Uni-Professor über Digitalisierung an Schulen

„Wir haben das Thema verschlafen“

Deutschland hat die Digitalisierung an Schulen seit 20 Jahren verschlafen, sagt Informatik-Professor Andreas Breiter von der Uni. In Bremen fehlen ihm zufolge Schultechniker und Fortbildungen für Lehrer.
31.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir haben das Thema verschlafen“
Von Sara Sundermann
Herr Breiter, in den vergangenen Wochen wurde viel über digitale Bildung diskutiert. Verschwindet das Thema nach Corona wieder in der Versenkung?

Andreas Breiter: Wenn wir wieder in den Normalbetrieb gehen, werden viele Lehrer zu dem zurückkehren, was sie vor Corona gemacht haben. Ich habe aber die große Hoffnung, dass von diesem explosionsartigen Digitalisierungsschub, der durch Corona notwendig wurde, auch danach etwas Drive übrig bleibt.

Deutschland ist bei dem Thema nicht als Vorreiter bekannt – ganz im Gegenteil.

Das Schulsystem ist ein träges System. Die deutsche Bildung ist ähnlich innovationsresistent wie die katholische Kirche. Ich beschäftige mich schon seit 1998 mit der Digitalisierung von Schulen. Wir haben das Thema in Deutschland 20 Jahre verschlafen. Das gilt besonders bei der Infrastruktur: Schulen brauchen schnelles Internet und WLAN überall, geeignete Endgeräte und eine Cloud, in der man sicher Daten speichern kann. Da sind alle anderen Länder um uns herum viel weiter vorne, da ist man uns in Skandinavien, aber auch in Österreich weit voraus.

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Was sind bei uns die größten Probleme?

Ein Riesenproblem ist, dass man in Deutschland zuletzt zwar etwas in Infrastruktur investiert hat, aber nicht in die Köpfe. Laptops sind schnell gekauft, aber wer wartet sie, wer hilft bei Problemen und sorgt für Ersatz, wenn Geräte kaputt gehen? Anschaffung ist einfach, Wartung ist schwierig. Und Personalsupport kostet mehr als der Kauf von Geräten. Insgesamt ist Digitalisierung sehr viel teurer, als man denkt. Man unterschätzt die Folgekosten: Für jeden Euro, den man in Geräte investiert, muss man im Grunde jedes Jahr einen Euro in Wartung und Support einplanen.

Die Frage, wie gut digitales Lernen funktioniert, wurde zuletzt absolut zentral und begleitet uns auch weiter. Wo steht Bremen bei dem Thema?

Bremen ist bisher das einzige Bundesland, das mit dem Portal „Its learning“ eine eigene landesweite Lernplattform hat, die datensicher ist. Das ist ein Offenbarungseid für das Bildungssystem. Andere Bundesländer streiten sich noch darum, was das beste Portal ist und wie sie es aufgebaut bekommen. Aber wir haben in Bremen auch große Probleme. Es gibt hier praktisch keine Schultechniker für die Unterstützung von Lehrern und Schülern.

Das Problem haben alle Kommunen. Es gibt an Bremens Schulen mehr Computer als in der Kernverwaltung der Stadt, aber gleichzeitig weniger Techniker. Und auf eine Situation wie in den letzten Wochen, dass Schülerinnen und Schüler nur von zu Hause aus lernen, darauf war man überhaupt nicht vorbereitet.

Sie haben Bremen beim Thema Digitalisierung beraten. Worum ging es da zum Beispiel?

Ja, wir begleiten die Bildungsbehörde dazu seit über zehn Jahren, insbesondere das Landesinstitut für Schule (Lis). Dabei ging es zum Beispiel darum, wie stark die Behörde Schulen den Weg zur Ausstattung für digitales Lernen vorgeben soll. Unsere Empfehlung war zum Beispiel, dass die Behörde ein eingegrenztes und gut vorgeprüftes Portfolio von Produkten entwickeln sollte, eine Art Bauchladen für die Digitalisierung.

Das wurde auch umgesetzt. Schulen können jetzt selbst entscheiden, was sie aus dem Portfolio wählen, ob sie lieber in Laptops oder in Tablets investieren, ob ihnen White Boards wichtiger sind oder eine Dokumentenkamera, mit der man eine Buchseite unkompliziert an die Wand projizieren kann.

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Der Digitalpakt verzögerte sich lange, vor einem Jahr wurde er beschlossen. Mit fünf Milliarden Euro sollen Schulen bundesweit digital aufgerüstet werden, davon gehen 50 Millionen nach Bremen. Doch von dem Geld ist bisher nur wenig angekommen, jede Schule in Bremen muss erst ein Medienkonzept einreichen, bevor Geld in Geräte fließt. Wie sehen Sie das?

Es war naiv zu glauben, dass dieses Geld sofort nach dem Beschluss an den Schulen für neue Laptops sorgen würde. Im Digitalpakt steckt für Bremen richtig viel Geld. Es ist aber wichtig, dass sich jede Schule ihre eigenen Gedanken dazu macht, wie sie die Mittel einsetzen will. Dass es jetzt allerdings so lange dauern würde, bis das Geld ankommt, überrascht mich auch. Das ist eine Überforderung der Bildungsbehörde, wo wenige Beschäftigte nicht hinterher kommen, alles Nötige zu organisieren. Da müssen ja Ausschreibungen für den Kauf von Geräten formuliert werden und Handwerker beauftragt, die Beamer diebstahlsicher an den Decken montieren.

Vom Leiter des Zentrums für Medien am Lis hieß es zuletzt, es habe einige große Online-Seminare zu digitalem Lernen für Lehrer in den Osterferien gegeben, im Alltag laufe viel über Learning by doing. Reicht das, um Lehrer fit zu machen für die Digitalisierung?

Nein, das reicht natürlich nicht. Corona spült diese ganzen Probleme jetzt hoch. Das Thema Lehrerfortbildung ist auch eines, das man in Deutschland jahrelang verschlafen hat. Und auch Bremen hat da viel zu wenig gemacht. Denn die digitale Ausstattung hilft natürlich wenig, wenn viele Lehrer nicht wissen, wie sie sie nutzen können. Es fehlen vor allem fachspezifische Fortbildungen, die nicht nur erklären, wie man das White Board nutzt, sondern wie man Biologie-Wissen gut digital vermitteln kann. Aber für die Durchführung von Fortbildungen muss man Lehrer freistellen, und wir haben Lehrermangel – da hieß es dann in Bremen oft: „Wir brauchen die Lehrer für den Unterricht.“

Ein großes Problem in Bremen ist, dass viele Kinder nur ein Handy mit wenig Datenvolumen und keinen Zugang zu Laptop und Drucker haben. Geht durch digitales Lernen die soziale Schere weiter auseinander?

Es werden beim digitalen Lernen Ungleichheiten verstärkt, die es bereits gibt. Weil viele Kinder gar nicht die notwendige technische Ausstattung haben, ist es extrem wichtig, dass die Bundesregierung zuletzt ein Corona-Sofortprogramm für mehr Geräte für Schülerinnen und Schüler aufgelegt hat. Und die Probleme verschwinden nicht mit den Endgeräten. Wenn der Laptop da ist, bleibt die Frage: Wer unterstützt die Kinder beim digitalen Lernen, wenn ihre Eltern dazu nicht in der Lage sind? Dafür bräuchte es zum Beispiel Studierende, die Kinder zu Hause bei Fragen zum digitalen Lernen unterstützen.

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Herr Breiter, wir sprechen heute vor allem über die Digitalisierung an Schulen, die Sie seit Jahren beschäftigt. Seit dem 1. April sind Sie aber auch leitender Digitalisierungsbeauftragter der Universität. Was sind da Ihre größten Baustellen?

Es geht an der Uni um ähnliche Themen wie an den Schulen. Bei manchem steht die Uni in der Infrastruktur besser da – zum Beispiel gibt es hier ein Campus WLAN. Aber unser Lernportal für die Studierenden, Stud IP, ist zu Beginn der Corona-Krise erstmal zusammen gebrochen, weil wir nicht genug Serverkapazitäten hatten. Da mussten wir schnell nachrüsten.

Da hat man an der Uni in den vergangenen Jahren zu wenig gemacht. Und bei uns auf dem Campus ist wie an den Schulen die Unterstützung der Lehrenden absolut zentral, damit klar wird, was gute Szenarien für digitales Lernen sind. Ein gutes Szenario kann zum Beispiel ein kurzes Erklärvideo sein, zu dem Studierende dann Fragen beantworten sollen. Und die Antworten werden dann in einer Video-Konferenz diskutiert.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

Info

Zur Person

Andreas Breiter (51) ist seit 2004 Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen und beschäftigt sich seit 1998 mit der Digitalisierung von Schulen. Dazu berät er mit seinem Team auch die Bremer Bildungsbehörde. Seit Anfang April ist er außerdem leitender Digitalisierungsbeauftragter der Uni.

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