Gesundheitssenatorin im Interview Claudia Bernhard: Bremen wird vom Coronavirus nicht verschont bleiben

Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) über die aktuelle Lage in Bremen und welche Lehren bereits jetzt aus der Ausbreitung des Coronavirus gezogen werden können.
29.02.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Claudia Bernhard: Bremen wird vom Coronavirus nicht verschont bleiben
Von Sabine Doll
Frau Bernhard, wie groß ist Ihre Sorge für Bremen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland?

Claudia Bernhard: Wir werden nicht verschont bleiben. Die Einschläge kommen näher, und das muss man einkalkulieren. Man muss die Kunst hinbekommen, gut vorbereitet zu sein, die Entwicklung ernst zu nehmen und nicht unnötig Panik zu schüren. Das ist die große Herausforderung.

Gelingt das?

Bislang schon. Die Rückmeldungen, die wir aus der Bevölkerung bekommen, sind sehr sachlich und nüchtern. Es gibt viele Menschen, die sich in den Gesundheitsämtern und in Krankenhäusern melden. Bisher können wir in Bremen keine großen Wellen von Panik wahrnehmen, das bewegt sich noch in einem normalen Maß. Nach meiner Auffassung sind die Krankenhäuser zum jetzigen Zeitpunkt gut aufgestellt.

Die Situation kann sich sehr schnell ändern. Das hat die Ausbreitung des Coronavirus von Italien nach Deutschland gezeigt – was hat die Lage für Bremen seit dem ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Hamburg verändert?

Es ist deutlich geworden, dass das Virus sich weiter ausbreitet – und jetzt in Norddeutschland angekommen ist. Für uns hat sich die Lage deutlich verändert, als das Coronavirus Italien erreicht hat und die Zahl der Infizierten dort sprunghaft angestiegen ist. Wir haben ja auch direkte Verkehrsverbindungen mit Italien, beispielsweise im Flugverkehr. Das war der Kipppunkt. Damit war eigentlich klar, dass es sich weiter in Europa und auch in Deutschland ausbreiten wird. Und damit aller Wahrscheinlichkeit nach auch Bremen erreicht.

Müssen wir uns in Bremen darauf einstellen, dass bei vielen bestätigten Infektionen das öffentliche Leben eingeschränkt wird?

Als Szenario ist sehr denkbar, dass Veranstaltungen abgesagt werden. Und es kann sein, dass Kitas und Schulen geschlossen werden müssen. Dass wir allerdings soweit gehen müssten, den öffentlichen Nahverkehr einzustellen, sehe ich im Moment nicht. Garantieren kann das aber niemand.

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Wie intensiv bestimmt die Ausbreitung des Coronavirus Ihre Arbeit?

Es begleitet meinen Alltag im Hintergrund beständig. Wir sind alle auf Abruf, es jagt aber nicht eine Krisensitzung die andere. Morgens gibt es in der Behörde einen Abgleich, bei dem die aktuelle Lage und die Vorbereitungen der Maßnahmen besprochen werden. Es bleibt definitiv die Zeit, andere Termine wahrzunehmen. Aber überall, wo ich hinkomme, ist das Thema.

Haben Sie Ihr Verhalten im Alltag verändert?

Bislang relativ wenig. Ich wasche allerdings meine Hände deutlich öfter und noch intensiver. Und man denkt schon über Menschenansammlungen und entsprechende Veranstaltungen nach. Es ist im Hintergrundrauschen inzwischen immer vorhanden.

Haben Sie sich eine Schutzmaske zugelegt?

Nein.

Was raten Sie den Bremerinnen und Bremern, wie sie damit umgehen sollen, dass das Coronavirus näher kommt und es wahrscheinlich nicht bei Berichten und Bildern aus anderen Regionen bleibt?

Ich rate schon, dass man dem nüchtern und sachlich begegnet – aber mit einer höheren Sensibilität. Es ist nicht so, dass man in wilde Hamsterkäufe verfallen muss. Aber: Was Kitas und Schulen betrifft, muss man verstärkt den Blick auf Kinder haben und aufmerksam sein, wenn entsprechende Symptome auftreten. Und ganz besonders muss bei älteren und vorerkrankten Menschen lieber ein Test zu viel als einer zu wenig gemacht werden.

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Es gibt nun auch zunehmend Kritik, dass in Deutschland die Ausbreitung des Coronavirus zu spät ernst genommen wurde. Macht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen guten Job?

Das ist eine schwierige Frage. Am Anfang war der Bundesgesundheitsminister relativ gelassen, inzwischen sind die Mitteilungen zu einer Pandemie und dass man jetzt entsprechendes Versorgungsmaterial beschlagnahmt einer gewissen Gelassenheit nicht so dienlich. Ich bin aber der Meinung, dass die Informationen einen schon in die Lage versetzen, das realistisch einzuschätzen. Diese Informationen laufen ja nicht nur über den Bundesgesundheitsminister.

Kann man zum jetzigen Zeitpunkt schon eine oder auch mehrere Lehren aus der weltweiten Ausbreitung des neuartigen Coronavirus ziehen?

Wir werden uns in Zukunft häufiger auf solche Szenarien einstellen müssen. Im Zuge der Globalisierung breiten sich solche Krankheitserreger schnell um den Erdball aus. Und das hat neben der Gefahr von Infektionen und Todesfällen auch noch andere Auswirkungen.

Welche?

Die ganze Schutzkleidung, auf die wir für solche Fälle angewiesen sind, wird zum Beispiel in China hergestellt. Und: Die gesamte Arzneimittelproduktion hängt von Asien ab, dort haben die meisten Hersteller für versorgungsrelevante Medikamente und Wirkstoffe ihren Sitz. Wenn es darauf hinausläuft, dass entsprechende Lieferungen wegen Quarantäne-Maßnahmen und Produktionsausfällen nicht mehr möglich sind, dann bekommen wir an dieser Flanke noch ein ganz anderes Problem. Das sind Effekte von Konzentration, Outsourcing, also Auslagern von Produktionen, die Abhängigkeiten für uns generieren und die man schleunigst in den Blick nehmen muss. Das ist dann perspektivisch nicht mehr aufzufangen. Und das wird in einem solchen Zusammenhang brutal deutlich. Es gab auch schon vor dem Coronavirus erhebliche Lieferschwierigkeiten.

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Wollen Sie als Gesundheitssenatorin dieses Thema auf Bundesebene anstoßen?

Wir müssen uns in den Bundesländern dringend abstimmen, dass wir Bundesratsinitiativen dazu auf den Weg bringen – mit dem Ziel, diese Abhängigkeiten abzustellen. Für Pharmafirmen sind bestimmte Dinge nicht lukrativ, aber das kann man im Sinne von Versorgungsverantwortlichkeit für die Bevölkerung nicht riskieren. Ich hoffe, dass die aktuelle Lage zumindest diesen Effekt haben wird. Wir werden anstoßen, dass dies bundespolitisch in Angriff genommen wird.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Claudia Bernhard (58)

ist Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz in Bremen. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaften. Die Linken-Politikerin wurde 2011 in die Bürgerschaft gewählt.

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