen, die schlecht gelaunt sind oder sich ungerecht behandelt fühlen“, stellt Karin Markus fest. Michael Breidbach, der sich in der SPD engagiert, pflichtet ihr bei: „Manche überinterpretieren den Begriff und empfinden alle Unwägbarkeiten des Lebens als Diskriminierung.“

Und das wirkt sich auf ihre ehrenamtliche Arbeit aus. „Aktuell sollen wir ein Landesgesetz machen, eine Landesdiskriminierungsstelle aufbauen“, sagt Karin Markus. „Was soll die machen? Ist das dann wie bei Dr. Sommer? Es geht ja immer um ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung. Und darum, dass man sich leicht verschnattert und sich fragt: Darf ich das eigentlich sagen?“

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Und das nicht nur in Bremen, sondern auch auf Bundesebene. Ein CDU-Politiker, der vor Jahren in Zweifel gezogen hatte, dass auch 85-Jährige ein neues Hüftgelenk oder eine Zahnprothese auf Kosten der Versichertengemeinschaft erhalten sollten, ist ihr noch lebhaft in Erinnerung. „Es gibt Unsicherheiten, Nachlässigkeiten in der Sprache, den Begrifflichkeiten. Hätte er auf dem Schirm gehabt, dass das diskriminierend ist, hätte er das vielleicht nicht gesagt.“ Das klingt altersmilde aus dem Mund der Sozialdemokratin, ist es aber keineswegs nachsichtig gemeint.

„So etwas sorgt immer gleich für viel Empörung und für große Öffentlichkeit.“ Dazu passt das aktuelle Beispiel, das Michael Breidbach einfällt. „Wenn es um Gleichbehandlung geht, ist doch die Frage, wo erkenne ich Diskriminierung, wo fängt sie an? Es ist ja nicht immer gleich die große Keule wie bei Boris Palmer.“ Der grüne Oberbürgermeister Tübingens hatte zu Beginn der Corona-Pandemie gesagt: „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“

Michael Breidbach - Seniorenvertretung - Sommerserie Alltagsdiskriminierung - Alte Menschen

"Der Begriff Diskriminierung wird inflationär verwendet", meint Michael Breidbach, ehrenamtlicher Pressesprecher der Seniorenvertretung Bremen.

Foto: Christina Kuhaupt

Alte sind durch Filialschließungen benachteiligt

Noch ein Beispiel, das Karin Markus einfällt: Poststellen, Banken und Sparkassen schließen Filialen. „Ist das diskriminierend?“ fragt Karin Markus. Michael Breidbach glaubt, schon: „Alte sind dadurch benachteiligt.“ Seine Mitstreiterin sieht das anders: „Ich würde das Wort rücksichtslos wählen.“

Der Ärger der Senioren ist das eine. Was der Seniorenvertretung auf den Tisch kommt, offenbar etwas anderes. „Mir würde da jetzt nichts einfallen“, sagt Karin Markus auf die Frage nach Beschwerden über Diskriminierung im Alter, die bei der Seniorenvertretung eingehen. Überhaupt: „Alt gibt es nicht“, davon ist sie überzeugt. Jedenfalls nicht so wie in Zeiten, „als Frauen mit 40 im schwarzen Kleid rumliefen und als 65-Jährige mit dem Leben abgeschlossen hatten.“ Nein, das Stigma, mit 70 alt zu sein, habe sich aufgelöst.

Das hat aber auch die frühere Leiterin der ehrenamtlichen Sozialarbeit beim Deutschen Roten Kreuz in Bremen erst lernen müssen. „Der Tarifvertrag beendete mein Arbeitsleben mit 65. Aber dann ist man noch nicht alt. Silver-­Ager ist die Vorstufe von alt. Die Leute sind voller Saft und Kraft, reisen um die Welt. Dann kommen die ganzen Wehwehchen, die das Leben bestimmen – aber ist man deshalb alt?

"Ich fühle mich nicht alt“

Auch Breidbach, der im Management des Stahlriesen Arcelor Mittal beschäftigt war, sieht das so. „Ich bin mit 59 ausgeschieden“, nicht ungewöhnlich in der Branche, zumal wenn man früher am Hochofen gestanden hat. „Okay, ich bin Mitglied der Vollversammlung der Seniorenvertretung geworden, aber zu den IG-Metall-Senioren gehe ich nicht, ich fühle mich nicht alt.“

Eine Untersuchung im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes geht davon aus, dass das Lebensalter das häufigste Diskriminierungsmerkmal ist. Unter 29-Jährige berichteten demnach von „Benachteiligungen, weil sie als zu jung wahrgenommen wurden“, die über 45-Jährigen klagen darüber, als zu alt eingestuft zu werden. „Interessant“ ist für die Forscher, „dass Personen mittleren Alters, zwischen 30 und 44 Jahren, etwa in gleichem Maße Diskriminierung anhand des zu hohen und des zu niedrigen Lebensalters erleben“. Die Umfrageergebnisse lassen die Forscher folgern, dass insbesondere Ältere „in geringerem Maße für das Thema Diskriminierung sensibilisiert sind und dementsprechend weniger häufig für sie nachteilige Erfahrungen als Diskriminierung erkennen und benennen“.

Karin Markus - Seniorenvertretung - Sommerserie Alltagsdiskriminierung - Alte Menschen

"Das Bild von alten Leuten hat sich sehr verschoben", sagt Karin Markus, Arbeitskreissprecherin in der Seniorenvertretung Bremen. "Ich kenne Menschen, die immer empört sind, weil sie sich in ihren Grundrechten verletzt sehen" – unabhängig vom Alter.

Foto: Christina Kuhaupt

Altersdiskriminierung wird eine Form der Menschenrechtsverletzung

Die Bremer Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil (81) widerlegt das im Detail: „Im Moment treten wir in eine spezielle Phase ein. Altersdiskriminierung wird eine Form der Menschenrechtsverletzung“, sagt sie. „Wie kann es sein, dass Tönnies wieder schlachtet, dass Reisen nach Spanien möglich sind, Kids wieder Partys feiern, aber ich als alter Mensch von den Behörden gezwungen werde, etwas schützen zu lassen, das ich nicht mehr schützen lassen will: eine Stunde Besuch für Sterbende …“ Keil findet das empörend. „Es ist eine Grunddiskriminierung, wir werden infantilisiert.

Als hätten wir den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt. Ich wusste, es gibt Zeitungspapier, das man an Haken hängen kann, und dass wir kein Klopapier horten müssen.“ In diesem Punkt allerdings stimmt Annelie Keil mit der ADS-Studie überein: „Diskriminierungen treffen alle Altersgruppen und Junge, Alte, Bäuchige, Bärtige, je nachdem, was gerade in ist. Pubertierende Jungs beispielsweise sind vielen Vorurteilen aus meiner Altersgruppe heraus ausgesetzt. Diskriminierung beginnt immer dort, wo ich mich nicht so verhalte, wie das – auch von Angehörigen – erwartet wird.“

„Es gibt in unserer Gesellschaft, in Minderheiten, die Tendenz, Alter zu diskriminieren. Da muss man höllisch aufpassen“, meint Bremens Altbürgermeister Henning Scherf (81). „Das wird sichtbar, wenn es um Renten geht oder um die Frage, ob bestimmte Operationen noch okay sind. Die große Mehrheit ist unter den Pandemiebedingungen zusammengerückt und hat begriffen, dass das Schicksal der Alten ihr eigenes Schicksal ist. Gott sei dank ist es große Mehrheitspolitik in Deutschland, Alten eine gesicherte Lebensperspektive zu bieten.“

Besondere Schutzbedürftigkeit

Fehlende Kreditwürdigkeit, erhöhte Versicherungsprämien, die Senioren als Autofahrer oder für den Fall eines Reiserücktritts bezahlen sollen – „wenn wir mal so was hören, Dinge, wo was schief gelaufen ist, ist das sofort öffentlich, aber meist kein lokales Thema“, sagt Karin Markus. Nicht jede Carsharing-Firma nimmt neue Kunden, die die 69 überschritten haben: Auch so etwas hat bundesweit Ärger ausgelöst, wird aber in Bremen kaum diskutiert. Umso wichtiger ist vielen die Barrierefreiheit. Zum Alltagsgeschäft der Bremer Seniorenvertretung gehört es deshalb schon eher, dafür zu sorgen, „dass Busse und Bahnen für Rollatoren tauglich, Ampel-Grünphasen lang genug und Kantsteine abgesenkt sind“, sagt Michael Breidbach. Jüngst forderte er die Umsetzung der Maskenpflicht in Bus und Bahn beim Innensenator ein: „Gerade weil viele von uns zur Risikogruppe gehören, gilt eine besondere Schutzbedürftigkeit.“

Die Bundespolitik aber bleibt auch nicht ganz außen vor. „Tendenziell werden wir ein großes Problem mit Alltagsarmut bekommen, weil Frauen weniger verdienen, weil sich Erwerbsbiografien verändern, brauchen wir die Grundrente“, sagt Michael Breidbach. Dem kann Karin Martin nur zustimmen, „aber das ist wieder ein übergreifendes Thema“. Viel zu meckern gibt es nicht aus ihrer Sicht: „Die großen Freiräume, die wir haben, bieten Chancen, und das Alter bringt Gelassenheit mit sich.“

Weitere Informationen

Im nächsten Teil der Reihe „Diskriminierung im Alltag“ geht es um Menschen mit Behinderung.

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