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Arbeiter- und Widerstandslieder
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"Bella ciao" und die Folgen

Joachim Göres 28.08.2018 0 Kommentare

(Christina Kuhaupt)

„Bella Ciao“, das italienische Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg, erfreut sich bei Partys derzeit in vielen Ländern großer Beliebtheit. Der entspannte Remix des französischen DJ Florent Hugel wurde zum Sommerhit, nachdem er durch die spanische Netflix-Serie „Haus des Geldes“ auf einmal wieder populär geworden war. Entdeckt die Jugend alte politische Kampf- und Arbeiterlieder gerade wieder neu? „Wir freuen uns über die aktuelle Popularität, aber vermutlich ist es nur eine kurze Flamme. Die politische Botschaft kann verloren gehen, wenn es in Nizza auf Strandpartys gesungen wird“, sagt Susanne Schrenk. Sie leitet in Bremen den Chor verdi-kanten. Zum Repertoire des Gewerkschaftschores gehören neben „Bella Ciao“ andere traditionelle Arbeiterlieder wie „Brot und Rosen“, das 1912 beim Streik von 14 000 Textilarbeiterinnen in den USA entstand.

Derzeit werden für einen Auftritt im November auf dem „Chörefestival gegen rechts“ in Hannover Stücke wie „Sag nein!“ von Konstantin Wecker, „Ermutigung“ von Wolf Biermann und „Im Innern des Landes“ von Franz Josef Degenhardt geprobt. „Wir singen aber nicht nur politische Lieder, denn das geht auf die Seele. Zu unserem Programm gehören auch lustige und rhythmische afrikanische Lieder, die wir mit Instrumenten begleiten“, sagt Schrenk, die Akkordeon spielt.

Der Bremer Verdi-Chor hat sich 2006 nach einem Streik im Öffentlichen Dienst gegründet. Seitdem ist auch Erzieherin Tina Wegmann dabei. „Ich kann mich bei der wöchentlichen Probe entspannen und meine Laune steigt. Auch der Zusammenhalt in der Gruppe ist wichtig. Zudem sehe ich unsere Auftritte als politisches Engagement an – wir nehmen mit unseren Liedern zu aktuellen Themen Stellung“, sagt Tina Wegmann. Es werden auch populäre Melodien, beispielsweise aus dem Album „The Wall“ von Pink Floyd mit eigenen Texten versehen, die Botschaft des Refrains bei den verdi-kanten lautet: „Wir brauchen keine Nationalisten“. Wie in den meisten Chören üblich, sind bei den verdi-kanten die Frauen in der Überzahl – unter den 20 Mitgliedern finden sich drei Männer. Viele Stücke singt der Chor einstimmig, manche Lieder werden dreistimmig oder als Kanon einstudiert. Notenkenntnisse oder Chorerfahrung werden nicht verlangt.

„Männer trauen sich meist nur, unter der Dusche zu singen“, bestätigt Sigrun Knoche. Sie ist Teil des Duos Cuppatea aus Münster, das häufig auf Demonstrationen oder Veranstaltungen von Gewerkschaften und Initiativen mit Arbeiterliedern auftritt. An vergangenen Wochenende leitete das Duo die Tagung „Lieder der deutschen Arbeiterbewegung in unseren Seminaren“ in der Heimvolkshochschule Hustedt in Celle. Dort wurden Lieder wie „Bella Ciao“, die „Moorsoldaten“ oder „Die Arbeiter von Wien“ gesungen, und es wurde besprochen, wie diese Songs in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eingesetzt werden können. „Wenn etwas länger als vier Zeilen ist, wird es schwierig mit der Textsicherheit. Wir projizieren bei unseren Konzerten die Texte per Beamer an die Wand, damit alle mitsingen können“, sagt Knoche und ergänzt: „Es sind vor allem die Über-60-Jährigen und die Unter-30-Jährigen, die wir mit dieser Musik erreichen.“

Aktueller politischer Bezug

Immer wieder ist in Seminaren Thema, ob die alten Lieder denn heute noch passen – viele Wörter klängen sperrig und altmodisch. „Wir werden oft nach neuen Titeln gefragt, und wir schreiben ja auch neue Texte mit aktuellem politischen Bezug. Doch je mehr man sich mit den alten Liedern beschäftigt, umso mehr merkt man, dass die grundlegenden Probleme wie der Gegensatz von Kapital und Arbeit nach wie vor existieren“, sagt Knoche.

Anja Weber, DGB-Vorsitzende in Nordrhein-Westfalen, warnt vor Missverständnissen. Das bei Gewerkschaftskongressen häufig gesungene Lied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, das die „heilige letzte Schlacht“ gegen die Sklaverei der Arbeiter propagiert, müsse im historischen Kontext verstanden werden – die heutige Lage von Lohnabhängigen sei eine andere.

„Vieles vom Alten stimmt nicht mehr, und das Neue ist noch nicht ganz da. Deshalb brauchen wir neue Lieder, die uns durch diese verunsichernde Zeit begleiten, die Zusammenhalt, Gemeinschaft und Hoffnung schaffen“, sagte Weber in einem Vortrag auf den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, die in diesem Jahr das Arbeiterlied besonders würdigten. Seit 2014 ist „Das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung“ von der Unesco als immaterielles Kulturerbe in Deutschland anerkannt, seitdem gibt es immer mehr Veranstaltungen zu diesem Thema. Das Arbeiterlied stand in diesem Jahr auch auf dem größten deutschen Folkfestival im thüringischen Rudolstadt im Mittelpunkt. Sigrun Knoche freut sich über die Renaissance von „Bella Ciao“, auch wenn ihr die moderne Techno-Fassung nicht gefällt.

Zumindest in Italien, wo man den antifaschistischen Text versteht, ist „Bella Ciao“ tatsächlich wieder eine politische Hymne. Sie wird derzeit häufig bei den Protesten gegen die Asylpolitik von Innenminister Matteo Salvini gesungen.

Weitere Informationen

Die verdi-kanten proben jeden Donnerstag ab 18 Uhr im Bremer Gewerkschaftshaus, An der Weide. Kontakt: Susanne Schrenk, 0421/ 398 96 12.


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