Stadtentwicklung „Bremen fehlt eine Gesamtstrategie“

Präsident der Bremer Architektenkammer, Oliver Platz, spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über Ideen für die Galopprennbahn und die Notwendigkeit einer Stadtentwicklungsgesellschaft.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Bremen fehlt eine Gesamtstrategie“
Von Jürgen Hinrichs

Herr Platz, die Galopprennbahn soll bebaut werden. Der Senat plant mit 1000 Wohnungen. Gut oder schlecht?

Oliver Platz: Da treffen Sie gleich den entscheidenden Punkt. Ich finde es ganz schwierig, dass bei so einem großen und wichtigen Projekt sofort mit Zahlen operiert wird. Stattdessen müsste es zunächst viel stärker inhaltlich eingebettet werden und Teil einer Gesamtstrategie sein, die fehlt in Bremen.

Wie meinen Sie das?

Es wird leider immer nur punktuell geplant, ohne das Große und Ganze in den Blick zu nehmen. Wenn Bremen sich als wachsende Stadt versteht, sollte es wissen, wo die nächsten Wohnungen, Schulen oder Schwimmbäder entstehen. Darauf aufbauend könnte man dann sagen, was speziell auf der Rennbahn passieren soll. Wenn es diese Strategie nicht gibt, kann man lediglich den Ideen und Initiativen privater Investoren folgen, ohne wirklich die Folgen zu überblicken.

Wie in der Innenstadt.

Ja, aber in dem Fall will ich klar sagen, dass man das, was Kurt Zech und die anderen Investoren vorhaben, nicht zerreden sollte. Strategie hin oder her. Da ist es jetzt einfach wichtig, dass man die Leute machen lässt. Einem Herrn Zech muss man nicht erklären, wie man Einkaufen baut, das weiß der selbst am besten. Hier sollten wir die geplanten Projekte positiv begleiten, lokales Wissen einbeziehen und darauf achten, dass Qualität entsteht.

Dann nehmen wir noch mal die Rennbahn. Wie sollte man da rangehen?

Eben so, dass man auf die gesamte Stadt guckt und die Rennbahn als Baustein nimmt. Brauchen wird dort vielleicht ein Schwimmbad oder einen Fußballplatz? Nutzen wir dort oder besser woanders im Stadtgebiet die Gelegenheit und bauen speziell für die Mittelschicht? Ist das wegen der sozialen Zusammensetzung in der Umgebung vielleicht besonders wichtig? Oder sollten dort im Gegenteil viele Sozialwohnungen entstehen oder Wohnungen für Singles oder für ältere Menschen, die barrierefrei wohnen wollen? Am Ende vielleicht ein Mix aus allem? Solche Fragen können nur beantwortet werden, wenn es die besagte Gesamtstrategie gibt.

Lesen Sie auch

Hochhäuser?

An der Stelle tendenziell nicht, sonst aber haben wir in einer Stadt wie Bremen mit ihren sehr begrenzten Flächen die Pflicht zur Dichte. Wir müssen die Stadt innen verdichten. Andererseits verstehe ich nicht, warum man aus der Bebauung der Osterholzer Feldmark an ihren Rändern oder von Kleingartengebieten, die nicht mehr genutzt werden, gleich einen Glaubenskrieg macht.

Wenn Sie von Strategie sprechen: Wer soll sie umsetzen?

Das ist noch mehr der Punkt. Ich bin dafür, dass Bremen eine Stadtentwicklungsgesellschaft gründet.

Noch eine Organisation, warum übernehmen das nicht der Senat und der Bürgermeister?

Der Bürgermeister hat im Senat kein Richtlinienkonzept, muss also immer auf die einzelnen Ressorts Rücksicht nehmen. Und die Senatoren – auch wenn sie sehr gut zusammenarbeiten, sind sie naturgemäß auf ihren Machtbereich beschränkt. Es fehlt eine übergeordnete Instanz, die beim Thema wachsende Stadt alles in sich vereint. Das ist ja nicht nur die klassische Stadtplanung, dazu gehören genauso die Belange von Soziales, Bildung, Wirtschaft oder Sport. Diese Draufsicht würde eine abgestimmte Planung ermöglichen. Egal übrigens, mit wem ich darüber rede, alle sind dafür und sehen die Notwendigkeit.

Lesen Sie auch

Alle müssten aber auch was abgeben, Zuständigkeiten und Geld.

Ja, im Sinne einer wachsenden Stadt, denn wohin fließt denn das Geld? Dorthin doch, wo es um das Gesamtwohl geht. Es kann nicht sein, dass ein einzelner Senator mehr oder weniger allein entscheidet, nur weil er zufällig den Hut aufhat oder über das entsprechende Sondervermögen bestimmen kann. Klüger wäre doch, dieses Vermögen allseitig verfügbar zu machen. Dafür schlage ich die Stadtentwicklungsgesellschaft vor, die einen Vorstand haben muss, eine Geschäftsführung und die weitgehend frei agieren kann. Das ist übrigens keine Idee der Architektenkammer, sondern wird in vielen anderen Städten längst praktiziert.

Freischwebend? Eine Art Nebenregierung?

Nein, natürlich nicht, das wäre demokratisch nicht legitimiert. Mehr so, dass die Ressorts, aber auch andere Organisationen in der Stadt, sich für diese eine Aufgabe zusammenschließen. Wir haben im Moment wegen der guten Konjunktur die besten Voraussetzungen dafür. Am Ende sollte es so sein, dass die Stadt proaktiv ist, also nicht den Entwicklungen hinterher läuft, sondern sie antizipiert und steuert. Dafür ist es allerdings nötig, bei den einzelnen Projekten nicht vorher schon die Konflikte lösen zu wollen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Erst der Entwurf, und dann schaut man, wie man die unterschiedlichen Interessen ausgleichen kann.

Die Fragen stellte Jürgen Hinrichs.

Zur Person:

Oliver Platz ist 46 Jahre alt und betreibt als Architekt ein eigenes Büro. Seit einem Jahr ist er Präsident der Bremer Architektenkammer.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+