Bis zu 47 000 Euro für Straßenausbau Anwohner in Turnerstraße bangen um Existenz

An der Turnerstraße in Rönnebeck spielen sich soziale Dramen ab. Für die Straßensanierung sollen die Anlieger nach Recherchen unserer Zeitung Beiträge zwischen gut 10 000 und mehr als 47 000 Euro zahlen.
23.04.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christina Denker

An der Turnerstraße spielen sich soziale Dramen ab. Die Beiträge, die die Anlieger für die Sanierung ihrer Straße zahlen sollen, bewegen sich nach Recherchen der NORDDEUTSCHEN zwischen gut 10 000 und mehr als 47 000 Euro. Die Menschen müssen Schulden machen, müssen ihre Altersvorsorge hergeben – einige geben ganz auf und verkaufen ihre Häuser. Mit Verlust.

Hermann Krüger (Name von der Redaktion geändert) soll nach derzeitigem Stand 47 200 Euro für 35 Meter einer Straßenseite zahlen. „Dafür geht meine Altersvorsorge drauf“, sagt der 61-Jährige. Er will bleiben. Vor mehreren Häusern an der Turnerstraße aber hängen derzeit Schilder, die auf den Verkauf hinweisen. Denn mit der Straßensanierung, an deren Kosten die Anlieger beteiligt werden, wissen etliche Bewohner der Turnerstraße nicht, wie es weitergehen soll.

Einige verdrängen das Thema

„Nein, nein“, sagt ein freundlicher Herr, während er im Vorgarten seine Rhododendren gießt. Er will verkaufen. „Das machen wir nicht wegen der Anliegerkosten. Wir brauchen jetzt im Alter einfach nicht mehr so viel Platz.“

Andere Häuser im ersten, bereits fertiggestellten Bauabschnitt, seien verkauft worden, ohne dass Schilder aufgestellt worden seien, heißt es. Und das teilweise wohl unter Wert, meinen Vertreter der Bürgerinitiative (BI). Auch im Internet finden sich Annoncen, in denen Häuser aus der Turnerstraße zum Verkauf angeboten werden.

Einige Anlieger der Turnerstraße verdrängen das Thema, harren aus und warten, bis die Rechnung der Stadtgemeinde Bremen in ihrem Briefkasten liegt.

Wie Monika Gerbracht*. Sie komme nachts nicht mehr in den Schlaf. Durch gesundheitliche Probleme ihres Ehemanns sei die Familie in finanzielle Bedrängnis gekommen. Monika Gerbracht lebt in ihrem Elternhaus an der Turnerstraße. Mit Mitte 20 begann sie ihre Eltern zu pflegen und arbeitete deshalb viele Jahre nur noch halbtags. Jetzt geht sie auf die 60 zu. Für den Straßenneubau soll die Familie nach derzeitigem Stand der Dinge 10 800 Euro zahlen. Aber wovon bloß? Die Familie muss jetzt schon jeden Cent zusammenhalten. Monika Gerbracht verdrängt die Probleme. Sobald sie anfange, sich Gedanken zu machen, werde ihr schlecht: „Meine ganze Zukunft steht infrage“, sagt sie. Letztlich bleibe wohl nur, eine Hypothek aufzunehmen. „Ich hatte noch nie Schulden. Und es ist ein schlimmes Gefühl, dass ein Geldinstitut vielleicht die Hand auf meinem Elternhaus hat“, sagt sie.

Haus unter Wert verkauft

Rund 300 Meter entfernt wohnen die Hoppes. So wie es aussieht, können sie die Beteiligungskosten mühevoll aufbringen. „Dann aber muss ich als Rentner anfangen, das Haus zu belasten“, befürchtet der 56-jährige Detlef Hoppe. Rund 20 000 Euro soll er nach aktuellen Rechnungen zahlen. Weil sich die Sanierungsmaßnahme nun aber verteuern könnte, geht Hoppe von rund 25 000 Euro aus. Die Nachbarn rechts und links seien schon ausgezogen. Sie hätten ihre Häuser nicht mehr halten können. Beide seien alleinstehend gewesen. Ein Maklerschild steht bereits im Vorgarten. Ein ehemaliger Nachbar wohne jetzt in einer Zweizimmerwohnung „Er hat sein Haus mit 70 000 Euro weit unter Wert verkauft“, sagt Detlef Hoppe.

Thomas Broscheid jedenfalls will sein Haus nicht mehr verkaufen, nachdem er erfahren hat, wie viel er angesichts der Situation für sein gepflegtes Haus erwarten kann. 10 000 Euro Anliegerkosten soll er für das Eckgrundstück zahlen. Wovon? Das weiß der Frührentner nicht. „Meine Rente ist ja nicht üppig.“ Andere aber seien noch schlechter dran, erzählt er. 45 700 Euro müsse einer seiner Nachbarn zum Beispiel bezahlen. „Glauben Sie mir, ich habe auf den Einwohnerversammlungen der Bürgerinitiative etliche Leute Rotz und Wasser heulen sehen.“, sagt Thomas Broscheid. Was er besonders schlimm findet, ist, dass es so viele alte Leute treffe. „Die haben ihr Leben lang gearbeitet. Das interessiert keinen der Politiker.“ Und die Sprüche könne er schon lange nicht mehr hören. „Wir sind nackt auf die Welt gekommen und können auch nackt sterben“, so etwas sei ihm aus Politik und Verwaltung schon zu Ohren gekommen. Oder: „Dann erben die Kinder eben nichts.“ Darum geht es den Anwohnern der Turnerstraße wohl meist gar nicht. „Es geht nicht darum, dass wir nicht bezahlen wollen“, betont Hermann Krüger. Aber es müsse gerecht zugehen. Was derzeit mit der Turnerstraße passiere, sei unsozial. Bei vielen stehe die Existenz auf dem Spiel oder eben das kleine bisschen Mehr an Lebensqualität als Rentner.

Anlieger: Busse sind schuld

Marita Bruns ist ein Beispiel. „Ich bin Rentnerin und habe zwei Jobs“, sagt sie. Sie hat keine Ahnung, woher sie das Geld für den Anliegerbeitrag nehmen soll. „Und es wird doch hauptsächlich für die Busse gemacht“, meint sie. Mit dieser Einschätzung steht sie nicht allein da. Es ist eines der Hauptargumente der Bürgerinitiative um Friedhelm Hölzel.

Busse dreier Linien befahren die Turnerstraße und die, so sieht es die BI, seien für den Zustand der Straße hauptverantwortlich. Busse, die nach einer Zählung der Bürger meistens so gut wie keine Fahrgäste befördern würden. Das habe Bausenator Joachim Lohse (Grüne) mittlerweile auch eingeräumt. Die BSAG jedoch müsse keinen Cent für die Sanierung der Straße bezahlen. „90 Prozent zahlen die Anwohner, zehn Prozent die Stadt“, so Hölzel, der knapp 21 000 Euro bezahlen muss. Insgesamt kostet die neue Straße nach derzeitigem Stand rund 2,8 Millionen Euro.

Ein weiterer Herr ist derzeit ebenfalls mit dem Verkauf seines Hauses beschäftigt. Nicht nur wegen der Erschließungskosten, „wir wollten ohnehin irgendwann umziehen“, sagt er. Nun beeilt er sich. „Und zwar auch deshalb, weil uns die Art und Weise nicht gefällt, wie hier mit Menschen umgegangen wird.“ Der Sprecher der Baubehörde, Jens Tittmann, erinnert angesichts der Klagen der Betroffenen daran, dass sein Ressort die Anwohner vor mehreren Jahren umfassend über die geplante Sanierung informiert und zugleich Finanzierungsmöglichkeiten präsentiert habe. Und er erinnert daran, dass es 2009 eine Petition von Anwohnern gegeben habe, die Straße auszubauen.

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