Analyse: Die Rolle der sozialen Medien Bremer Wahlkampf zwischen Followern, Klicks und Likes

Follower, Gefällt-mir-Klicks und Facebook-Fans: Vor der Bürgerschaftswahl bemühen sich alle Parteien und Spitzenkandidaten im Internet um Wählerstimmen. Welche Strategien verfolgen sie, und wer ist damit erfolgreich?
10.04.2019, 08:30
Lesedauer: 7 Min
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Bremer Wahlkampf zwischen Followern, Klicks und Likes
Von Alice Echtermann

Die Zauberformel im Wahlkampf heißt: präsent sein. An Straßenlaternen hängende Wahlplakate werden von allen gesehen; im Internet kommt es auf die richtige Zielgruppe an. Und anders als im Leben offline gibt es Möglichkeiten, die Zustimmung des Publikums zu messen. "Likes" und "Shares", Klicks von Nutzern auf "Gefällt mir" oder das Teilen von Beiträgen werden zur Währung im Wahlkampf.

Es scheint einfach, die Beliebtheit eines Politikers aus der Zahl seiner Follower oder Fans abzuleiten. Über seine realen Chancen bei einer Wahl sagen sie jedoch wenig aus. Denn woher kommen die Fans? Wenn nicht aus Bremen, dann nützen sie einem Kandidaten bei der Bürgerschaftswahl nichts. Und auch über Qualität sagen die Zahlen wenig aus, denn wer sich im Internet gut verkaufen kann, muss nicht der fähigste Politiker sein.

Das muss gesagt werden - und trotzdem lohnt es sich, sich den Wahlkampf in den sozialen Medien genauer anzuschauen. Ob Facebook schon jemals eine Wahl entschieden hat, ist unklar. Tatsache ist jedoch, dass sich viele Menschen dort eine Meinung bilden und informieren. Deshalb hat der WESER-KURIER zwei Monate lang, seit Anfang Februar 2019, die Aktivitäten der Bremer Parteien und Spitzenkandidaten beobachtet.

Zunächst lässt sich feststellen: Facebook ist noch immer DAS Medium. Alle Parteien nutzen es intensiv für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Kein Wunder, denn das Netzwerk verzeichnete nach eigenen Angaben Ende 2018 insgesamt 32 Millionen aktive Nutzer in Deutschland. Davon nutzten 23 Millionen Facebook täglich. Twitter dagegen ist weniger verbreitet, offizielle Zahlen für Deutschland veröffentlichte das Unternehmen bisher nicht. Die Onlinestudie von ARD/ZDF für 2018 fand jedoch heraus, dass nur 4 Prozent der Deutschen über 14 Jahren täglich Twitter nutzen. Bei Facebook waren es 31 Prozent. Dennoch greifen Politiker gern auf Twitter zurück - auch, weil dort viele Journalisten aktiv sind, die Tweets direkt als Statements aufgreifen.

Die Spitzenkandidaten auf Facebook

Die Namen aller Spitzenkandidaten sind auf Facebook zu finden. Unter ihnen hat die Seite von Lencke Steiner (FDP) mit Abstand die meisten Fans. Dass Facebook inzwischen als Muss im Wahlkampf angesehen wird, zeigt auch die Tatsache, dass sich die Kandidatin der Grünen, Maike Schaefer, im März noch schnell eine offizielle Seite anlegte.

Damit ist Kristina Vogt (Linke) die letzte, die ihren Wahlkampf noch über ihr privates Profil betreibt. Dort hat sie über 3900 Kontakte, auch Freunde genannt. Das mag sogar Vorteile haben, denn schon seit längerem ist bekannt, dass Facebook Nachrichten von offiziellen Seiten weniger gut verbreitet als Beiträge von Freunden. Der Nachteil: Die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem wird so leicht verwischt.

Kein personalisierter Wahlkampf bei Sieling

Bemerkenswert ist auch der Facebook-Auftritt von Carsten Sieling (SPD). Denn obwohl es eine Facebook-Seite unter seinem Namen gibt, die mehr als 6000 Leute erreicht, darf er dort keinen Wahlkampf machen. Die Seite sei der offizielle Auftritt des Bürgermeisters, erklärt André Städler, Sprecher der Senatskanzlei. Sie werde aus dem Rathaus betreut und nicht von der SPD.

Somit ist Carsten Sieling der einzige Bremer Spitzenkandidat, der theoretisch in keinem sozialen Netzwerk präsent ist. Dass die Trennung der Funktionen zu Verwirrung führen könnte, ist Städler bewusst. "Wir vertrauen auf die Intelligenz der Facebook-Nutzer, zu erkennen, dass das kein Wahlkampf ist", sagt er.

Die wenigsten Bremer Spitzenkandidaten betreuen ihre Auftritte selbst. Meist stecken Pressesprecher oder ein kleines Social-Media-Team dahinter. Wie authentisch das Dargebotene ist, variiert also. Auf professionelle Fotos, Grafiken und Videos setzen inzwischen alle Parteien. Die einzige Spitzenkandidatin, die nach Aussage ihres Sprechers allein für ihre Profile zuständig ist, ist Kristina Vogt. Lencke Steiner ist laut FDP-Sprecher Tim Abitzsch hauptverantwortlich für ihre Auftritte auf Facebook und Instagram, Abitzsch unterstützt sie jedoch dabei. Carsten Meyer-Heder (CDU) und Maike Schaefer beteiligen sich teilweise an der Pflege ihrer Seiten. Bei Frank Magnitz (AfD) sind laut seiner Tochter Ann-Katrin Magnitz Referenten für Facebook zuständig.

Auch nutzen nicht alle Parteien die sozialen Medien auf die gleiche Weise oder gleichermaßen intensiv. Als Social-Media-Parteien können die AfD und die Linke bezeichnet werden - sie erreichen rein zahlenmäßig die meisten Menschen auf Facebook und Twitter. Das überrascht nicht, denn wer polarisiert, ernet im Internet meist die größte Aufmerksamkeit.

Spitzenreiter ist jeweils die AfD. Die Partei hat sich bundesweit seit Jahren auf die Kommunikation in den sozialen Netzwerken spezialisiert. Eine Studie der spanischen Datenanalysefirma Alto legte kürzlich dar, dass Rechtspopulisten in ganz Europa den politischen Diskurs auf Social-Media-Plattformen dominieren. Demnach wurde die AfD in Deutschland so häufig wie keine andere Partei erwähnt - ob im positiven oder negativen Sinne, wurde nicht erfasst. Die Studie zeigt jedenfalls, dass rechtspopulistische Parteien auf Facebook oder Twitter überproportional viel Aufmerksamkeit bekommen, indem sie deren Mechanismen systematisch nutzen.

Auch die AfD Bremen setzt vor allem auf Emotionen wie Empörung und Wut, um möglichst viele Menschen zu erreichen. In der Vergangenheit galt das Interesse fast ausschließlich Facebook, seit März richtet sich der Fokus zunehmend auch auf Twitter, wie Ann-Katrin Magnitz auf Nachfrage bestätigt.

Die AfD setzt vor allem auf Negativ-Schlagzeilen, um Debatten auszulösen. Um diese zuzuspitzen, greift sie sich teilweise bewusst Einzelaspekte heraus, überhöht deren Bedeutung und lässt weitere Hintergründe weg.

So zitierte die AfD Bremen kürzlich auf Facebook einen Artikel des WESER-KURIER über einen Versicherungsindex, laut dem Bremen die zweitgefährlichste Großstadt Deutschlands sei. Und behauptete irreführend, dieser zweite Platz sei vor allem auf Einbrüche, Brandstiftung, Kreditkartenbetrug und weitere Delikte zurückzuführen. Dass nur 13 Städte verglichen wurden und Bremen bei vielen Kategorien nur im Mittelfeld oder gar auf den hinteren Rängen lag, verschwieg die Partei. Ebenso wie die Tatsache, dass der Index sich zu großen Teilen auf Schäden durch Feuer, Wasser und Wind bezog.

"Appetithäppchen" für Informationen

Nun ist das Verkürzen von Informationen in den sozialen Medien weit verbreitet. Das erklärt auch Rebekka Grupe, Sprecherin der CDU: "Social Media-Posts können und sollen nicht die politische Debatte in Tiefe abbilden, sondern sind 'Appetithäppchen' für Themen oder Positionen", sagt sie. Es ist jedoch wie so oft der Ton, der die Musik macht. Und der ist in den Kommentarspalten auf den Seiten der AfD wesentlich wütender als bei allen anderen Parteien.

Auf Instagram sind alle Parteien eher zurückhaltend; die AfD ist dort gar nicht aktiv. Absolute Spitzenreiterin in Sachen Instagram-Follower ist die FDP, die dieses Medium auch neben Facebook als ihren Hauptkanal bezeichnet. Lencke Steiner (FDP) ist dort mit ihren mehr als 6000 Abonnenten schon das, was man eine Influencerin nennt. Harte Parteiinhalte präsentiert sie ihren Followern allerdings eher selten; auf ihrem Profil sind vor allem Selbstporträts zu finden.

Wer konnte bisher punkten?

Doch wessen Wahlkampf in den sozialen Medien zeigte bisher die meiste Wirkung? Als Maßstab muss an dieser Stelle die Entwicklung der Fans oder Follower herhalten. Zwar ist nicht jeder, der bei Facebook auf "Gefällt mir" oder bei Twitter und Instagram auf "Folgen" klickt, automatisch ein Anhänger. Ein Interesse lässt sich daraus aber schon ableiten.

Schaut man sich über zwei Monate die Zunahme der "Gefällt-mir"-Angaben der Facebook-Seiten an, ergibt sich folgendes Bild:

Bei den Spitzenkandidaten hat Carsten Meyer-Heder am deutlichsten zugelegt (+318). Auch Lencke Steiner (+159) und Frank Magnitz (+134) gewannen Fans hinzu. Nicht vergleichbar damit ist die Entwicklung des Profils von Kristina Vogt, da sich ihre Freundeszahl nur erhöht, wenn sie jemanden als Kontakt bestätigt. Ebenfalls außen vor sind Carsten Sieling, der auf seiner Seite keinen Wahlkampf macht, sowie Maike Schaefer und Hinrich Lührssen, die ihre Seiten neu anlegten und daher bei Null anfingen.

Bei den Parteien konnte die SPD mit ihrer stärksten Seite "SPD Bremen-Stadt" am meisten zulegen. Sie ist im Vergleich der Parteien auch die aktivste und veröffentlicht im Schnitt zehn Posts pro Woche - ähnlich wie die AfD. Auf Twitter gewann die CDU Bremen die meisten Follower hinzu (+96), gefolgt von der FDP Bremen (+87) und dem Account "SPD Land Bremen" (+80).

Was wollen die Parteien bewirken?

Letztlich zeigen solche Vergleiche vor allem, wer eine erfolgreiche Strategie im Netz betreibt und verstanden hat, wie soziale Medien funktionieren. Die Motivation der Parteien ist nach Aussage ihrer Sprecher stets die gleiche: Alle wollen über ihre Politik informieren, Aufmerksamkeit erzeugen, sich mit ihrer Community austauschen oder einen Einblick in den Alltag der Kandidaten geben. Soziale Netzwerke seien aber neben Veranstaltungen oder Bürgergesprächen nur eine Säule der Kommunikation, erklärt CDU-Sprecherin Rebekka Grupe.

Am Ende erhoffen sich alle Parteien natürlich, dadurch Stimmen zu gewinnen. Dafür wollen sie sich auf Augenhöhe begeben, schlagen einen vertraulichen Ton an. Es wird geduzt. Die FDP gibt sich gerne kontrovers: "Bauen statt klauen: Die Linken in Bremen wollen ein Wohnungsunternehmen enteignen und die Grünen im Bund träumen auch schon von Enteignungen… Der Sozialismus lässt grüßen!" Ausrutscher der Gegenseite werden schon mal genüsslich ausgekostet, unter der Gürtellinie liegen diese Sticheleien aber nie. So postet die SPD eine Grafik über Bremens Wirtschaftswachstum und schreibt: "Carsten Meyer-Heder heute im Interview mit n-TV: 'Naja, wenn man sich die Zahlen anguckt, muss man leider feststellen, dass wir überall den schlechtesten Platz belegen.' [...] CMH hat wie so häufig einfach nicht den Durchblick!"

Einen Beitrag zum Wahlkampf leisten auch viele weitere Listenkandidaten, die eigene Social-Media-Kanäle betreiben. Da sie ihre Profile persönlich betreuen, sind sie meist authentischer. Besonders aktiv auf Twitter sind zum Beispiel Kai Wargalla (Grüne), Alexandra Werwath (Grüne), Rainer Hamann (SPD), Martin Günthner (SPD) und Claas Rohmeyer (CDU).

Die größte Reichweite hat jedoch ein anderer. Ausgerechnet der Chef der CDU-Wümme, Michael Keller, Listenplatz 19, stellt in punkto Followerzahlen bei Twitter alle in den Schatten. Und das, obwohl er dort nicht besonders aktiv ist. Wie kommt's? Auf Nachfrage sagt Keller, er könne sich das auch nicht so richtig erklären. Den Twitter-Account hat er schon seit 2012. Er habe früher in den sozialen Medien viel "rumgespielt", erklärt er. Sei beruflich viel im Ausland unterwegs gewesen, habe Spielerberatung im Fußball und Basketball gemacht, dann Immobilien- und Kunstgeschäfte. "Ich hatte sogar mal über 10.000 Follower. Gekauft habe ich da nichts. Die Zahl geht jetzt vermutlich auch etwas runter, weil ich für die CDU kandidiere und darüber poste", sagt Keller. Insgesamt hat er eine ganz gesunde Einstellung zum Thema soziale Medien: "Ich gucke gar nicht danach, wer die meisten Follower hat. Wichtig ist doch der Mensch dahinter."

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