Auf vielen Baustellen wird gearbeitet Baugewerbe in Bremen trotzt der Corona-Krise

Auf den meisten Baustellen scheint der Betrieb weiterzugehen wie bisher. Handwerker dürfen weiterhin arbeiten, unter gewissen Auflagen. Dabei gibt es nach Meinung der IG Bau deutliche Defizite.
23.03.2020, 20:16
Lesedauer: 3 Min
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Baugewerbe in Bremen trotzt der Corona-Krise
Von Silke Hellwig

Der Einzelhandel leidet massiv unter den Vorkehrungen für den Gesundheitsschutz, die Gastronomie auch. Anders sieht es bislang im Baugewerbe aus: Auf vielen Baustellen wird gearbeitet. Die Allgemeinverfügung des Landes Bremen zur Eindämmung des Virus beschreibt die Umstände: Dienstleister und Handwerker können ihrer Tätigkeit nachgehen, sofern sie nicht beim Anbieter, sondern beim Kunden erbracht wird. Das heißt: Der Schreiner kann zum Kunden kommen, der Kunde darf aber nicht ohne Weiteres in ein Geschäft spazieren, um sich ein Türmodell auszusuchen, schon gar nicht, wenn er dort auf andere Kunden treffen könnte. Dass Handwerker nicht zu acht im Bauwagen sitzen oder sich Kopf an Kopf oder mit dem Kunden über eine Arbeit beugen sollten, liegt laut Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) auf der Hand. Das sei aber nicht Gegenstand einer Allgemeinverfügung, sondern des Arbeitsschutzes und damit Sache des Arbeitgebers.

„Die meisten Gewerke können noch arbeiten, darüber sind wir froh. Jeder Tag zählt, wir wissen nicht, was morgen ist“, sagt der Präses der Handwerkskammer Bremen, Thomas Kurzke. Dennoch sorgten sich die Arbeitgeber um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Er habe deshalb in seinem Malerbetrieb dafür gesorgt, dass alle Beschäftigten „ohne direkten Kundenkontakt“ und vereinzelt arbeiten, statt – wie sonst üblich – im Team. Zudem würden die Azubis mit dem Auto von zu Hause abgeholt, damit sie nicht Bus und Bahn fahren müssten.

Einen großen Teil seiner Privatkunden habe er vertröstet, dass die Arbeiten zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt werden. „Mehr als 90 Prozent der Termine habe ich aus eigenem Antrieb verschoben, weil ich die Kunden und meine Leute schützen will.“ Viele seiner Kollegen würden ähnlich verfahren, obgleich das in manchen Gewerken alles andere als einfach sei. „Aber wir sehen die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen.“

Ähnlich äußert sich Hildegard Sander, Hauptgeschäftsführerin der Landesvertretung der Handwerkskammern Niedersachsen. „Wir begrüßen, dass die Arbeiten weiter fortgeführt werden. Es gibt einen großen Bedarf, gerade im Wohnungsbau und in der öffentlichen Infrastruktur, wie Schulen, Brücken, Straßen oder auch im Breitbandausbau.“

In manchen Branchen zeichneten sich Probleme ab. „Es gibt Materialengpässe in einzelnen Bereichen und auch Auftragsrückgänge und -stornierungen aus der Industrie“, sagt Sander. Auch Kurzke sind solche Sorgen bekannt: „Manche Betriebe rechnen in Kürze damit, massiv Probleme zu bekommen.“ Zudem sei die Kinderbetreuung für viele Betriebe ein großes Problem, erklärt die Hauptgeschäftsführerin aus Hannover weiter. „Wenn die Großeltern aus Ansteckungsgründen nicht zur Verfügung stehen können, gibt es nahezu keine Alternativen. Im Handwerk ist Homeoffice nur in ganz kleinem Umfang eine Möglichkeit.“

Einen anderen Blick auf die Lage hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau), Region Weser-Ems. „Auf fast allen Baustellen wird noch gearbeitet, aber viele Beschäftigte machen sich große Sorgen, dass sie sich gegenseitig anstecken. Denn auf dem Bau arbeitet man Hand in Hand und sehr eng zusammen“, sagt Christian Wechselbaum, Regionalleiter der IG Bau Weser-Ems. Selbstverständlich sei es von Vorteil, dass viele Beschäftigten sich momentan keine Sorge um ihr Einkommen machen müssten, „aber ihr Gesundheitsschutz muss bestmöglich abgesichert werden“.

Das sei nicht durchgängig der Fall. Auf Baustellen stünden Dixie-Toiletten ohne eine Möglichkeit, sich die Hände zu waschen. Es gebe Handwerkertrupps, die zu mehreren im Transporter ihren Arbeitsplatz anfahren. „Man kann grob sagen: Wo es Betriebsräte gibt, gibt es oft und teilweise vorbildliche Vorkehrungen, aber in kleinen Unternehmen passiert eher wenig. Das zeigen Beschwerden, die wir bekommen.“ Die Gesundheitsämter seien überlastet und kaum in der Lage, die Verhältnisse vor Ort zu überprüfen.

„Das Handwerk müssen wir jetzt besonders im Auge behalten“, sagt Sander. „Es hält die Nahversorgung und die öffentliche Infrastruktur aufrecht. Ohne Handwerk geht es nicht. Vom Wasserrohrbruch oder von der nicht funktionierenden Heizung möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen.“

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