Sicherheitsdienste üben Hausrecht aus Bahnhof: Polizei-Präsenz reicht nicht aus

Nicht nur ältere Menschen, sondern auch vermehrt jüngere meiden am Abend das Bahnhofsumfeld in Bremen. Zusätzlich zur Polizei haben auch andere Sicherheitskräfte ein Auge auf die Gegend.
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Bahnhof: Polizei-Präsenz reicht nicht aus
Von Jürgen Theiner

Nicht nur ältere Menschen, sondern auch vermehrt jüngere meiden am Abend das Bahnhofsumfeld in Bremen. Zusätzlich zur Polizei haben auch andere Sicherheitskräfte ein Auge auf die Gegend.

Das Umfeld des Hauptbahnhofs ist die Visitenkarte einer Großstadt. Dort nehmen Reisende ihre ersten Eindrücke auf, sie bilden sich ein vorläufiges Urteil. In Bremen fällt es oft ungünstig aus. Denn wer von den Gleisen kommt und Richtung Innenstadt ins Freie tritt, blickt nicht nur auf eine mehr schlecht als recht kaschierte Baugrube, eine hässliche Hochstraße und eine oft vermüllte Rasenfläche vor dem Überseemuseum.

Zu der wenig einladenden Optik gesellt sich – insbesondere in den Abendstunden – ein Gefühl latenter Unsicherheit. Oft muss man zunächst einen Kordon von Bettlern, Drogenabhängigen und erkennbar alkoholisierten Personen durchstoßen, der sich bis weit in die Bahnhofstraße erstreckt. Auf diesen ersten Metern Richtung Zentrum sind viele Menschen dankbar, wenn sie Oliver Graske begegnen.

Ausgestattet mit schusssicherer Weste

Der 29-Jährige ist bei der Sicherheitsfirma TSK beschäftigt. Im Hauptberuf arbeitet er als Krankenpfleger in einer Klinik im Bremer Umland, abends tauscht er seinen weißen Klinikkittel gegen die dunkelblaue Montur eines Security-Mitarbeiters.

Ausgestattet mit schuss- und stichsicherer Weste, Handfessel, Pfefferspray und einigen weiteren Utensilien, patrouilliert Graske jeweils mit einem Kollegen in einem Bereich gegenüber dem Hauptbahnhof, der am Star-Inn-Hotel beginnt, an der Eckgaststätte „Va bene“ in Richtung Breitenweg abknickt und auf Höhe der Ginkgo-Apotheke endet. Im unmittelbaren Vorfeld dieser Gebäude üben die TSK-Leute das Hausrecht aus.

Sie müssen das nicht selten mit einem gewissen Nachdruck tun, denn die Ladenzeile und der Bereich bis hinauf zum Hillmannplatz gelten als Tummelplatz nordafrikanischer Drogenhändler und sogenannter Antänzer, die Passanten bestehlen. „Das ist ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt Graske. Die Dealer böten auf offener Straße die ganze Bandbreite illegaler Substanzen an, von Marihuana bis Crystal Meth.

Drogenhändler haben Schichtbetrieb

Die Polizei ist nach seiner Wahrnehmung damit überfordert, die Szene konsequent zurückzudrängen. „Ich kenne an die zwanzig Dealer, die sich hier ständig herumtreiben. Einige von denen sind Späher, die das Gelände sondieren, andere Verkäufer, wieder andere sind kleine Chefs, die den Umschlag überwachen“, beschreibt Graske die Szenerie.

Die Drogenhändler hätten einen regelrechten Schichtbetrieb aufgebaut, nur gelegentlich unterbrochen durch die ein oder andere „Dienstbesprechung“. Die Durchsetzung des Hausrechts im Nahbereich der Laden- und Hotelbetriebe sei nicht immer problemlos. Manche Dealer reagierten aggressiv auf direkte Ansprache, erzählt Graske.

Einige ließen sich verscheuchen, andere nicht. „Du kannst das nicht vorhersagen“, ergänzt sein Kollege Marvin Schulz (Name geändert). „Da kann sich jederzeit aus heiterem Himmel eine unangenehme Situation entwickeln. So eine Art Antenne für die Stimmung hier auf der Meile zu haben, das geht schon, und das ist auch wichtig.“

Beleidigungen kommen vor

Graske und Schulz schreiten ihr Revier ab. Ihre Blicke in Richtung der Dealer sagen: „Seht euch bloß vor.“ Die Blicke in der Gegenrichtung sagen: „Ihr könnt uns gar nichts, was wollt ihr?“ Manchmal bleibt es nicht bei stummer Verachtung für die schwarzen Sheriffs. „Da fällt auch schon mal eine beleidigende Bemerkung“, erfährt man von Schulz. „Das hat mich zu Anfang schon gestört, aber inzwischen stelle ich auf Durchzug, wenn ich so was höre.“

Selten spitzt sich die Situation so zu wie am Abend des 15. Mai. Sie wurde durch eine Überwachungskamera aufgenommen, die über dem Kneipeneingang von „Paddy‘s Pit“ installiert ist. Graske hat die Szene auf seinem Handy und führt sie vor. Zu sehen ist ein Dealer, den der TSK-Mitarbeiter bereits mehrfach aus dem Hausrechtsbereich vor der Ladenzeile verwiesen hat.

Als das nichts bringt und Graske per Handy die Polizei verständigt, eskaliert der Konflikt. Die TSK-Leute schnappen sich den Dealer und wollen ihn fixieren, doch plötzlich eilen mindestens acht seiner Kumpane herbei und schlagen auf die Sicherheitsleute ein. Graske und sein Kollege können die Attacke mit Mühe abwehren, doch der Dealer entkommt in dem Getümmel.

Ein wenig frustrierend

Für Graskes damaligen Kollegen hatte der Zwischenfall gesundheitliche Folgen, die Drogenhändler machten sich einfach aus dem Staub. Ist das frustrierend? Ja, ein wenig schon, findet Marvin Schulz. Erst vor wenigen Tagen war er als Zeuge zu einer Gerichtsverhandlung geladen, bei dem es um eine andere Gewalttat ging, verübt von einem aktenkundigen Mehrfachtäter, einem minderjährigen Algerier.

Nach Schulz‘ und Graskes Darstellung hatte der Jugendliche versucht, einen älteren Mann „anzutanzen“ und ihm Wertsachen zu entwenden. Als sie den Täter stellten, spukte er Graske an und warf mit einer Art Bierkrug oder Bierflasche. Die TSK-Leute konnten dem Wurfgeschoss ausweichen.

Als sie sich viele Monate später bei der Gerichtsverhandlung nicht mehr exakt erinnern konnten, ob es denn nun ein Krug oder eine Flasche war, habe die Richterin sie ziemlich angeraunzt. „Sie meinte auch, der Dealer habe uns vielleicht gar nicht anspucken, sondern nur auf den Boden spucken wollen“, gibt Schulz den Wortwechsel vor den Gerichtsschranken wieder. „Der angeklagte Jugendliche grinste dabei.“

Viele Menschen meiden die Gegend am Abend

Es sind solche Zustände, die Jan Kriter auf die Palme bringen. Der Juniorchef des „Va-bene“-Imbiss an der Ecke Bahnhofstraße/Bahnhofsplatz stellt fest, dass nicht nur das ältere Publikum, sondern auch jüngere Leute und Partygänger in den Abendstunden das direkte Bahnhofsumfeld zunehmend meiden.

Kriter merkt es nicht nur beim Blick durch die Scheibe seiner Gaststätte, sondern auch beim Blick in die Kasse. „Noch vor ein paar Jahren sind die Menschen abends auf dem Weg in die Disko hier unbeschwert entlang geschlendert, manche sind bei uns eingekehrt. Heute machen viele einen Bogen um unsere Ecke oder sehen jedenfalls zu, dass sie die Strecke schnell hinter sich bringen.“

Die Polizei werde der Lage nicht Herr, das könne er mit Bestimmtheit sagen, fügt Kriter hinzu. Wenn er mit Beamten ins Gespräch komme, sagten diese schon mal: „Die Dealer lachen uns aus.“ Platzverweise würden nur selten wirklich durchgesetzt, letztlich hätten die Drogenhändler nichts Gravierendes zu befürchten. „Wenn man einen Flieger mit denen vollpacken und nach Nordafrika zurückschicken würde, das wäre mal ein Signal“, findet Kriter.

Auch in Bremen eine Wachstumsbranche

Werner Uhde versucht die Dinge pragmatisch anzugehen. Der Immobilienunternehmer ist Teilhaber eines Unternehmens, dem mehrere Gebäude am Rande des Bahnhofsplatzes gehören. Als sich vor etwa anderthalb Jahren die nordafrikanische Dealerszene zu etablieren begann und sich seine Mieter in den Ladenlokalen massiv über die Belästigung von Kundschaft und Personal beklagten, entschied er sich für den Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstes.

Uhde beziffert den finanziellen Aufwand auf 5000 bis 6000 Euro pro Monat. „Das ist natürlich eine Menge Geld, aber mir bleibt kaum etwas anderes übrig, denn Recht und Gesetz kommen hier sonst kaum zu Geltung“, begründet der Kaufmann die Investition in das Umfeld seiner Häuser. Das Bewachungs- und Sicherheitsgewerbe ist auch in Bremen eine Wachstumsbranche.

Ende vergangenen Jahres waren in dem Dienstleistungssektor nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in der Hansestadt gut 2700 Personen beschäftigt. „Sicherlich gab es in jüngster Vergangenheit aufgrund des Flüchtlingszustroms besondere Steigerungsraten, die mittlerweile aber wieder deutlich abebben“, sagt Andreas Segler, Vorsitzender der Landesgruppen Bremen und Niedersachsen im Bundesverband der Sicherheitswirtschaft. In seinem Landesverband sind 25 Unternehmen organisiert. Sie beschäftigen gut die Hälfte der genannten Gesamtmitarbeiterzahl.

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