Veggiday-Initiative seit einem Jahr aktiv Bremen als Vorbild für andere Städte

Bremen. Bremen ist als erste deutsche Stadt vorangegangen, jetzt ziehen Wiesbaden, Schweinfurt und Freiburg nach: Donnerstags gilt der Schnitzelbann. Seit einem Jahr wirbt die Bremer Initiative Veggiday für einen fleischfreien Tag in der Woche.
18.02.2011, 05:00
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Bremen als Vorbild für andere Städte
Von Sara Sundermann

Bremen. Bremen ging als erste deutsche Stadt voran, jetzt ziehen Wiesbaden, Schweinfurt und Freiburg nach: Donnerstags gilt der Schnitzelbann. Seit einem Jahr wirbt die Bremer Initiative Veggiday für einen fleischfreien Tag in der Woche. Und schlug damit bundesweit Wellen. Überregionale Medien berichteten - "Bremen - die neue Hochburg der Vegetarier" titelte gar die "Badische Zeitung" in einem Anflug von Übermut. Zum Jahrestag bescheinigt Bürgermeister Jens Böhrnsen der Aktion einen sensationellen Erfolg.

Allerdings: An den festen Essgewohnheiten der fleischliebenden Nordlichter haben die Veggiday-Unterstützer weiterhin zu knabbern. "Wenn es wäre wie bei David und Goliath, dann wäre es gut, denn David hat am Ende gewonnen", sagt Hans-Christoph Hoppensack, stellvertretender Vorsitzender der Bürgerstiftung Bremen, die den Veggiday ins Leben gerufen hat. In diesem Bild ist der Donnerstags-Vegetarier der David und der ganzwöchige Fleischfresser der Goliath. "Wir haben den wunden Punkt bei Goliath noch nicht gefunden", sagt Hoppensack. "Es ist, als ob man versucht, mit einem Drehbohrer ein Stück Hartholz zu durchdringen."

Denn trotz der positiven Reaktionen und interessierten Trittbrett-Täter in anderen Regionen Deutschlands stieß die Initiative anfangs in Bremen auf ein geteiltes Echo: "Die einen haben gesagt: ,Mein Gott, das sind die Spinner, die wollen uns das Fleisch verbieten' und die anderen fanden die Idee super", erzählt Projektleiterin Christiane Schwalbe.

Inzwischen kann die Initiative auf zahlreiche Erfolge verweisen: 78 Kitas, die Bremer Heimstiftung, die Volkshochschule, etliche weitere Einrichtungen und viele Schulen beteiligen sich an den fleischfreien Donnerstagen. Und mit Jens Böhrnsen hat sich ein prominenter Schirmherr gefunden, der den Veggiday persönlich praktiziert. "Ich habe den fleischlosen Tag sehr schnell in mein privates Leben integriert und er tut mir gut", sagt Böhrnsen. Dazu ist längst nicht jeder Bürgermeister bereit.

Dass die Vorbehalte allerdings so groß sind, dass Veggiday-Unterstützer als Spinner betitelt werden, mag viele Bremer verwundern, die ohnehin längst nicht mehr täglich zwanghaft zur Cervelatwurst greifen, sondern lieber ab und an eine Rinderroulade vertilgen und sich den Rest der Zeit am Genuss des Gemüses erfreuen.

Tatsächlich ist die Idee, nur einen von sieben langen Tagen vom Schnitzel zu befreien, eine Minimalforderung, sagt Ernährungswissenschaftlerin Susann-Cathérine Ruprecht vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE): "Ein Tag ohne Fleisch ist eigentlich viel zu wenig. Kinder sollten maximal zweimal pro Woche Fleisch essen, und für Erwachsene gilt das im Prinzip genauso." Sie empfiehlt die Faustregel von früher: Den Sonntagsbraten einmal pro Woche; Gemüse, Brot und Käse an den restlichen Tagen. Der Verzehr von rotem Fleisch, also Schwein, Rind und Lamm, könne das Risiko für Darmkrebs und Diabetes erhöhen, so Ruprecht.

Die Veggieday-Unterstützer verweisen vor allem auf den Klimaschutz-Effekt, der durch weniger Kühe auf den Weiden und damit weniger Methangas in der Luft erzielt wird. Denn Kühe erzeugen dieses ozonschichtschädigende Gas bei der Verdauung. Aber sie argumentieren auch mit einer gesünderen Ernährung.

Wissenschaftler gibt Veggies Recht

Wissenschaftler und etablierte nationale Institutionen wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) geben den Eintagsvegetariern seit langem Recht: Die DGE empfiehlt maximal 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Tag. Im Alltag isst der deutsche Durchschnitts-Mann aber pro Woche über 700 Gramm. Frauen kommen gerade einmal auf die Hälfte der Menge. Dass Sporttreibende dringender auf Fleisch angewiesen seien, verweist Ernährungsexpertin Ruprecht ins Reich der Märchen: "Ein normaler Breitensportler muss sich nicht anders ernähren als alle anderen."Wer viel Sport treibe, habe automatisch mehr Hunger: "Der Körper holt sich dann schon die Energie, die er braucht - aber er kann sich sein Eiweiß ebenso gut aus Hülsenfrüchten, Milchprodukten und Käse holen." Nur Hochleistungssportler seien auf eine besondere Ernährung angewiesen.

Diese Erkenntnis aber hat sich noch nicht überall durchgesetzt. Statistiken zeigen, dass der Appetit der Deutschen auf Fleisch- und Wurstwaren seit Jahren ungebrochen ist. 60 Kilogramm vertilgte 2009 jeder Deutsche im Schnitt. Und soeben meldete das Statistische Bundesamt einen neuen Rekord: Die gewerbliche Fleischproduktion erreichte 2010 in Deutschland einen neuen Höchstwert von insgesamt acht Millionen Tonnen - über 300000 Tonnen mehr als noch im Vorjahr.

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