Erhöhter Kundenandrang

Lange Schlangen vor Bremer Recyclingstationen

Teils lange Autoschlangen bildeten sich am Samstag vor den noch geöffneten Recyclingstationen. Die Stadtreinigung appelliert zur Zurückhaltung, der Personalrat würde am liebsten alle Stationen schließen.
30.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Lange Schlangen vor Bremer Recyclingstationen
Von Frank Hethey
Lange Schlangen vor Bremer Recyclingstationen

Wer am Sonnabend mit dem Auto bei den Recyclingstationen vorfuhr, musste Geduld mitbringen – wie hier in Oberneuland.

Frank Thomas Koch

Mehr Geduld als sonst mussten Menschen mitbringen, die am Samstag mit ihrem Auto eine der noch neun geöffneten Recylingstationen der Bremer Stadtreinigung aufsuchten. „Meine Frau war fleißig, sie hat den Rasen vertikutiert“, sagt André Veenstra. Nun will das Ehepaar den Grünschnitt auch loswerden, geduldig stehen die beiden in der Schlange der wartenden Autos vor der Recyclingstation Oberneuland. Mitunter reicht der Stau bis auf die Rockwinkeler Landstraße, dann ist schon mal ein Hupkonzert zu hören.

Besser fahren diejenigen, die ohne Auto, aber mit Schubkarre anrücken: Sie schlängeln sich einfach an den Autos vorbei und werden von der Einlasskontrolle durchgewunken. So wie Christoph Beckmann. Der 40-Jährige wohnt in der Nachbarschaft, nun entsorgt er Laub und Gartenabfälle. „Dazu bin ich im Herbst nicht mehr gekommen.“

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Von einem „erhöhten Kundenandrang“ spricht Antje von Horn, Pressesprecherin der Bremer Stadtreinigung. Ein bundesweites Phänomen in Corona-Zeiten, da zahlreiche Menschen wegen Kurzarbeit oder Homeoffice vermehrt zu Hause sind. „Die Leute fangen dann an zu entrümpeln.“ Was die Stadtreinigung allerdings gern unterbinden würde. Es sei jetzt nicht die Zeit zum Aufräumen, heißt es in einem Appell des Entsorgungsbetriebs. Nur in Ausnahmefällen sollen Abfälle und Wertstoffe noch in den Stationen angeliefert werden, etwa wenn ein dringender Umzug vor der Tür steht. Sperrmüll oder Gartenabfälle könnten zwischengelagert werden. „Damit werden lange Wartezeiten an den Recyclingstationen vermieden.“

„Abfallentsorgung ist systemrelevant“

Auf die Corona-Krise hat die Stadtreinigung mit der Schließung von sechs der 15 Recyclingstationen reagiert. „Auch zum Schutz der Mitarbeiter hatten wir keine andere Wahl“, sagt Antje von Horn. Doch man versuche, möglichst viele Stationen offen zu halten. „Wir fahren da eine ganz klare Linie, Abfallentsorgung ist systemrelevant“, erklärt die Sprecherin. „Damit dies gelingt, wird Personal von den kleinen Stationen abgezogen, um die Kollegen und Kolleginnen auf den größeren Stationen möglichst optimal unterstützen zu können.“

Zusätzlich regelt ein Sicherheitsdienst den Einlass. Um zu großes Gedränge in den Stationen zu vermeiden, darf nur eine begrenzte Anzahl von Personen gleichzeitig auf das Gelände. „Nur anfangs hat es Ruckeleien gegeben, der Sicherheitsdienst arbeitet gut und stabil“, lautet das erste Fazit von Sprecherin Antje von Horn.

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Nicht alle Kunden bringen allerdings Verständnis für den eingeschränkten Betriebsmodus auf. Sich den Anweisungen einer Einlasskontrolle zu unterwerfen, treibt manche Menschen an den Rand ihres Leistungsvermögens. Ein Wachmann berichtet, schon dreimal hätten ungeduldige Nutzer ihn mit dem Fahrzeug massiv bedrängt. Vor allem älteren Kunden attestiert er wenig Stehvermögen in ihren Autos. Mit einem Kopfschütteln quittiert er, wie überschaubar der mitgebrachte Abfall bisweilen ist. „Es gibt Leute, die kommen nur mit einem gelben Sack. Oder mit ein paar Batterien.“

Zum Schutz der Mitarbeiter der Stadtreinigung vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus sind laut Antje von Horn im engen Austausch mit dem Personalrat eine Reihe von Hygienevorschriften umgesetzt worden. „In diesem Bereich haben wir gerade noch mal nachgebessert.“ Zum Beispiel solle beim Bezahlen das Geld nur noch in einer Schale gereicht werden.

Krisenstab berät täglich

Vom Virus sind die Beschäftigten der Stadtreinigung bislang verschont geblieben. Bisher gebe es keinen bestätigten Corona-Fall unter den Mitarbeitern, sagt Antje von Horn. Täglich bewerte ein Krisenstab die Lage neu, ein Pandemieplan sehe aufeinander aufbauende Schritte zum Schutz der Mitarbeiter vor.

Für viel zu kurz gegriffen hält unterdessen der Personalrat die eingeleiteten Maßnahmen. „Wir hätten es gern gehabt, wenn alle Stationen geschlossen worden wären“, sagt Bernd Hillmann, der Vorsitzende der Arbeitnehmervertretung. „Aber leider hat sich der Vorstand dazu nicht entschließen können.“ Für Hillmann besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen den staatlich erlassenen Vorschriften zur Kontaktbeschränkung und den weiterhin geöffneten Recyclingstationen. „Aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, den Leuten keine Plattform zu bieten, um sich anzustecken.“ In einem Schreiben an die Umweltsenatorin und den Bürgermeister habe man diese Position auch klar formuliert. „Bis heute haben wir aber keine Antwort erhalten.“

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Nicht viel anders sieht Gerhard Schreve die Lage, der frühere Leiter der kommunalen Bremer Abfallwirtschaft. Ein bloßer Appell an die Vernunft reicht in seinen Augen nicht aus. Zumindest die Annahme von Gartenabfällen hätte er von Anfang an konsequent verweigert. „Wenn es um Kontaktreduzierung geht, wäre das eine sinnige Maßnahme gewesen.“ Nur in wirklich dringenden Fällen hält er eine Müllannahme für geboten. „Das verstehen die Leute auch, wenn es klar kommuniziert wird. Aber die Stadtreinigung reagiert nur, sie agiert nicht.“

Derweil sieht die Abfallentsorgung keinen Grund, von ihrer Marschrichtung abzuweichen. Im Gegenteil, laut Antje von Horn gibt es sogar Überlegungen, die eine oder andere Recyclingstation wieder zu öffnen. Von einer zu dünnen Personaldecke will sich der Krisenstab jedenfalls nicht beeindrucken lassen. „Da beraten wir, ob wir Engpässe über externes Personal abfedern müssen.“

Info

Zur Sache

Noch neun von 15 Recyclingstationen geöffnet

Geöffnet haben derzeit die Recyclingstationen Blockland, Blumenthal, Borgfeld, Burglesum, Hohentor, Hulsberg, Kirchhuchting, Oberneuland und Obervieland. Es gibt aber einige Einschränkungen im Betriebsablauf. Eingestellt ist vorerst der Verkauf von Kompost auf den Recyclingstationen. Neue Sperrmülltermine werden momentan nicht mehr vergeben, bestehende Termine aber abgearbeitet. Kleine Elektrogeräte kann man derzeit weder auf den Stationen noch auf den Containerplätzen abgeben.

Auch Monitore und Fernseher können nicht mehr auf die Stationen gebracht werden. Große Elektrogeräte nehmen die Stationen nur noch im Notfall an. Eine speziell eingerichtete Website der Stadtreinigung informiert über den neuesten Stand der angebotenen Leistungen. Noch überhaupt keine Einschränkungen gibt es bei der Müllabfuhr. Auch wilde Müllablagerungen werden nach wie vor entsorgt.

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