Zehnmal mehr Corona-Impfungen pro Tag Bremer Firmen planen Impfkampagne

Bisher plant Bremen mit rund 1500 Impfungen am Tag gegen das Corona-Virus. Einer Gruppe von Unternehmern ist das zu wenig. Sie schlägt das Zehnfache vor und will dabei helfen.
06.12.2020, 08:07
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Firmen planen Impfkampagne
Von Jürgen Hinrichs

Ein Bündnis von Firmen mit dem Unternehmer Kurt Zech an der Spitze hat angeboten, die Zahl der geplanten Impfungen in Bremen gegen das Coronavirus um ein Mehrfaches zu erhöhen. Die bundesweit einmalige Aktion solle dafür sorgen, dass es nicht anderthalb Jahre dauere, bis der Impfstoff an die Bevölkerung verteilt sei, sondern nur wenige Monate. Ziel sei, das öffentliche Leben und die Wirtschaft bis zum Sommer zu normalisieren. So geht es aus einem bereits sehr ausgefeilten Konzept hervor, das dem WESER-KURIER vorliegt.

Bisher wird davon ausgegangen, dass in Bremen pro Tag bis zu 1500 Menschen geimpft werden können. Die Gesundheitsbehörde hatte das als „absolutes Maximum“ bezeichnet. Die Initiatoren der privaten Kampagne, zu der die Joke Event AG gehört, wollen diese Zahl im vorgesehenen Impfzentrum in den Messehallen auf bis zu 15 000 erhöhen. „Rechnerisch ist sogar noch mehr möglich, bis zu 24 000 Impfungen pro Tag“, sagte Zech am Sonnabend auf Anfrage. Er legt dabei einen Zweischichtbetrieb zugrunde, an sieben Tagen der Woche von 7 bis 23 Uhr.

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„Bei Mercedes werden rund um die Uhr Autos gebaut. Das muss in diesem Fall doch auch möglich sein, zumal es um Menschenleben geht“, so der Unternehmer. Er habe mit seinem Vorstoß in der bremischen Wirtschaft viel positive Resonanz bekommen, von einzelnen Firmen, die mitmachen wollten, bis zu Dachverbänden wie der Handelskammer und dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Bremen solle beim Impfen mit Logistik, Material und Personal unterstützt werden. Die Behörden könnten ihren Fokus auf die medizinischen Ressourcen legen und würden die Hoheit über den Impfprozess ausüben, lautet der Vorschlag.

Zech ist unter anderem Mitinhaber der Bremer Atlantic-Hotelgruppe. Wegen der Pandemie sind dort viele Beschäftigte in Kurzarbeit. „Es wäre doch eine Sünde, diese personellen Kapazitäten nicht zu nutzen“, sagte der Firmenchef. Gleiches böte sich in der brachliegenden Veranstaltungsbranche an. Ein Reservoir im Ganzen, aus dem für das Impfzentrum mehr als 500 Helfer gewonnen werden könnten. Zech: „Das sind alles Leute, die es durch ihren Beruf gewohnt sind, mit Menschen umzugehen.“

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Benötigt werden für diesen „Kraftakt“, von der die Unternehmerinitiative in ihrem Papier spricht, neben den Hilfskräften für die Organisation in den Messehallen auch Fachleute, insbesondere Ärzte. Es müssen laut Plan pro Tag 135 sein. Rekrutiert werden sollen sie in den mehr als 1000 Praxen in der Stadt, unter Ärzten im Ruhestand, Zahnärzten, Bundeswehr- und Betriebsärzten. Beim Impfen hinzu kämen sogenannte Impfpersonen, das sind zum Beispiel Pfleger, Arzthelferinnen und Angestellte des Rettungsdienstes.

Als Bremer Impfzentrum vorgesehen ist von der Stadt bisher allein die Halle 7 der Messe an der Bürgerweide. Der Vorschlag lautet, die Hallen 4, 5 und 6 dazu zu nehmen. Es soll ein Rundlauf organisiert werden. Angefangen mit Terminkontrolle, Fiebermessung und Anmeldung. Weiter zu den Plätzen, an denen die Menschen über das Impfrisiko aufgeklärt werden. Weiter zu den mehr als 100 Impfkabinen. Und schließlich zum Erholungsbereich, in dem sich die Geimp­ften eine halbe Stunde aufhalten sollten, bis sie nach Hause gehen.

In dem Konzept enthalten ist auch eine mehrsprachige Software, die von den Unternehmen bereitgestellt wird. Sie diene zur Terminvereinbarung für die Erst- und Zweitimpfung und verbreite Dokumente zur Risikoaufklärung. Wer keinen Zugang zum Internet habe, könne die Termine über eine zusätzliche Telefonhotline vereinbaren.

Um den erhofften Erfolg zur erzielen und bereits im Sommer mit der Kampagne durch zu sein, muss es genügend Menschen geben, die bereit sind, sich gegen Corona impfen zu lassen. Nach einer aktuellen Online-Umfrage des WESER-KURIER ist die Bereitschaft dazu auf 70 Prozent gestiegen. Zum Konzept der Bremer Unternehmer gehört eine Kommunikationsstrategie, die darauf zielt, diese Motivation hoch zu halten und noch zu erhöhen. Sie könnte der Ankündigung zufolge sofort umgesetzt werden. Geplant sind neben der Einbindung aller Medien diverse Zeitungsanzeigen, Radiospots und Groß-­plakate. Ferner soll eine Pressestelle eingerichtet werden.

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Das Ziel sei nicht nur, möglichst viele Menschen vom Nutzen der Impfung zu überzeugen, sondern auch für die personelle und finanzielle Unterstützung der Aktion zu werben. Mit Beginn der Impfphase, was nach Einschätzung von Experten und der Behörden möglicherweise im Januar soweit sein könnte, soll ein sogenannter Corona-Ticker etabliert werden – ein Instrument, um regelmäßig darüber zu informieren, wie viele Personen bereits geimpft sind und wie hoch die Zahl der Helfer ist.

Kurt Zech geht nach eigenen Worten davon aus, dass bis Mitte oder Ende Februar mehr Impfstoff vorhanden ist, als verwendet werden kann. Spätestens dann müsse das Impfzentrum unter Volllast sein. Was das heißt – ob es dann 1500 Impfungen sind, wovon die Stadt bislang ausgegangen ist, oder 15 000, wie die an der privaten Kampagne beteiligten Unternehmen anstreben, bleibt eine politische Entscheidung. „Mit Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard haben wir bereits gesprochen, es gab danach auch noch ein Treffen auf Arbeitsebene“, berichtete Zech. Neben Bernhard (Linke) sei auch Bürgermeister Andreas ­Bovenschulte (SPD) einbezogen worden. Für Montag hat die Initiative eine Pressemitteilung angekündigt, bis dahin könnte klarer geworden sein, wie sie mit ihrem Vorschlag beim Senat durchdringt.

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